Die Zwillinge Jessica und Jennifer ernähren sich seit fünf Jahren komplett zuckerfrei. Was die Ernährungsumstellung mit ihnen gemacht hat, und welche Tricks es gibt, beim Einkauf nicht in die Zuckerfalle zu tappen, erklären sie im Interview.
Quadratisch, praktisch, lecker – und am besten mit Joghurt-Füllung. So sah die Lieblingsschokolade von Jennifer und Jessica aus. „Früher“, so schreiben es die Zwillinge, „haben wir jede neue Schoki-Sorte, die auf den Markt gekommen ist, gefeiert.“ Jetzt, fünf Jahre später, essen die 30-jährigen Schwestern aus Niedersachsen nur noch Dinge, die komplett ohne zugesetzten raffinierten Zucker auskommen. Und das ist nicht wenig, wie Jennifer und Jessica alias „healthytwins“ auf Instagram ihren Followern zeigen. Im Interview mit unserer Zeitung erzählen sie nicht nur, wie der Verzicht auf Zucker ihr Leben verändert hat, sondern auch wie die Umstellung gelingen kann.
Wann haben Sie sich entschieden, komplett auf Zucker zu verzichten?
Jennifer: Wir wollten unseren Heißhunger loswerden, wir hatten tägliche Heißhungerattacken. Auch unser Konsum von Süßigkeiten war sehr hoch: Ohne Süßes ging es nicht. Wir brauchten Zucker als „Nervennahrung“. An unserem Essverhalten haben wir gemerkt, das wir wirklich zuckersüchtig sind. Aber um den Körper wirklich umzustellen, muss man sozusagen einen Entzug machen.
Jessica: Es kann Wochen oder Monate dauern, bis der Körper sich umgestellt hat und sich auch die Geschmacksnerven verändert haben. Aber die Umstellung lohnt sich.
War der Zuckerverzicht leicht umzusetzen?
Jessica: Nein, überhaupt nicht. Uns war nicht bewusst, in welchen Lebensmitteln überall Zucker enthalten ist. Erst denkt man: Okay, Zucker ist nur in Süßigkeiten drin. Aber mittlerweile ist der Stoff in fast allen Fertigprodukten aus dem Supermarkt. Die größte Herausforderung war, das Einkaufsverhalten komplett zu ändern, alle Zutatenlisten erst einmal zu studieren und zu wissen, was sich hinter den ganzen Begriffen in der Zutatenliste versteckt. Zucker hat ja viele Namen, etwa Agavendicksaft, Maltodextrin, Magermilchpulver, Raffinose, Gerstenmalz.
Jennifer: Da in fast allen Produkten Zucker enthalten ist, mussten wir lernen, selbst zu kochen und zu backen. Das haben wir bis dahin nie gemacht. Heute machen wir Soßen, Dressings, Brot, Marmelade alles selber.
Wie süßen Sie Ihr Essen?
Jennifer: Mit natürlichen, vollwertigen Lebensmitteln wie Datteln und Obst wie etwa Blaubeeren. Diese natürlichen Süßungsmittel führen nicht zu Heißhunger.
Wie haben Sie das Durchhalten geschafft?
Jessica: Wir haben uns das Ziel gesetzt, ein zuckerfreies Leben zu führen – ohne weiter vom Heißhunger fremdgesteuert zu sein. Wir wollten wieder zu einem normalen Essverhalten zurückfinden. Wer so etwas durchziehen will, muss sich über den Grund klar werden – egal ob man Gewicht verlieren, gesünder leben, bessere Haut haben möchte. Wichtig ist, einfach anzufangen und dranzubleiben. Nicht nach rechts und links schauen, was andere machen. Und sich nicht ablenken lassen.
Für einen gesünderen Lebensstil braucht es nicht unbedingt einen Zuckerverzicht. Warum diese radikale Entscheidung?
Jennifer: Unser Motto war immer: Ganz oder gar nicht. Keine Ausnahmen. Wir glauben, dass es gerade in der Anfangszeit sehr wichtig ist, komplett auf Zucker zu verzichten. Später kann man – wenn man mag – sicher auch mal Ausnahmen machen. Wir hätten beispielsweise nach fünf Jahren nicht die Sorge, bei einer Ausnahme in alte Gewohnheiten zurückzufallen.
Leben Sie auch sonst gesünder?
Jennifer: Ja, das war uns ebenfalls wichtig. Wir achten sehr auf Bewegung und machen beispielsweise regelmäßig Pilates. Auch möchten wir alles so natürlich wie möglich haben – ohne schädliche Stoffe für den Körper. Daher schauen wir auch genauer auf die Inhaltsstoffe von Pflegeprodukten und Kosmetika. So stellen wir unser Waschmittel beispielsweise selber her.
Hat sich Ihr Befinden durch den bewussteren Lebensstil geändert?
Jessica: Ja, wir haben keine Mittagstiefs mehr. Auch die Heißhungerattacken haben aufgehört. Interessant ist, dass wir insgesamt weniger ans Essen denken – und dass auch diese Unruhe verschwunden ist, die uns überkam, wenn unser Zuckerspiegel abgesunken ist. Unser Hautbild hat sich verbessert, und wir sind weniger Anfällig für Krankheiten.
Inzwischen haben viele Hersteller umgeschwenkt und bewerben Lebensmittel mit „weniger Zucker“ oder „ohne Zuckerzusatz“. Ist der Einkauf einfacher geworden?
Jessica: Nicht unbedingt. Wenn „ohne Zuckerzusatz“ drauf steht, heißt es ja nur, dass es keine Haushaltszucker und Traubenzucker enthalten darf, andere Zuckerarten schon. Was einem nicht hilft, wenn man sich möglichst zuckerfrei ernähren möchte. Werden Produkte mit „weniger Zucker“ beworben, heißt das oft nur, dass weniger Zucker als im Vorprodukt enthalten ist oder im Vergleich zu anderen Anbietern.
Jennifer: Also es bleibt einem am Ende nichts anderes übrig, die Zutatenliste zu studieren oder so vieles wie möglich selbst zu Hause zu machen – und so wenig Fertigprodukte wie möglich zu kaufen. So hat man die komplette Kontrolle über die Zutaten.
Wie hat Ihr Umfeld auf die Umstellung reagiert?
Jennifer: Natürlich gab es am Anfang viele Fragen. Aber die Akzeptanz war schnell da. Viele informieren sich vor Geburtstagen oder Festen bei uns, was wir essen – und bieten dementsprechend Alternativen für uns an. Oder aber wir bringen unser Essen einfach selbst mit.
Welchen Rat geben Sie allen, die es auch mal probieren wollen?
Jessica: Bevor wir uns zuckerfrei ernährt haben, haben wir uns schon ein halbes Jahr vorher mit dem Thema auseinandergesetzt. Wir hatten niemanden, der uns das alles vorgelebt hat oder Tipps geben konnte. Daher haben wir auch mit Social Media begonnen, um anderen den Schritt in ein zuckerfreies Leben zu erleichtern. Unsere Einkaufstipps und Rezepte sind ein guter Wegbegleiter – und wenn wir es aus unserer „Zuckersucht“ geschafft haben, schafft es wirklich auch jeder andere.
Was halten Sie von den gesundheitspolitischen Ansätzen, etwa durch eine Zuckersteuer den Konsum zu senken?
Jessica: Eine Zuckersteuer ist ein guter Ansatz. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn natürliche Produkte wie Obst und Gemüse viel erschwinglicher werden. Es ist verrückt, wie teuer gesunde Lebensmittel sind. Aber genau die sollten für jeden bezahlbar sein.