Julischka Eichel, 1981 in Tübingen geboren, spielt jetzt in Stuttgart Theater. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die in Tübingen geborene Schauspielerin Julischka Eichel (34) ist seit dieser Saison fest in Armin Petras` Ensemble des Schauspielhauses Stuttgart. Ein Glück.

Stuttgart - Eine große Enttäuschung war das: Julischka Eichel kommt nicht mit, wenn Armin Petras 2013 als Intendant vom Berliner Gorki- Theater nach Stuttgart wechselt. Einmal nur hatte man die Schauspielerin in Berlin gesehen. Aber wie. Ist schon ein paar Jahre her, 2008, Shakespeares „Hamlet“, inszeniert von Tilmann Köhler. Die Schülerinnen im Publikum himmelten Max Simonischek (Hamlet) an oder den unendlich liebenswürdigen Michael Klammer (Horatio). Am Ende applaudierten sie mindestens so heftig bei Julischka Eichels Verbeugung.

Endlich mal keine dieser unzähligen Ophelia-Interpretationen, bei denen eine Jungschauspielerin mit betont irrem Blick in den Wahnsinn gleitet. Julischka Eichel, bemerkenswert uneitel, in Rock über der Jogginghose, stapfte in Turnschuhen auf die Bühne. Burschikos war sie und frech, sprühend vor guter Laune, ihren Bruder nachäffend, dazu die kräftige, fast raue Tonlage. Eine Kumpelfreundin, die sich partout nicht von ihrer Liebe abbringen lassen will. Wie sie dennoch am übergroßen Kummer zugrunde geht, das berührte.

Sieben Jahre später sitzt Julischka Eichel während einer Probenpause in der Kantine des Schauspielhauses Stuttgart und sagt: „Ophelia gehört zu den wichtigsten Schätzen. Mich hat das Thema Liebe zu der Zeit ohnehin sehr beschäftigt. Und dann hat mich immer schon zutiefst gestört, dass Ophelia oft nicht als die sensible und kluge Frau dargestellt wird, die sie ist. Sie wird ­benutzt in diesem Intrigenspiel. Und sie ­begreift das alles!“

Nachwuchsschauspielerin des Jahres

Sie sagt das mit Ophelia-Funkeln in den Augen, angriffslustig. „Reibung“, sagt sie, „hilft bei den Proben. Auch dabei, Entscheidungen zu treffen. Ich verantworte das sehr, was ich tue.“ Das ist aber auch schon alles, was man ihr an Selbstaussage entlockt – dass sie eben nur spielen mag und kann, wenn sie gefordert wird. Kein Wort darüber, dass sie für die Rolle mit Lob überschüttet wurde. Oder darüber, dass sie für ihr Spiel in Bruckners „Krankheit der Jugend“ 2007 beim Berliner Theatertreffen den Alfred-Kerr-Darstellerpreis erhielt und die Jury der Zeitschrift „Theater heute“ sie zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres kürte.

Lieber sagt sie, was nicht funktionierte. Dass sie nach der Schauspielschule erst mal keinen festen Job hatte, dass sie davor ­13-mal bei Vorsprechen war, wie falsch sie gesungen habe beim Vorsingen. Dass es die renommierteste Schule war, die sie dann aufgenommen hat, die Hochschule Ernst Busch in Berlin, kein Wort darüber. Dafür dies: Vor lauter Aufregung bei den ersten Proben mit Armin Petras am Gorki-Theater habe sie ständig ihren Text vergessen. Und vor einer Weile habe sie in einer Produktion mitgespielt, die sie besser während der Proben abgebrochen hätte.

Das war in der Zeit nach dem ersten längeren Engagement am Gorki-Theater. Sie wollte frei arbeiten, selber Rollen aussuchen, statt bei einem Blick aufs Schwarze Brett zu erfahren, für welche Produktion man ausgesucht wurde. Julischka Eichel: „Die Freiheit, die man hat, ist toll, aber auch anstrengend.“ Es zog sie also wieder in ein festes Ensemble, zu Stefan Bachmann nach Köln. „Ich hatte da aber immer wieder das Gefühl, neben mir zu stehen.“

Proben zu „Der Sturm“ von Shakespeare

Als es nicht funktionierte, verließ sie Köln. Gut für Stuttgart. Nicht nur für das Theater. „Es gibt ja nicht nur eine Theaterfamilie, sondern auch die echte“, sagt Julischka Eichel. „Nach dem Abitur“, sagt sie, „gab es nur eine Sehnsucht: weg.“ Eigene Erfahrungen machen, ohne sicheres Netz. „Ich bin aber auch ein Familienmensch. Ich muss mir nicht mehr beweisen, dass ich es auch alleine schaffe.“

Julischka Eichel, 1981 in Tübingen geboren, erzählt von der ungarischen Großmutter, die ihr den Vornamen gegeben hat, von der Großmutter aus Ostpreußen, die theatrales Talent hatte und deren Selbstständigkeit sie bewundere. Von den Eltern und dem Bruder in der Nähe von Reutlingen und von der Schwester und deren zwei Kindern in Stuttgart. Julischka Eichel reckt und streckt sich auf dem Sofa, nimmt Haltung an. Strahlender Blick, ironischer Ton: Sie übe sich jetzt darin, „beste Tante der Welt“ zu werden.

Gerade berichtet sie von Spaziergängen im Rot- und Schwarzwildpark und wie die Kleinen beim ersten Anblick der Wildschweine große Augen gemacht hätten, da hält sie inne: „Genau so ergeht es ja auch Miranda mit Ferdinand.“ Julischka Eichel spielt in Shakespeares „Sturm“ Miranda, die nur ihren Vater Prospero und den missgestalteten Caliban kennt, dann den ersten jungen Mann erblickt und sich sofort verknallt. Miranda ist eine ähnlich schwierige Figur wie Ophelia, in vielen Inszenierungen halt einfach nur ein niedliches Mädchen. Das wird es mit Julischka Eichel nicht geben. „Das Vater-Tochter-Verhältnis ist nicht ungebrochen“, sagt die Schauspielerin, „sie wird vom Vater auch benutzt. Und sie hat eine Ahnung, spürt, dass es da Familiengeheimnisse gibt.“

„Der Sturm“ ist nach Raabes „Pfisters Mühle“ die zweite Arbeit mit Armin Petras in Stuttgart. Fest ans Haus gelockt haben sie auch andere Regisseure. Christopher Rüping, bei dem sie in Ibsens „Peer Gynt“ gespielt hat. Robert Borgmann kennt sie aus der Schauspielschule. Andere vom Zuschauen. Frank Castorf etwa. „Er beobachtet sehr fein, ich habe das Gefühl, man bekommt auf sehr lässige Weise einen Spiegel vorgehalten.“ Wen sie noch schätzt? Christoph Marthaler, der in Stuttgart nur an der Oper inszeniert. „Ich habe von ihm in Berlin einen Horváth gesehen“, sagt Julischka Eichel. „Ein musikalischer, genau inszenierter Abend, und die Schauspieler wirken doch frei dabei. Das ist so eine Freude, die ich da im Publikum sitzend mitbekomme. Man möchte direkt mit auf die Bühne und dabei sein.“ So ergeht es einem auch, wenn Julischka Eichel spielt.

Julischka Eichel im Schauspielhaus Stuttgart:

In Shakespeares „Der Sturm“ (Regie: Armin Petras) spielt Julischka Eichel die Miranda. Premiere (ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse) ist an diesem Freitag um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Termine: 19. und 28. 12.; 12., 22., 30. 1. ; 3., 9. 26. 2.

Ibsens „Peer Gynt“: 18. 12.; 3. 1.

Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“: Stuttgarter Premiere: 22. 12. Weitere Termine: 30. 12.; 10., 15. 1.; 8., 12. 2.

Brechts „Leben des Galilei“: 27. 12.; 6. 2.

Goethes „Werther“: 8. und 23. 1.; 10. 2.

Kartentelefon: 0711 / 20 20 90. (StN) www.schauspiel-stuttgart.de

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