Szene aus „Woyzeck 70437“: Auf dem Weg durch Stuttgart-Freiberg mischen sich Wahn und Wirklichkeit. Foto: Citizen Kane Kollektiv/Julian Rettig

Erbsen essen auf der Himmelsleiter: Das Citizen Kane Kollektiv lässt Büchners Woyzeck umgehen in Stuttgart-Freiberg.

Fast angekommen am Ende ihrer Wanderung besteigt die Gruppe Fahrstühle und lässt sich in den 14. Stock transportieren. Die Teilnehmer des performativen Theaterspaziergangs „Woyzeck 70437“ erhalten Brillen, rot getönt, mit Gläsern, die kleinen Flammen gleichen, sie blicken hinaus auf eine Stadtlandschaft in den Farben der Apokalypse, auf den Max-Eyth-See, den Stuttgarter Stadtteil Freiberg, auf Wohntürme in der Ferne.

 

Das Citizen Kane Kollektiv hat sich eingehend befasst mit Freiberg, einer Siedlung, die vor rund 50 Jahren für soziales Bauen stand, einer Utopie, die sich kaum erfüllte. In seiner neuen Performance erkundet das Kollektiv den Stadtteil, lässt ihn zum Labyrinth werden, macht ihn zum Ort seltsamer Begegnungen, streift vorbei an Supermärkten, Grünanlagen, Parkplätzen, Verkehrsinseln, Spielplätzen, Hochhäusern.

Im Ohr haben die Wanderer Stimmen, wie sie der Frauenmörder Woyzeck hörte – Georg Büchners Dramenfragment wird zur Folie einer städtebaulichen Befragung. Einfache Antworten werden nicht gegeben. Der Spaziergang beginnt nahe der Stadtbahn-Haltestelle mit dem poetischen Namen Himmelsleiter, im Keller des Christoph-Ulrich-Hauses, einer Einrichtung, die Frauen und Männern Unterkunft gibt, die wohnungslos sind und oft auch unter psychischer Erkrankung leiden.

Ausstellung thematisiert seelisches Leid

Eine Ausstellung ist zu sehen, die seelisches Leid thematisiert. Man hört von jenen Experimenten, die an Woyzeck vorgenommen wurden, die ihn den Verstand kosteten: Bei der Verpflegung von Soldaten wurde Fleisch als Proteinquelle durch Erbsen ersetzt, es kam zur Mangelernährung, zu wahnhaften Zuständen.

Beim Gang durchs Quartier werden die Teilnehmer am Theaterspaziergang immer wieder den Erbsen begegnen: Feierlich erhalten sie ein echtes, tiefgekühltes Exemplar, riesengroß liegen die grünen Früchte auf der Wiese oder im Kinderwagen einer Frau. Wahn und Wirklichkeit, Inszenierung und Alltagsleben vermischen sich auf sehr eindringliche, faszinierende Weise – denn natürlich begegnen die Wanderer auch immer wieder Menschen, die nicht Teil der Performance sind, erleben Dinge, die so nicht geplant sind.

Tanzszene im Grünen: Der Femizid begleitet die Gruppe. Foto: Citizen Kane Kollektiv, Julian Rettig

Sie hören die Stimmen von Marie und Woyzeck im Kopfhörer, hören den Hauptmann und den Arzt, die den Soldaten Woyzeck quälen, die Musik von Nikita Gorbunov, die die Stadtlandschaft verwandelt, Geräusche. Textfragmente tauchen im Stadtbild auf, die Woyzeck-Zeile „Es ist ein guter Mord, ein ächter Mord, ein schöner Mord“ wird als Transparent auf einem Bahnsteig ausgerollt.

Der Femizid begleitet die Gruppe auf ihrem Weg, nicht nur am Beispiel von Woyzeck und Marie. Fälle für die Tötung von Frauen durch Männer, die von ihnen verlassen wurden, werden von nüchternen Stimmen gelesen, häufen sich zur Unerträglichkeit. Freiberg könnte der Ort einer solchen Tat sein. Es könnte aber auch ein Ort sein, an dem sie nicht stattfindet.

Weg führt vorbei an kämpfenden und tanzenden Menschen

Das Citizen Kane Kollektiv – Carina S. Clay, Nikita Gorbunov, Malin Lamparter, Ida Liliom, Christian Müller und Maximilian Sprenger und viele Helfer - hat sein Projekt vorbereitet, indem es mit unterschiedlichen bürgerlichen Gruppen in Kontakt trat, die in Freiberg aktiv sind. Eine Tanzschule, eine Square-Dance-Gruppe, eine Schule für Kampfkünste, die historische Fechtkämpfe nachstellt, beteiligen sich am inszenierten Spaziergang.

Der Weg führt so vorbei an Menschen, die gemeinsam tanzen, Kämpfe aufführen, ein kommunales Leben gestalten, die Vereinzelung überwinden, führt hin zu einer eindrucksvollen Feuerinszenierung, gezeigt von Nicolas Reyes Camacho. Immer wieder, aus der Ferne: Personen, isoliert in der Landschaft von Bauhalden, vor dem Panorama der Wohnblöcke, Szenen des Woyzeck.

Und immer voran geht eine vermummte Gestalt, die aus einer pelzigen Maske hervorschaut, eine lange Schleppe aus Stofffetzen hinter sich herzieht, sich stumm an Hauswände drückt, über Wiesen schreitet: Ist das die Trauer, die Tote, Maria, das Gespenst des Femizid? Ganz am Ende des Weges wartet eine Küche, warten Getränke, Gespräche. Knapp 30 Spaziergänger haben einen kaum bekannten Teil Stuttgarts entdeckt, auf ungewöhnliche, intensive Weise erlebt, und nehmen ihre Ahnung mit von den Möglichkeiten, Unmöglichkeiten, die an solchen Orten wohnen.