Auch mal mit Furor: Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mancher würde sich den Theaterhaus-Leiter Werner Schretzmeier im Streit um die Finanzen auf dem Pragsattel diplomatischer wünschen. Aber ohne ihn und seine Art gäbe es das Haus gar nicht. Ein Porträt

Stuttgart - Eigentlich steckt Werner Schretzmeier gerade mitten in den Proben. „Furor!“ So beschreibt er also seine aktuelle Gemütslage? „Nein, so heißt das Stück.“ Es ist das jüngste Werk der beiden Theater-Erfolgsautoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz, gerade erst im November am Schauspiel in Frankfurt uraufgeführt, nun schon kurz vor der Premiere am 30. März auf dem Stuttgarter Pragsattel mit dem Theaterhaus-Ensemble. „Natürlich geht die Arbeit ganz normal weiter. Unser Publikum erwartet das von uns.“

Von der Stadt Stuttgart und vom Land Baden-Württemberg erwartet der 75-jährige Schretzmeier derweil eine Antwort auf einen Brief, den er gemeinsam mit dem Theaterhaus-Vereinsvorsitzenden Joachim Bark geschickt hat: Insgesamt 600 000 Euro benötigt das Theaterhaus, um den Konkurs abzuwenden. Der heiße Sommer 2018 habe zu heftigen Einbußen beim Ticketverkauf geführt, nötige Bau-Instandhaltung war so nicht mehr gedeckt, schließlich sprangen auch noch drei Großsponsoren ab. „Dringlichkeit ist geboten“.

Dieser Mann ist nun wirklich mal ein Alt-68er

Nun sprengt die Summe, um die es hier geht, keineswegs die Grenzen der finanzpolitischen Möglichkeiten im deutschen Südwesten. „Über den Ton“ des Briefes schütteln dann aber doch manche in der Stadt den Kopf. Nicht nur, dass Schretzmeier und Bark Stadt und Land gleich vorgeben, welche Zuschussverteilung aus ihrer Sicht „angemessen“ wäre. Sie führen auch gleich noch einen der abtrünnigen Sponsoren vor, den KfZ-Zulieferer Elring-Klinger, über viele Jahre treuer Unterstützer von Gauthier Dance: Das Schreiben unterstellt der Firma „schwindende ­Finanzkraft“. „Typisch Werner Schretzmeier“, heißt es unter den Kopfschüttlern. „Ein großer Diplomat war er noch nie.“

Aber, so muss man die Gegenfrage stellen, wäre Schretzmeier als großer Diplomat heute da, wo er ist, nämlich Chef des Theaterhauses auf dem Pragsattel mit über 300 Tagen Programm und rund 300 000 Besuchern im Jahr? Dieser Mann ist nun wirklich mal ein Alt-68er. Und zwar nicht, weil er in jenen Revoluzzer-Jahren in Uni-Vorlesungen philosophiert hätte. Sondern weil er als Mittzwanziger und gelernter Industriekaufmann in der damals, pardon, tiefen schwäbischen Provinz von Schorndorf spürte, welch frischer gesellschaftlicher Wind nun übers Land wehen kann, wenn man nur die Fenster weit öffnet in der Politik. Aber auch in der Kultur.

Der Umzug auf den Pragsattel beschert der Stadt einen neuen Hotspot

Und er hat mit Freunden und Kumpanen die Fenster weit geöffnet – von 1968 an im Club Manufaktur in Schorndorf, von 1985 an im Theaterhaus in einer alten Glasfabrik in Stuttgart-Wangen. In einem Land, das damals politisch in großer Mehrheit noch sehr schwarz war und in dem sich all dies Schwarze in seiner Herrlichkeit recht wohl gefiel, standen Schretzmeiers Häuser für das linke, kritische, irgendwie alternative Milieu. Und er schmiedete von Anfang an an einem Kulturbegriff, der die scharfen Grenzen zwischen den Kulturgenres überwand, der Internationalität mit Heimat vermischte, Hoch- mit Breitenkultur kunterbunt miteinander vermengte. Es dauerte lang, bis die offizielle Kulturpolitik diese Leistungen erkannte, geschweige denn würdigte. Schretzmeier blieb sich und seinem Konzept treu. Er und die Zeitläufte hatten einfach den längeren Atem.

Der Umzug des Theaterhauses in die ­sanierten Rheinstahlhallen auf dem Pragsattel 2003 hat der Stadt einen weiteren Kultur-Hotspot beschert. Stadt und Land haben sich über die Jahre hinweg politisch und gesellschaftlich längst verändert, geöffnet. Nur Werner Schretzmeier wirkt auf seine Art hartnäckig unverändert, bleibt bei gut eingeübten Argumenten, klagt über Benachteiligungen, schimpft auf womöglich falsch verteilte Kultursubventionen, neigt zum Misstrauen gegenüber Ratschlägen aus dem Rathaus, weil er Missachtung seiner Arbeit dahinter wittert. Die Einblicke, die er in Strategie und Geschäft des Theaterhauses gibt, sind, um es vorsichtig auszudrücken, Gesprächs-Ergebnis-orientiert. Das Vertrauen der städtischen ­Gesprächspartner gewinnt man dadurch allenfalls bedingt. So etwas kann sich ­rächen, wenn die Lage wirklich ernst wird.

Gauthier Dance war anfangs keineswegs unumstritten

„Er ist, wie er ist“ sagen die Leut’ auf die Frage, warum es wegen der 600 000 Euro gleich wieder ein „Brandbrief“ sein musste; es gäbe doch andere, konziliantere Wege. „In dieser Stadt will doch niemand mehr Gauthier Dance über die Klinge springen lassen“. Aber wenn dieser Kulturmaniac Schretzmeier allzu konziliant wäre, dann würde es Gauthier Dance eben gar nicht geben: Als er zusammen mit dem Tänzer Eric Gauthier 2006 die Pläne für eine Tanzsparte auf dem Pragsattel schmiedete, hagelte es aus dem Rathaus nur Warnungen. „Stuttgart verträgt kein zweites Ballett“, warnte die Ex-Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann. Was, wäre Schretzmeier ­damals mit 62 nicht weiter jener Dickkopf gewesen, der er nun auch mit 75 noch ist?

Man kann also seine Art beklagen. Man muss sich dann aber auch vertiefen in die berühmte Promi-Wand des Theaterhauses mit all den illustren Künstlern von nah und fern, die hier in diesen Hallen schon zu ­erleben waren. Schretzmeier hat immensen Erfolg gehabt. Ob das in dieser Art so weitergeht, wird und muss sich nun zeigen.

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