30 Jahre Gaunerei, 300 Diebstähle und ein tragisches Ende: das bewegte Leben der Taschendiebin Elisabetha Gassner auf der Bühne.
Champagner fließt, und Pommes frites sind der letzte kulinarische Schrei beim Adel – während das Volk hungert. Kurz vor der Französischen Revolution erregt eine talentierte „Sacklangerin“ Aufmerksamkeit. Der Theaterverein Neuhausen hat mit seiner jüngsten Produktion, „Die Schwarze Lies“ einmal mehr unter Beweis gestellt, dass gutes Theater auch im Kleinen entstehen kann, wenn Leidenschaft und Teamgeist sich verbinden.
Als besonders charmant für die drei Aufführungstage erwies sich der Spielort. Der geschützte Hof vor dem Projektraum des Kunstvereins bot ideale Bedingungen und schuf einen stimmungsvollen Rahmen. Die Naturkulisse vor der ehemaligen Kapelle, wo üppige Glyzinien im Hintergrund eine fast märchenhafte Atmosphäre erzeugten, lieferte einen starken Kontrast zum Schicksal der Schwarzen Lies, die im süddeutschen Raum als Taschendiebin eine 30-jährige Gaunerkarriere hinlegte.
Der Plot ist spannend und sozialkritisch
Bei der Inszenierung in Neuhausen bestach die effektvolle Ausstattung von Heinz Schätzle. Eine präparierte Champagnerflasche, das Krachen von Mini-Kanonen und Jagdgewehre, mit denen auf Papp-Rehe geballert wurde waren Überraschungseffekte, die die Produktion mit viel Wortwitz besonders sympathisch machte.
Schätzle hat, angelehnt an das Volksstück von Konrad Riggenmann, die Texte für die 30 Mitwirkenden geschrieben und den Neuhausen-Bezug besonders in einer Szene deutlich herausgearbeitet. Er ergänzte die Vorlage durch biografische Details aus der Jugend von Elisabetha Gassner sowie durch historisch belegte Elemente aus Riggenmanns gleichnamigem Buch.
Der Plot ist ebenso spannend wie ungewöhnlich und durchaus sozialkritisch. Während Ende des 18. Jahrhunderts der dekadente Adel in Saus und Braus lebte, darbte das Volk. Viele mussten sich, wie die Schwarze Lies, von frühester Kindheit an mit Gelegenheitsarbeiten und Diebstählen über Wasser halten. Das schaffte die talentierte Sacklangerin viele Jahre sehr erfolgreich, bis sie beim Falschen lange Finger machte. Sie erleichterte Graf Schenk von Castell, den bekanntesten Gaunerjäger Oberschwabens, in der Kirche in Ludwigsburg um ein Vermögen.
Unter der Regie von Irene Batzill entfaltete sich das Leben von Elisabetha Gassner, genannt „Die Schwarze Lies“, zu einem packenden Volksstück. Batzill gelang es, die Geschichte nicht als bloßes Gaunerstück, sondern als vielschichtiges Drama zu erzählen, in dem zwei Welten aufeinanderprallen: hier der kolossale Reichtum des Adels aus Oberdischingen und Sankt Petersburg, dort Not und Elend der einfachen Leute.
Die Szenen griffen nahtlos ineinander, selbst vom anfänglichen Regenschauer ließen sich weder die Mitwirkenden noch das Publikum irritieren. Schließlich wollte man wissen, wie es mit der Lies endet, deren Strafregister 300 Taten enthielt, als sie in das Privatgefängnis von Graf Schenk in Oberdischingen gesteckt und zum Tod verurteilt wurde.
Im Alter von 41 Jahren wird die Taschendiebin hingerichtet
Die Szene der Gefangennahme gehörte zu den berührendsten Momenten des Stücks. Als Elisabetha Gassner ihre kleine Tochter Anna-Maria besucht, die in Neuhausen in Pflege ist, wird sie festgesetzt. Pech, dass die Obrigkeit in Neuhausen „ziemlich helle“ ist, wie es im Stück heißt: Die vorgetäuschte Schwangerschaft nutzt der Taschendiebin nichts. 1788 wird sie im Alter von 41 Jahren geköpft.
So etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gab es im Stück schließlich beim letzten Gericht: Drei alte weiße Männer entschieden, ob sich das Himmelstor auftat oder der Weg ins Fegefeuer führte. Schlechte Karten für die Übeltäterin, denkt man, bis die Schwarze Madonna in schwarz-rot-goldener Robe als Mutter des „höchsten Richters“ für die Meisterdiebin Partei ergreift. Mit einem letzten kriminellen Akt verschafft sich Lies Eintritt ins Himmelreich: Sie stiehlt den Herren den Schlüssel vom Tisch und schließt sich das Tor auf.
Das Laienensemble spielt nicht nur, sondern lebt Theater
Dem gesamten Ensemble, das ausschließlich aus Laiendarstellerinnen und -darstellern besteht und eine beachtliche Bühnenpräsenz zeigte, gebührte Applaus. Sama Kalout überzeugte als junge Elisabetha Gassner, Vladimira Riedl verlieh der erwachsenen Lies innere Stärke. Dieter Merling verkörperte den Grafen Schenk von Castell mit kalter Autorität, während Manfred Russ in der Rolle des Johannes Gassner, Lies’ Ehemann, beeindruckte.
Dass sich Laientheater auf einem so guten Niveau bewegen kann, ist auch ein Verdienst der beharrlichen Vereinsarbeit und der inspirierenden Regie von Irene Batzill: hier wird nicht einfach nur Theater gespielt – hier wird Theater gelebt.
Immer wieder Theater
Der Verein
Der Theaterverein Neuhausen zeigt auch nach mehr als zwei Jahrzehnten seines Bestehens keinerlei Ermüdungserscheinungen. Die erste Freiluftinszenierung fand 2003 statt. Obwohl der Verein rein projektbezogen agiert, hat er Kontinuität. Darauf ist das Vorstandsteam stolz.
Historische Fakten
Elisabetha wurde 1747 im Klosterort Wiblingen getauft. Ihr älterer Bruder Martin trat mit Beginn des Siebenjährigen Krieges in den Militärdienst ein. Ihr Vater war ein abgedankter Soldat, die Mutter ein uneheliches Kind. Die Familie führte ein Leben als Nichtsesshafte. 1770 heiratete Elisabetha den ehemaligen Soldaten Johannes Gassner, der sie zum Diebstahl zwang. Sie hatten vier gemeinsame Kinder. 1788 wurde die Schwarze Lies geköpft.