Im Rahmen des Colours International Dance Festival ist das kanadische Ballet BC mit Sharon Eyals Stück „Bedrook Folk“ erstmals in Deutschland zu sehen. Foto: Sharen Bradford

Selten gibt es in so konzentrierter Form so viele namhafte Ensembles und Choreografien aus aller Welt zu sehen wie beim Colours International Dance Festival.

Über die Bühne des Theaterhauses schlurfen einsame Seelen, ein kauziges Panoptikum staubiger Greise und Clochards, grunzend ins Nirgendwo, ständig hoffend, dass sich auf ihrer endlosen Wanderschaft endlich ein Ziel auftun möge, während sie zu Schubert hip-hoppen oder in Gavin Bryars’ trauriger Musikschleife stecken bleiben. Das große „Vielleicht“ hat Maguy Marin mit ihrem Stück „May B“ kreiert: 1981 schuf die Grande Dame des zeitgenössischen französischen Tanzes diese skurrile Adaption von Samuel Becketts Dramen, die ihren Weltruhm begründete. Nun kommt sie nach Stuttgart: Bei der dritten Auflage des Colours International Dance Festival ist Maguy Marins kongeniale Choreografie zu sehen, die Becketts ewigen Existenzialismus in Bewegung bringt und gleichzeitig die aktuellen Zeiten spiegelt, in denen zwischen Umbruch, Prokrastination und Selbsttäuschung die Würde des Menschen und die Welt in Gefahr sind.

Die könnte zur Wüste werden. Durch eine solche bewegt sich die Deutschlandpremiere „Breath“, getanzt von der Tero Saarinen Company. Der finnische Starchoreograf hat die ironisch-absurde Apokalypse mit dem „Jimi Hendrix des Akkordeons“ umgesetzt: Zum Cyber-Ziehharmonikaspiel von Kimmo Pohjonen geht es durch eine futuristisch anmutende Kulisse, um Wege aus der Einsamkeit zu finden, immer frei nach Becketts Motto: „Erst tanzen, dann denken. Das ist die natürliche Ordnung.“

Einen gemeinsamen Atem finden

In Lichtblitze und Farbeffekte gehüllt reagiert Saarinen darin eigenwillig, witzig, gleichwohl berührend auf die sinfonischen Klanglandschaften Pohjonens – der tut das seine in umgekehrter Weise hinzu. Dabei wird stets hinterfragt, wie man sich dem Neuen per se öffnen kann. Hierzu gehört auch die Kunst, einen gemeinsamen Atem zu finden, ohne sich als Individuum zu verlieren.

Sein Ensemble Aldes schickt wiederum Roberto Castello, einer der profiliertesten Vertreter der zeitgenössischen italienischen Tanzszene, in dunkel faszinierende Szenen, die in ihren Bann ziehen. Durch die Nacht kämpfen sich zitternd vier erschöpfte Wanderer, angetrieben von einer scheinbar endlos pulsierenden, in Trance versetzenden Musik. Scharf in Schwarz-Weiß setzen sie sich gegen den Hintergrund ab. Dieses Wettrennen der Letzten, Verlorenen inszeniert Castello zwischen Samuel Beckett, Marcel Marceau und Pina Bausch und gemahnt gleichwohl an einen expressionistischen Film. Der Titel spricht Bände. „In girum imus nocte et consumimur igni“ nennt er sein tragikomisches Immer-weiter: „Wir gehen des Nachts im Kreise und werden vom Feuer verzehrt.“ Castellos Anliegen ist die Ausweglosigkeit der „Conditio humana“, will heißen die Umstände des Menschseins zu erforschen. Welche Vorstellungen den Menschen prägen, das beschäftigt wiederum Lucy Guerin Inc in „Split“. Die australische Choreografin schickt zwei Frauen in eine Versuchsanordnung mit exakter Struktur: In einem bestimmten Rahmen tanzen sie die gleichen Be­wegungen, eine bekleidet, die andere nackt. Doch plötzlich halbiert sich der Raum, der Platz wird enger, die Zeit kürzer, die Ressourcen knapper – und der Kampf beginnt. Guerin entführt in ein vieldeutiges Kammerspiel, das die Verhältnisse untereinander, zu den Körpern, zu Vorurteilen auslotet. Die Frage, die über allem schwebt, lautet: Wer prägt die Bilder, die in den Köpfen sind?

Hypnotische Wirkung mit einer Prise Ironie

Auf eine andere Spur begibt sich die israelische Tanzschaffende Sharon Eyal in ihrem Stück „Bedroom Folk“, das sie für das kanadische Ballet BC schuf und nun erstmals in Deutschland zu sehen ist. Sie interessieren die Phänomene, die mit Faszination und hypnotischer Wirkung zu tun haben. Doch Eyal wäre nicht Eyal, wenn da nicht eine gute Prise Ironie und viele Löffelchen Lachen plus schriller Momente ins Spiel kämen. Die Truppe aus British Columbia, die in der internationalen, zeitgenössischen Tanz­szene ganz vorne mit dabei ist, hat aber noch mehr im Gepäck. Zu sehen ist auch die Choreografie „To this day“ der Kompaniechefin Emily Molnar sowie das melancholisch mitreißende „Solo Echo“ von Crystal Pite.

Maguy Marin – „May B“: 2. und 3. Juli, jeweils 20.30 Uhr; Lucy Guerin Inc – „Split“: 9. und 10. Juli, jeweils 21 Uhr; Ballet BC – „Mixed Programme“: 9. und 10. Juli, jeweils 20.15 Uhr; Tero Saarinen Company/Tero Saarinen & Kimmo Pohjonen – „Breath“: 10. und 11. Juli, jeweils 20.30 Uhr; Roberto Castello/Aldes – „In girum imus nocte et consumimur igni“: 13. und 14. Juli, 20.30 bzw. 19.30 Uhr; Theaterhaus, Tickets unter 07 11 / 4 02 07 20 oder online.

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