Die Ausstellung „Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige“ erinnert an Theaterschaffende, die 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Links im Bild der Stuttgarter Schauspieler Fritz Wisten. Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Eine Ausstellung im Schauspielhaus Stuttgart erinnert an Theaterschaffende, die 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Es ist auch ein Stuttgarter Publikumsliebling darunter.

Theaterchefs schmücken die Wände ihrer Foyers gern mit Fotos ihrer Schauspieler, die das Publikum begeistern und ins Haus locken. Theater ist aber nicht nur im Hier und Jetzt ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, sondern auch ein Ort der Erinnerung. Im Schauspielhaus Stuttgart werden nicht nur auf der Bühne historisch dunkle Zeiten thematisiert, das Haus selbst ist Teil der Geschichte.

 

In diesen Tagen zum Beispiel. Und damit ist jetzt nicht der Eklat um die Aberkennung des Europäischen Dramatikerinnenpreises an Caryl Churchill wegen Antisemitismusvorwürfen gegen die Autorin gemeint. Er wird mit keinem Wort erwähnt an diesem Abend, an dem die Ausstellung „Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige“ im Schauspielhaus eröffnet wird. Wenngleich der Vorgang das Thema berührt, denn es geht bei der Schau im oberen Foyer um eine kleine Auswahl deutsch-jüdischer Künstlerinnen und Künstler, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit im Jahr 1933 von den Nationalsozialisten aus deutschen Theatern vertrieben wurden.

Es hängen jetzt also seit Mittwochabend sorgsam nebeneinander aufgereiht 13 Schwarz-Weiß-Fotografien im oberen Foyer. Der Tag des 9. November ist nicht zufällig gewählt, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, organisierte Schlägertrupps setzten auch jüdische Geschäfte und andere Einrichtungen in Brand. Die Fotos zeigen Porträts von Künstlern, die keiner mehr kennt oder die schon lange nicht mehr gesehen wurden. Privataufnahmen, ein fröhlich lächelnder Herr mit Hund – das ist der Schauspieler Herbert Grünbaum, der vor den Nazis nach Palästina ins Exil floh und in den 1950ern zurückkehrte, neben ihm weitere Männer, Frauen, darunter Fritz Kortner, Curt Bois, Ernst Deutsch, Lucie Mannheim.

Fritz Wisten war Publikumsliebling in Stuttgart

Und, so wie gleich das erste Foto, ein Mann in Kostüm, vergnügte Miene, keckes Hütchen auf dem Kopf. Fritz Wisten heißt er, und er war ein Publikumsliebling am Württembergischen Landestheater in Stuttgart. Allein den Mephisto aus Goethes „Faust“ 1924 hatte er fast 200-mal gespielt, er war der Mann für die großen Rollen, in zeitgenössischen Stücken wie Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ ebenso wie in Klassikern, 1928 erhielt er den Ehrentitel Staatsschauspieler. Anat Feinberg, die in Tel Aviv geborene und in Stuttgart lebende Professorin für Hebräische und jüdische Literatur, hat jahrelang recherchiert, was mit den von den Nazis vertriebenen Künstlerinnen und Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg geschah, sie hat die Ausstellung organisiert mit Unterstützung der Akademie der Künste in Berlin und der Dramaturgin des Schauspielhauses, Gwendolyne Melchinger.

Erinnerungen wachhalten

„Es war ein Herzenswunsch von mir“, sagt Anat Feinberg, „und ich freue mich sehr, dass wir die Ausstellung zeigen können. Ich hoffe, dass sie auch von vielen jungen Menschen, von Schulklassen besucht wird, denn das kulturelle Erbe zu wahren, ist wichtig.“ Die Schau zurückzuziehen, weil im selben Haus beinahe eine Künstlerin geehrt worden wäre, von der ein als antisemitisch eingestuftes Stück stammt, sei ihr nicht in den Sinn gekommen. „Es ist peinlich, dass die Jury, die sich über die Autorin hätte informieren müssen, offenbar naiv war“, sagt Anat Feinberg, „aber ich finde es jetzt erst recht wichtig, vom Schicksal dieser Künstler zu erzählen.“

Wie beispielsweise Fritz Wisten von seiner Entlassung in Stuttgart erfahren hatte, darüber hätte Stephan Dörschel von der Akademie der Künste berichtet. Da er wegen einer Bahnpanne nicht aus Berlin anreisen konnte, sprach die Schauspielerin Gabriele Hintermaier seinen Vortrag. Die Tochter von Fritz Wisten habe sich in einem Interview an den Tag erinnert. Der Vater sei angerufen worden und, während er den Hörer in der Hand hielt, aschfahl im Gesicht geworden. Der 1890 in Wien geborene Wisten überlebte auch dank seiner „privilegierten Mischehe“ (seine Frau, die Schauspielerin Gertrud Widmann, war „arisch“) in Berlin. Das Paar konnte sogar Juden im eigenen Haus verstecken. Nach dem Krieg leitete er in Ostberlin renommierte Häuser: das Theater am Schiffbauerdamm, die Volksbühne. 1962 starb er.

Fritz Wisten überlebte den Krieg in Berlin

Im Stuttgarter Westen wurde eine Staffel nach Fritz Wisten benannt, andere Künstler erfuhren weniger Wertschätzung. „Steffie Spira, eine überzeugte Kommunistin, die nach dem Krieg in Ostberlin spielte“, so berichtet Anat Feinberg, „hat erst nach der Wende berichtet, wie schwer sie es als Jüdin in Ostdeutschland hatte.“ Der Regisseur Leopold Jessner, vor dem Krieg so bekannt wie Max Reinhardt, „hat nicht einmal eine Gedenkplakette an dem Theater, das er geleitet hat“, empört sich Anat Feinberg. „Er war einer derjenigen, die das moderne Theater in Deutschland mit verantwortlich vorangetrieben hatte.“ Er ging 1937 ins Exil, starb verarmt 1945 in Los Angeles. Andere Künstlerinnen kehrten zurück, aber nur für Besuche: „Die Deutschen zeigen keine Reue“, habe Elisabeth Bergner enttäuscht festgestellt und ihr Gastspiel in Deutschland vorzeitig beendet.

Jetzt sind diese Künstler wieder im Theater. Nur für fünf Tage, was schade ist; die Schau, so sagt eine Besucherin, „könnte doch gut die ganze Saison im Theater bleiben“. In der Tat, das Erinnern an den Holocaust, an jüdische Künstlerinnen und Künstler, die unter dem Terror litten, ermordet wurden oder mit sehr viel Glück überlebten, muss sich nicht auf Gedenktage wie die Reichspogromnacht beschränken.

Info

Ausstellung
„Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige. Deutsch-jüdische Theaterkünstlerinnen und Künstler nach 1933“ findet im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen und „30 Tage im November – vom Wert der Menschenrechte“ statt und ist im oberen Foyer des Schauspielhauses Stuttgart bis zum 15. November zu sehen.

Anat Feinberg
Die Ausstellungsmacherin, geboren in Tel Aviv, war Dozentin für Englische Literatur und Theaterwissenschaft an der Ben-Gurion-Universität und an der Universität Tel Aviv sowie Honorarprofessorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Zuletzt erschien „Wieder im Rampenlicht“ über jüdische Rückkehrer an deutschen Theatern nach 1945.

Lesung
Anat Feinberg stellt ihr neues Buch „Die Villa in Berlin“ am 29. November um 19.30 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus vor. „Wo einst die herrschaftliche Berliner Villa einer jüdischen Familie in Berlin-Schöneberg stand, klafft heute eine Baulücke. Auch im Familiengedächtnis hat es nach 1934 einen tiefen Einschnitt gegeben, als die Grüngards nach Palästina auswanderten. Anat Feinberg spürt in dem Buch den nicht immer einfachen Erfahrungen der Familie – ihrer Familie – im Berlin der Weimarer Jahre nach“, heißt es in der Ankündigung des Literaturhauses. Der Abend wird von Robert Jütte moderiert. Passagen aus dem Text liest der Schauspieler Felix Strobel, Ensemblemitglied im Schauspiel Stuttgart.