Forscher sind dabei, alle Gene entschlüsseln, die an der Entstehung einzelner Krebsarten beteiligt sind. Daraus soll dann eine Art Fehlerkatalog für jede Krebsart ­erstellt werden. Foto:  

Mit interaktiver Grafik - Für die Behandlung von Krebs gibt es seit Jahrzehnten bewährte Methoden – Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie. Sie sollen Krebszellen entfernen oder zerstören. Inzwischen greifen Mediziner immer mehr zu Genanalysen, um Medikamente gezielter einsetzen zu können.

Tübingen/Stuttgart - Saskia Biskup ist keine Frau, die Märchen erzählt, wenn es um ihre Arbeit geht. Doch wird die Humangenetikerin nach den Erfolgen gefragt, dann klingen ihren Berichte fast schon wunderbar: Da war also dieser Patient mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Die Chemotherapie und auch die Strahlentherapie konnten nicht verhindern, dass der Krebs sich immer weiter in seinem Körper ausbreitete. „Wir haben eine umfassende Genanalyse vorgenommen und das Erbgut des Tumors nach Veränderungen untersucht“, sagt Biskup. Daraufhin wurde eine für den Patienten passende Therapie zusammengestellt. Wenige Wochen später war der Krebs zurückgedrängt. „Dem Patienten geht es heute gut“, sagt Saskia Biskup. Das Schicksal der tödlichen Diagnose Krebs, so sagt es die Humangenetikerin, ­habe man zumindest dieses Mal durchbrechen können.

Fast eine halbe Million Menschen erhalten in Deutschland jedes Jahr die Diagnose Krebs. Der Schock mag bei vielen ähnlich sein. Der Krebs in ihnen ist es aber keineswegs. Es wird zwar allgemein von Brustkrebs, Darmkrebs oder Lungenkrebs gesprochen – eben je nachdem, in welchem Organ der Tumor entstanden ist. Doch seit sich die Wissenschaft immer mehr auf das Erbgut der Krebszellen konzentriert, ist es klar, dass es selbst bei einer Krebsart wie beispielsweise Brustkrebs verschiedene Gruppen gibt – mit jeweils einzigartigen ­genetischen Veränderungen, die bei jedem Patienten anders ausfallen.

Mit Hilfe einer Genanalyse lassen sich krebserregende Mutationen erkennen

Krebs ist nicht einfach Krebs: „Es geht mehr und mehr darum zu verstehen, was eine Krebszelle von einer normalen Körperzelle unterscheidet“, sagt Saskia Biskup. Die Humangenetikerin widmet sich dieser Spurensuche. Mit ihrem 2009 gegründeten Unternehmen Center for Genomics and Transciptomics, kurz CeGaT, in Tübingen hat sie sich auf die Erbgut-Analyse von Krebszellen spezialisiert.

Normalerweise teilen sich Körperzellen nur dann, wenn der Körper Tochterzellen braucht – etwa um Wunden zu heilen oder um altes Gewebe zu erneuern. Doch bei Krebs teilen sich die Zellen unkontrolliert. Es entstehen zu viele Zellen, die bei Tumorerkrankungen eine Geschwulst bilden. Verantwortlich für das unkontrollierte Wachstum sind selten vererbbare, sondern in der Regel zufällige Veränderungen im Erbgut der Zellen. Mit Hilfe einer Analyse können Humangenetiker wie Biskup diese genetischen Veränderungen, auch Mutationen genannt, erkennen. „Wir analysieren dann, was diesen einen individuellen Tumor überhaupt zum Tumor macht, und schlagen dem Arzt mögliche Behandlungsoptionen vor.“

Bei Brustkrebs wird diese Methode schon angewendet

Präzisionsmedizin nennen Mediziner es, wenn Patienten eine passende Behandlung mit Krebsmedikamenten angeboten wird. Patienten kennen diesen Forschungsbereich meist als personalisierte oder individualisierte Krebsmedizin. Vorbild ist der Wirkstoff Imatinib – also das Krebsmedikament Glivec, das bei einer bestimmten Form von Blutkrebs eingesetzt wird: bei der Chronischen Myeloischen Leukämie, ausgelöst aufgrund eines fehlerhaften Gens im Erbgut. Das Medikament schaltet die Funktion dieses Gens aus, und die Leukämie verschwindet – in vielen ­Fällen sogar dauerhaft.

Solche Erfolge wecken Hoffnung, nicht nur bei Patienten: Weg von der Schrotschussmethode, hin zur gezielten Behandlung – so soll auch nach Meinung der Bundesforschungsministerin Johanna Wanka die Zukunft der Krebsbehandlung aussehen. Der Bund hat allein für diese Zwecke in diesem Jahr mehr als 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Nicht jeder Krebspatient braucht eine Genanalyse

Das Screening nach Mutationen wird schon teil­weise am Klinikum Stuttgart umgesetzt: ­Bei der Diagnosestellung werden die Stellen, an denen besonders häufig krebsauslösende Mutationen stattfinden, gezielt angesehen – etwa bei Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs, bei Formen von Magenkrebs und bei der Leukämie. Im Stuttgart Cancer Center (SCC) – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl des Klinikums wird ohne eine solche molekulare Analyse, die den Ärzten sagt, wie der Krebs entstanden ist, wie aggressiv er ist und wie er sich behandeln lässt, mit der Therapieplanung nicht begonnen.

Das bedeutet nicht, dass es für jeden Krebspatienten eine Genanalyse braucht, betont der Leiter des SCC, Gerald Illerhaus. Bei Männern mit Prostatakrebs braucht es beispielsweise keinen genetischen Nachweis: Ihr Tumor wächst praktisch immer abhängig vom Hormon Testosteron. Die Hormon­blockade wirkt daher so gut wie bei allen Männern – zumindest für einen längeren Zeitraum.

Bei vielen Krebserkrankungen schlagen jedoch die Medikamente nicht bei allen ­Patienten gleich gut an. Wie das Medikament Herceptin, ein Antikörper, das bei Brustkrebs eingesetzt wird. Es erkennt und blockiert ein Eiweiß auf der Oberfläche der Krebszellen, das krankhaft vermehrt vorhanden ist und das die Tumorzellen zum Wachsen anregt. Tatsächlich aber hat nur ­jede vierte Frau mit Brustkrebs die genetische Voraussetzung, dass das Medikament wirkt. Beim Rest zeigt das Mittel keinerlei Wirkung. Um also abzuklären ob Herceptin verschrieben werden darf, nehmen Ärzte einen Gentest vor.

Präzisionsmedizin wird zusammen mit Standardtherapien angewendet

Im Klinikalltag entfaltet die Präzisionsmedizin ihre Wirkung vor allem in Kombination mit den Standardtherapien: Ist der Tumor noch klein und hat keine Metastasen gebildet, kann er operiert ­werden – meist kombiniert mit einer Chemotherapie, manchmal auch mit einer Bestrahlung. Die anschließende Einnahme ziel­gerichteter Medikamente erhöht die ­Chance, dass der Krebs nicht zurückkehrt. Bei einer Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium können diese Medikamente ­kombiniert mit Standardtherapien dafür sorgen, dass der Krebs zurückgedrängt wird, teils auch ganz verschwindet. Auch sind zielgerichtete Therapien oft ­ärmer an Nebenwirkungen.

Noch machen personalisierte Therapien nur etwa 20 Prozent aller Krebsbehandlungen aus. Forscher wollen nun alle Gene entschlüsseln, die an der Entstehung einzelner Krebsarten beteiligt sind. Daraus soll dann eine Art Fehlerkatalog für jede Krebsart ­erstellt werden.

Noch zahlen die Krankenkassen nur in Einzelfällen

In Keller der Tübinger Praxis für Humangenetik CeGaT surren derweil die Hochdurchsatzsequenzierer, wie die kühlschrankgroßen Hochleistungsrechner genannt werden. In einer Nacht können die modernen Automaten parallel mehrere Hundert Gene auf mögliche Defekte überprüfen, die für die Krebsentstehung ­ursächlich sein könnten. Die Aufträge kommen meist von Forschungseinrichtungen und Kliniken, 7500 Proben sind das pro Jahr. Teils stammen diese auch von Krebs­patienten, die darauf hoffen, so eine wirk­samere Therapie zu finden. Die Kosten in Höhe von rund 5000 Euro tragen sie selbst, die Kassen springen aber ­zunehmend ein. Aus Kostengründen, sagt Biskup. Denn ­teurer als eine umfassende Genanalyse ist immer noch eine Therapie, die nicht wirkt.

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