Frauen geben den Ton an: Sheila Maurice-Grey (Mitte) und Richie Seivwright (rechts) von Kokoroko am Sonntagabend im Theaterhaus Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Festival hat gezeigt, wie vielgestaltig der Jazz der Gegenwart ist – und wie neugierig das Publikum.

Stuttgart - Stuttgart - Auf Komplimente versteht sich der Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier: Das Publikum sei der Hauptsponsor, es steure 60 Prozent des Etats der Jazztage bei, lobt er vor jedem der vielen Konzerte am Osterwochenende. 6600 Besucher sind insgesamt gekommen, Schretzmeier ist zufrieden: „Wir hatten 85 Prozent Auslastung, die Reaktionen waren vielfach enthusiastisch“, sagt er. „Mich freut besonders, dass die Leute auch zeitgenössischere, radikalere Formen annehmen.“ Und ­davon gab es – neben sehr traditionellen Spielarten – einige zu bestaunen.

Was ist Jazz heute eigentlich?

Die meisten Konzerte des Festivals kreisen immer auch um die Frage, was Jazz heute eigentlich ist. Eine schöne Antwort darauf gibt am Samstag in Hotpants und Plateau-Pumps die kubanische Pianistin Marialy Pachek nachdem sie sich mit ihrem Landsmann Omar Sosa an gegenüberstehenden Flügeln ein sehr feines, sehr offenes Klavierduell geliefert hat: „ Die Magie des Jazz ist diese Freiheit, die keine andere Musikrichtung kennt: Sie als Publikum wissen nicht, was passieren wird, wir selbst wissen es nicht – dieser Konzertabend wird sich genau so nie wiederholen.“ Unglaubliche Stimmungsbilder zeichnen die beiden in den Raum, ehe sie mal mit-, mal gegeneinander auf wilde Jagd gehen nach Tönen, Klängen, Motiven, Kabinettstückchen.

Mit butterweichem Ton beginnt der andalusische Saxofonist Antonio Lizana sein Konzert, doch maurisch anmutende Skalen und ein folkloristisch gekleideter Tänzer lassen vorahnen, dass da mehr passieren wird als reiner Jazz: Bald singt, klagt und barmt Lizana mit heller Stimme, er singt reinen Flamenco – dabei kommt seine beschlagene Jazzcombo ganz ohne die dazu sonst üblichen Gitarren aus. Das ist wirklich unerhört und zeigt, wie der Jazz sich immer neue Ausdrucksformen sucht.

Krautrock 4.0 und zwitschernde Bläser

Weiter als das Quartett Kuu allerdings wirft bei diesen Jazztagen niemand das Netz aus. Der verhaltenauffällige Christian Lillinger wirbelt unmöglichste rhythmische Kaskaden aus seinem Schlagzeug, dazu verkanten sich die Gitarristen Kalle Kalima und Frank Möbus harmonisch. Es ist ein Wunder, dass die Sängerin Jelena Kuljić überhaupt noch Raum für ihre Stimme findet, geschweige denn weiß, wo die Jungs gerade sind. Allerhöchstes Niveau ist das, eine Art Krautrock 4.0 – aber auch verkopft und schwer zugänglich, weil Kuu sich kaum melodisches Durchatmen gönnen.

Die perfekte Verbindung von Musikalität und Publikumswirksamkeit sucht die Münchner Komponistin, Sängerin und Gitarristin Monika Roscher mit ihrer Bigband. Sie schreibt starke Popthemen und bürstet sie dann gegen den Strich mit großer Experimentierfreude und einem Sinn fürs Varieté. In „Full Moon Theatre“ zwitschern die Bläser wie Vögel, „Illusion“ gerät zur betörenden Filmmusik, das neue „Queen of Spades“ taucht den Saal in ein Bläser-Klangbad und die Posaunen lassen tieftönen den Boden beben. Nicht alle neuen Stücke, darunter ein Versuch mit „James Bond-Musik“ (Roscher), sind ausgegoren, doch wer Roscher kennt, weiß: Sie wird feilen, bis alles stimmt. Ihren LED-Anzug, der an „Metropolis“ und Oskar Schlemmer erinnert, trägt die Individualistin auch diesmal mit großer Grazie zum hochdramatischen „Starlight Nightcrash“.

Junge Musiker in Selbstfindung

Groß war die Spannung vor der London Jazz Night, der wegen des Todes ihres ­Vaters kurzfristig die Saxofonistin Nubya Garcia abhanden kam. Doch auch in der cool urban groovenden Formation Kokoroko geben junge Frauen den Ton an: Die Trompeterin Sheila Maurice-Grey und die Posaunistin Richie Seivwright ziehen auch tanzend das Rampenlicht auf sich. Ein Rohdiamant in der Selbstfindung ist diese Gruppe. Natürlich steht sie unter dem Eindruck des US-Saxofonisten Kamasi Washington, der Musikern mit afrikanischen Wurzeln weltweit neues Selbstbewusstsein eingehaucht hat. Zwischen dessen Astraljazz und dem Isaac Hayes-Sound der 70er mäandern Kokoroko auf der Suche nach dem eigenen Sound, der eigenen Idee, dem Schleifmittel für die Bläsersätze. Dafür bekommen Kokoroko frenetischen Applaus.

Emotional wird es bei den Routiniers am Sonntag in T1 und beim Gedenken an den verstorbenen Drummer Jon Hiseman, der mit Colosseum und in Stuttgart mit dem United Jazz+Rock Ensemble Musikgeschichte geschrieben hat. Einige Überlebende bespielen das nahe Ende einer Ära, Ack van Rooyen (89) mit Balladen wie „Flügelhorn im Herbst“, Wolfgang Dauner (83) ganz in seine Kompositionen versunken allein am Piano. Und schließlich Hisemans letzte Band, das britische Powertrio JCM mit den Colosseum-Musikern Clem Clempson (69) an der Gitarre und Mark Clarke (68) an Bass und Gesang. An den Drums vertritt Ralph Salmins den Verstorbenen würdig, während das Trio eindrücklich den offenen Geist der späten 60er heraufbeschwört. Auch hier gibt es Ovationen.

Vergangenheit und Gegenwart des Jazz lagen räumlich nah beieinander bei diesem Festival – und musikalisch zum Teil weit auseinander. Diese besondere Spannung scheint es zu sein, die das Stuttgarter Publikum anzieht. Was die Zukunft des Jazz angeht, ist das eine gute Nachricht.

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