Ack van Rooyen Foto: Jörg Becker/Theaterhaus

Das Theaterhaus hat bei seinen 24. Jazztagen mit einem starken Programm die Säle gefüllt.  

Stuttgart - So fühlt sich ein Festival an, wenn alles stimmt: Im Theaterhaus gab es an Ostern fünf Tage Jazz zu erleben, große Jubilare, internationale Entdeckungen und junge Talente präsentierten ihre Musik als vitales Kulturgut, und ein dichtes, klug zusammengestelltes Programm sorgte für volle Sitzreihen.

Wegbereiter in Hochform

Stuttgarts hochdekorierter Komponist und Pianist Wolfgang Dauner, der Ende des Jahres seinen 75. Geburtstag feiern darf, kam dahin, wo er nach eigener Aussage immer am besten gespielt hat: ins Theaterhaus. An seiner Seite Sohn Florian, der fantastische Drummer, und Kontrabassist Mini Schulz, seines Zeichens Professor an der Musikhochschule. Los ging's mit "Raga Yagapriya", einer Komposition, die einst Charlie Mariano aus Indien mitgebracht hat. Metallisch klirrende Saitentöne aus dem Innern des Flügels, bloße Hände, die über Becken huschen, und ein stehender Basston - Dauner findet vom Geräusch zum Klang. Wie eine Blüte im Frühling öffnet sich diese Musik und entfaltet die ganze Pracht ihrer Klangfarben. Klar strukturierte Kompositionen, die genug Freiräume für Improvisationen lassen, großangelegte Spannungsbögen, entschiedenes und frisches Spiel prägen das fulminante Dauner-Konzert - er ist wohl wirklich nirgends besser.

Um seinen 70. Geburtstag gebührend zu feiern, hat der andere große Stuttgarter Jazzer, Herbert Joos, die Birthday Band Fairy Tales ins Leben gerufen. Zuerst erklingt der weiche runde Ton seines Flügelhorns, den Joos hörbar mit heißer Atemluft umgibt und mit spitzen Akzenten durchsetzt, begleitet von einer kindlich-schüchternen Melodie des Akkordeons. Musik, die aus der Stille kommt. Doch damit ist es schnell vorbei: Die mächtige Tuba von Michel Godard, das schnarrende Baritonsax von Bernd Konrad, das tauchsiederheiße Saxofon von Wolfgang Puschnig und die sperrigen Klavierakkorde von Patrick Bebelaar füllten mit anschwellender Wucht den Saal. Angetrieben vom Schlagwerk des Franzosen Patrice Héral, der später mit einer starken Rap-Nummer überrascht. Mitunter hört sich die Band an wie ein wild gewordenes Zirkusorchester: kraftvoll, überbordend, poetisch. Dann - behutsam und leise - intoniert ein Duo "Autumn Leaves", mit dem Joos an Miles Davis erinnert, sehr schön begleitet vom vielseitigen Frank Kuruc an der akustischen Gitarre. Bedauerlich, dass ein Musiker wie Herbert Joos, hoch geschätzt von der Elite der europäischen Jazzmusiker, hierzulande wenig Gelegenheiten hat, seine spannenden Jazzkonzepte zu realisieren.

80 Jahre alt und seit Jahrzehnten in Stuttgart ein lieber Bekannter ist Ack van Rooyen, ein anderer Flügelhornbläser. Mit einer exzellenten Band, aus der Pianist Jasper van't Hof mit perlenden Klangkaskaden und Saxofonist Paul Heller herausragen, bewegt sich der charmante Ack van Rooyen im Fluss der Musik: auf Zwischentöne achtend, nicht mit großartigem Gestus, sondern stets elegant und beseelt. Nach wie vor spielt er, als sei das Flügelhorn gerade für ihn erfunden worden. 14 Jahre jünger ist Joachim Kühn, quasi der Franz Liszt unter den Jazzpianisten. Der virtuose Leipziger hat vier arabische Musiker ins Theaterhaus mitgebracht. "Out Of Desert" nennt sich das spannende orientalisch-okzidentale Projekt, das wie ein heißer Wüstensturm durch den Saal fegt. Donnernder Applaus für eine vielschichtige, mitreißende Musik. (stai)

So klingt die Welt

So klingt die Welt

Musik kann verbinden, und das Theaterhaus hat in diesem Jahr einige internationale Gäste eingeladen, die sich ungern Grenzen setzen und umso lieber Neuland ausloten. Über eine besonders weit gespannte Brücke geht am Sonntag der frankovietnamesische Gitarrist Nguyen Lê: Er vereint die kimonotragende japanische Koto-Spielerin Mieko Miyazaki, den indischen Tabla-Virtuosen Prabhu Edouard im Sari und den chinesischen Erhu-Künstler Guo Gan zur "globalen Begegnung", wie er es selbst ausdrückt. Der perkussiv angereicherte Klang des Koto, einer Art mit Seide bespannter Zither, das Pulsieren der Tablas und der mystisch anrührende Ton des zweisaitigen Streichinstruments Erhu werden da zum kosmischen Klang, unaufdringlich angereichert durch Lês jazzige E-Gitarre. Harmonie und Frohsinn springen über, das Publikum im Theaterhaus ist aus dem Häuschen.

Nicht weniger frenetisch hat es am Samstag die US-Schweizerin Erika Stucky gefeiert, die mit ihrer Stimme fast alles kann: pseudoafrikanisch frohlocken, alpin jodeln, lasziv gurren und die explosive Rückkopplung einer elektrischen Gitarre imitieren. Grüne Katzenohren auf dem Kopf, Rüschen-Trainingsjacke und Fransenkleid am Leib, interpretiert sie "Heard It Through The Grapevine", "Gimme Shelter" und Eminems Rap-Hymne "Lose Yourself" auf dadaistisch beseelte Art - eine künstlerische Satire-Performance, sprühend vor Ideen und kongenial begleitet vom Drum-Experimentierer Lucas Niggli und dem Tubaisten Jonathan Sass.

Nicht minder schräg treibt es der Finne Iiro Rantala, der seinem filmemachenden Landsmann Aki Kaurismäki ähnelt und dessen Sinn für Humor teilt. Rantala ist ein Meister des Stride Piano und spielt Musik, die jeden Stummfilm und jedes Varieté alter Schule prachtvoll erstrahlen lassen würde; stattdessen hat er sich für die Ironie entschieden und inszeniert mit dem gleichgesinnten Gitarristen Marzi Nyman, der alle Rockklischees beherrscht und konsequent überzeichnet, und dem Schlagzeugimitator Felix Zenger hochentwickeltes künstlerisches Musikkabarett der Sonderklasse.

Die bewusste Kollision mit Hörgewohnheiten sucht das Radio String Orchestra Vienna, ein Streichquartett auf Abwegen: Die vier Musiker reißen Himmel und Hölle gleichermaßen überzeugend auf, wenn sie ihre Instrumente streichelnd, zupfend und schlagend vom wilden Ritt durch verjazzte Barock-Phrasen zur besinnlich-meditativen Einkehr in einen Salon der 1920er Jahre treiben. Zunächst spielen sie am Freitag mit dem eigenwilligen Akkordeonisten Klaus Paier stilisierten Tango, Musette und Bach, dann zerlegen sie Standards und setzen sie völlig neu zusammen, um die charmante schwedische Sängerin Rigmor Gustafsson mit ihrer betörenden Stimme herauszufordern. Auch hier: Experiment geglückt.

Ausgesprochen ernsthaft geht es bei den vier jungen Londonern zu, die sich Portico Quartet nennen und mit Saxofon, Schlagzeug, Kontrabass, Resonanzkuppeln namens Hang und elektronischen Hilfsmitteln wie Live-Samplern eine atemberaubende Klangwolke auftürmen, in der berauschend eingängige Melodien auf große Reisen geschickt werden - und allen, die da zuhören, wird plötzlich klar, wie viel weiter das Universum der Musik ist, als die meisten von uns es sein lassen wollen. (ha)

Junge Wilde vor Ort

Junge Wilde vor Ort

Ohne Nachwuchs gibt es irgendwann kein Festival mehr, darum bietet das Theaterhaus, in dieser Form einmalig, deutschen Talenten eine eigene Bühne; ansprechende Darbietungen wie gute Besucherzahlen im Saal T3 über vier Abende geben ihm recht.

Die Sängerin Anne Czichowsky hat mit ihrem Projekt Re-Bop und den Co-Sängern Jennifer Rüth und Wolf-Dieter Rahn den Vocalese-Stil wiederentdeckt, der in den USA der 1950er Jahre populär war. Improvisationsphrasen, Instrumentalmelodien und BigBand-Chorusse werden da mit Texten versehen und gesungen - eine gepflegte Dreistimmigkeit, die heute ziemlich nach heiler Welt und gepflegtem Feierabend klingt, doch Czichowsky und Co. hauchen ihr neues Leben ein. Für Akzente gegen den Strich sind Pianist Peter Gromer und vor allem Bassist Axel Kühn zuständig.

Letztgenannter gibt sich mit einer eigenen Gruppe, dem Very Kühn Quartett, eher konservativ - genau wie Saxofonistin Kati Brien, hoch talentiert wie ihre Mitstreiter, die elastischen Modern Jazz mit begeisternden Einzeleinlagen vorführen. Neben Brien mit ihrem Gespür für den richtigen Ton brilliert Gitarrist David Riano. Von ihnen wird noch zu hören sein, und dann dürfen sie gern noch etwas mehr riskieren, was Kompositionen und Arrangements angeht.

Die 24-jährige Stuttgarter Pianistin Olivia Trummer überzeugt mit Stücken ihres dritten Albums "Nobody Knows". Was sie da auf Deutsch und Englisch singt, ist ziemlich verträumt, verrätselt und romantisch, und das passt ganz gut zur Musik. Sie improvisiert mit viel Pedal und ganz in sich gekehrt. Umsichtig und mit viel Feingefühl begleitet sie Schlagzeuger und Perkussionist Bodek Janke, der mit allerlei exotischem Instrumentarium den Inspirationsraum erweitert. Den Schalk im Nacken hat Trompeter Matthias Schriefl als Gast des Abends. Bei ihm weiß man nie, was er als Nächstes unternimmt, musikalisch effektvoll ist das allemal.

Eine angenehme, warme Stimme hat die Stuttgarter Sängerin Barbara Bürkle und prägt damit ihr Quintett. "Everything Allowed" heißt das Debütalbum, das im Februar erschienen ist, was heißen soll, dass sich die Band keinerlei stilistischen Grenzen unterwirft. Das Resultat reicht von einer ziemlich freien Komposition Ralph Towners über Klassiker wie "My Favourite Things" bis zum kecken Bossa nova mit aberwitzigen Wortkaskaden. Die Band spielt das alles sehr schön und solide heraus, müsste aber noch individueller arrangieren, um richtig zu zünden. Vielleicht beim Osterjazz im kommenden Jahr. (dl)

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