Nicola Merkle erläutert auf dem Hospitalplatz, wie Lokstoff Theater zu den Menschen bringt. Im Sommer 2021 waren hier Performance und Installation „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“ zu Gast. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Lokstoff spielt zum 20. Geburtstag auf dem Bauernhof. Dass es Theater an ungewöhnlichen Orten gibt, ermöglicht auch die Produktionsleiterin Nicola Merkle.

Theater, wo man es nicht erwartet: Das ist die Philosophie von Lokstoff, seit zwanzig Jahren bespielt das Stuttgarter Ensemble den öffentlichen Raum. „Abgefahren“, „Theater in vollen Zügen“ stand im Oktober 2003 über den ersten Besprechungen, als die neuen Theaterakteure mit einer Szenenfolge von Franz Xaver Kroetz keine Bühne, sondern eine Straßenbahn und mit ihr die Stadt eroberten.

 

Seither hat das Team um das künstlerische Leitungsduo Kathrin Hildebrand und Wilhelm Schneck Theater an vielen ungewöhnlichen Orten zum niederschwelligen Angebot gemacht, spielte und spielt in U-Bahnhöfen und Wohnungen, im Schaufenster, Möbelhaus, Einkaufscenter . . . Seit 2015 ist Nicola Merkle mit dabei; die studierte Theaterwissenschaftlerin ist als Produktionsleiterin die Frau im Hintergrund, die alles im Blick hat, Genehmigungen und Spielplangestaltung, Dixi-Klos und Decken, Fluchtwege und Wärmflaschen.

Projekt über Opfer des NS-Terrors

Wir treffen sie auf dem Platz hinter der Hospitalkirche. Hier machte im zweiten Coronasommer in einer Kooperation mit dem Fotografen Luigi Toscano das Projekt „Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“ Station, Porträts von Überlebenden des NS-Terrors ergänzten die Lokstoff-Theatermacher um Franck Pavloffs Parabel „Brauner Morgen“.

Lokstoff hatte Vorreiterrolle

Das Spielen im öffentlichen Raum gehört heute zum guten Ton, auch die Staatsoper zieht mit „Saint François d’Assise“ durch die Stadt. Hatte Lokstoff da eine Vorreiterrolle? „Definitiv ja“, bestätigt Nicola Merkle. „Wir werden immer wieder angefragt als Expertinnen und Experten im öffentlichen Raum und um Tipps gebeten für einen guten Platz und das beste Vorgehen.“

Nicola Merkle selbst kam nach einer Tätigkeit im Festspielhaus Baden-Baden und in der Werbebranche nach der Geburt zweier Kinder zu Lokstoff. „Ich war auf der Suche nach flexibleren Arbeitszeiten“, sagt die heute 52-Jährige. „Lokstoff arbeitet im Kollektiv; das ist ein kleines, herzliches Team und ein schönes Miteinander. Auch die Ideenfindung passiert gemeinsam.“

Die Themen gehen nicht aus

Von Arbeitslosigkeit über Wohnungsnot und Auf-der-Flucht-Sein bis zur Schere zwischen Arm und Reich: Der Stoff geht Lokstoff nicht aus. „Oft sind wir am Puls der Zeit; politische und sozialkritische Themen treiben uns um. Immer ist die Idee zuerst da, dann suchen wir nach einem passenden Ort für ihre Umsetzung“, beschreibt Nicola Merkle den Arbeitsprozess am Beispiel der Produktion „Lesshome“: „2018 hat uns beschäftigt, dass sich Menschen mit normalem Einkommen die Mieten in der Stadt nicht mehr leisten können. Schnell war uns bei der Stückentwicklung klar, dass unser Kooperationspartner ein Möbelhaus sein muss.“ Und so ist das nach wie vor aktuelle Stück auch in dieser Saison bei Behr-Einrichtungen in der Paulinenstraße zu sehen.

Jugendensemble spielt in Schulen

Mit einem Jugendensemble besucht Lokstoff Schulen, momentan begleiten die Nachwuchsakteure in Toscanos Projekt die Porträts der NS-Opfer und erzählen aus Biografien. „Wenn Jugendliche für Jugendliche vor dem Bild eines Gesichts spielen, dann schafft das einen anderen Zugang als ein Geschichtsbuch“, sagt Nicola Merkle.

Zum 20-Jahr-Jubiläum wird Lokstoff im Herbst auf einem Bauernhof in Ruit auf den Fildern spielen und dort sein Nachdenken über das Thema Erben fortsetzen, das mit dem Stück „Gestern. Morgen. Heute.“ begonnen hat. „Wir planen eine Trilogie“, sagt Nicola Merkle. „Ihr Ausgangspunkt war die Frage, was man einmal weitergeben möchte, also was bleiben soll, und der Gedanke, dass man es heute ohne Erbe im Rücken schwerer in der Gesellschaft hat.“ Ein landwirtschaftliches Erbe steht aber nicht hoch im Kurs. „Auch das Bauernpaar auf den Fildern steht vor der Frage, wie es einmal weitergeht“, erzählt Nicola Merkle und erklärt das Konzept: „Das Stück führt vom Heuschober bis zum stillgelegten Stall mit dem Publikum als potenziellen Erben.“

Auf der Suche nach einem Bauernhof

Einen geeigneten Hof zu finden war nicht leicht; auch solche Aufgaben zu lösen gehört zur Arbeit von Nicola Merkle. „Die Angst war, dass Theater den ganzen Betrieb durcheinanderbringt. Aber wir kommen um 16 Uhr, bringen alles mit und sind um 22 Uhr wieder weg“, fasst die Produktionsleiterin mobile Theaterarbeit zusammen. Ein gewisser Schutz, wie sie etwa schon die Paulinenbrücke bot, ist für alle Vorstellungen von Vorteil. „Wir schauen, dass wir bei jedem Wetter spielen können“, sagt Nicola Merkle.

Nah dran am Publikum

In der Pandemiezeit war dieses Konzept klar im Vorteil. „Das Publikum sitzt nicht eng in einem geschlossenen Raum und kam schneller zu unseren Vorstellungen zurück“, erzählt Nicola Merkle. Dort zu spielen, wo viel los ist, hat für sie viele Reize. „Es ist uns ein Anliegen, nah am Publikum zu sein“, sagt die Produktionsleiterin. „Durch die Präsenz im öffentlichen Raum werden Menschen auf uns aufmerksam, die selten oder noch nie im Theater waren. Und schon während der Proben hat jeder die Möglichkeit, auf das Team zuzukommen.“ Das Publikum weiß das zu schätzen: Bis zu den Sommerferien sind die Lokstoff-Aufführungen so gut wie ausgebucht.

Info

Termine
Am 23./24. Juni sowie am 20., 21. und 22. Juli spielt Lokstoff „Ich bin dein Labyrinth“, der Stadtspaziergang führt durchs Gerichtsviertel. Das Wohnungsnot-Stück „Lesshome“ ist am 6. /7. Juli zu sehen. Am 29. und 30. Juni sowie am 2. Juli wird im Selfstorage-Lager „Gestern. Morgen. Heute.“ gespielt. Karten unter www.lokstoff.com

Inklusion
Für „Ich bin dein Labyrinth“ bietet Lokstoff Begleitungsangebote für Blinde und Menschen mit Sehbeeinträchtigung an. Außerdem steht für die Vorstellungen im Juli eine Dolmetscherin für Gebärdensprache zur Verfügung. Anmelden und informieren kann man sich per Mail unter info@lokstoff.de.

Senioren
Mit dem digitalen Format „Dig’n Roll“ will Lokstoff alte, wenig mobile Menschen mittels lebensgroßer Bildschirmtechnik in Pflegeeinrichtungen erreichen. „Die Technik ermöglicht Liveschaltungen aus anderen Ländern oder vom Weihnachtsmarkt, wir machen Ratespiele, Lesungen oder Mitsingangebote“, sagt Nicola Merkle.