Das Format „Out of the Big Box“ bietet jungen Tänzerinnen und Tänzern der Gauthier Dance Kompanie die Möglichkeit, selbst zu choreografieren. Bei der sechsten Ausgabe wird es „Big“. Denn die Produktion zieht in den größeren Theaterhaus-Saal. Foto: Bernhard Weis

Bei dem Tanz-Format „Out of the Box“ nehmen die Gauthier Dance-Tänzer die Rolle der Choreographen ein. Gezeigt wird das Format traditionell im kleineren Theaterhaus-Saal T2. Mit seiner sechsten Ausgabe zieht das Programm nun um in die „Big Box“ T1. Und es gibt eine weitere Neuerung.

„Einfach in die Bewegung fallen lassen!“ Kevin O’Day macht vor, wie es geht: Schritt, leicht drehen, Oberkörper zur Seite beugen, schwungvoll in die Knie gehen. Die acht jungen Männer im Probenraum folgen dem Choreografen, erst mit den Augen, dann mit ihren Körpern. Es sind die Tänzer von Gauthier Dance, der Kompanie des Theaterhauses. Ebendort wird ab 29. März zu sehen sein, was sie in diesem Moment mit O’Day proben: bei der Premiere von „Out of the Big Box“. Das ist jenes Format, bei dem sich die Tänzerinnen und Tänzer ausprobieren, selbst choreografieren können.

„Out of the Box“ heißt dieser Abend für junge Choreografinnen und Choreografen normalerweise. Diesmal, bei der sechsten Ausgabe, ist das „Big“ zusätzlich im Titel, weil das Wundertüten-Programm von dem üblichen kleineren und kompakten Theaterhaus-Saal T2 umzieht in den großen T1, also in die „Big Box“. Aber auch, weil erstmals die insgesamt sieben Uraufführungen nicht nur von Gauthiers Ensemble geschaffen werden. Erstmals steuert mit Kevin O’Day, derzeit Artist-in-Residence der Tanzcompany Mainfranken Theater Würzburg, jemand von außen was bei: ein Stück, zehn Minuten lang nur für Männer.

Verschiedene kulturelle Hintergründe im Tanz nutzen

„Eine reizvolle Aufgabe“, sagt der US-Amerikaner, der in Phoenix geboren wurde, in der Joffrey Ballet School in New York seine Ausbildung erhielt, im Joffrey Ballet Chicago, im American Ballet Theatre New York, in William Forsythes Frankfurter Ballett tanzte, Mitglied von Mikhail Baryshnikovs White Oak Dance Project war. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Zumal ich so viele Jahre abendfüllende Stücke gemacht habe, auch im Handlungsballett unterwegs war.“ Er spielt auf seine Zeit von 2002 bis 2016 an, als er im Mannheimer Nationaltheater wirkte, erst als künstlerischer Leiter des Ballett NTM, dann als Ballett­intendant und stellvertretender Betriebsdirektor. Was reizt ihn an „Out of the Big Box“? „In der Kürze der Zeit alles auf den Punkt zu bringen. Du musst genau überlegen, wie du die Essenz dessen, was du sagen willst, herausdestillierst.“

Dieses Destillat befindet sich noch im Anfangsstadium im Probenraum an der Löwentorstraße. O’Day ist am Tag zuvor angereist und hat zu choreografieren begonnen. Das Stück entsteht im Zusammenspiel mit den Tänzern. „Mir ist wichtig einzubeziehen, was ein jeder mitbringt.“ Ein Quartett soll es letztlich sein, aber freilich lernen es alle Männer der Kompanie, damit die Casts wechseln, jeder seine tänzerische Farbe beitragen kann. „Ihre Offenheit und Vielseitigkeit ist wichtig“, sagt O’Day. Aber es sei auch faszinierend, wie unterschiedlich jede dieser Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern die Aufgaben angehe, die er ihnen gebe. „Du spürst die verschiedenen kulturellen Hintergründe, die freilich jeder Mensch mitbringt. Das gilt es im Tanz zu nutzen.“

„Out of the Big Box“: Die Sprache des Körpers finden

Keine festen Schrittfolgen hat er daher mit nach Stuttgart gebracht, sondern sich auf den Schaffensprozess vorbereitet, indem er viel Musik hörte; unter anderem jene seiner Jugend in Detroit. Hängen geblieben sei er dann bei den bluesrockigen Klängen von Stevie Ray Vaughan. Dessen „Pride and Joy“ aus dem Jahr 1993 hat er ausgewählt, in dem der Barde seine Frau als Stolz und Freude vergöttert. Der zweite Song ist Kontrastprogramm: Laurie Andersons „Oh Superman“ vom Anfang der Achtziger.

Von O’Days Gespür für den richtigen Ton, von seiner Musikalität schwärmen Kritiker. Der Choreograf wiederum schwärmt von Anderson, der emanzipatorischen Multimedia-Künstlerin, Performerin und Musikerin, die er in New York an der Brooklyn Academy of Music erlebte. In den Achtzigern rüttelten feministische Künstlerinnenkombinate wie die Guerilla Girls am Kunstbetrieb, prangerten die systematische Ausgrenzung von Frauen in der Kunst so kreativ wie witzig und ironisch an. Und in der großen Box blickt O’Day darauf zurück, untersucht, was sich bis heute geändert hat, jetzt wo Frauen endlich langsam auch Chefinnen sind und vor allem die privilegierten weißen Männer das spüren.

Zurück im Tanzsaal teilt er seine Gedanken mit den Tänzern, versucht mit ihnen dazu eine Sprache des Körpers zu finden – und letztlich sie damit zu stärken. „Wir lernen alle voneinander. Es geht darum, das Innerste zu erforschen, einen Ausdruck dafür zu finden. Tanz entsteht im Dialog zwischen den Protagonisten, dem Raum und der Energie, die hier fließt.“

Info: Gauthier Dance – „Out of the Big Box“: Premiere 29. März, 18 Uhr, weitere Termine bis Mai, Theaterhaus, Tickets unter 07 11 / 4 02 07­ 20 sowie auf der Homepage des Theaterhaus Stuttgart .

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