Andreas Vogel und Aliki Schäfer bei ihrer Reihe in der Rakete. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Es ist offenbar ein erbitterter Streit unter Nachtschaffenden und Gastronomen. Das jüngste Opfer ist nun die Rakete-Bar im Theater Rampe. Dort darf keine Musik mehr gemacht werden.

Der Besuch kam unerwartet. Die Polizei schaute kürzlich bei einem Konzert im Theater Rampe im Süden der Stadt vorbei. Allerdings nicht, weil sich ein Nachbar über zu laute Musik beschwert hatte. Sie fragten gezielt nach der Genehmigung für die Veranstaltung. Dabei stellte sich heraus: die gab es nicht. Zwar finden in der Rakete, der Bar des Theaters, seit zehn Jahren Konzerte mit lokalen Bands statt, dabei war nie jemandem aufgefallen, dass es die nötige Genehmigung für Musikveranstaltungen nie gegeben hatte.

 

Auch das Stadtpalais ist von anonymen Hinweisen betroffen

Allerdings wusste es offenbar jemand, der die Rakete bei den Behörden anschwärzte. Dasselbe Vorgehen wie beim Palast der Republik oder beim Stadtpalais: anonym oder mit erfundenem Namen wurden detailreich Versäumnisse insbesondere bei Genehmigungsverfahren angeprangert. Wer dahintersteckt? Andreas Vogel, Macher der Rakete und einer derjenigen, die mit Fug und Recht behaupten können, Subkultur zu schaffen, mag nicht spekulieren. Er verweist auf die Pressemitteilung des Stadtpalais, die nach dem durch Anzeigen erzwungenen Einstellen der Partyreihe Palais Après auf der Freitreppe geschrieben hatte: „Anlass dafür waren Beschwerden von lokalen Gewerbetreibenden.“

Die Intendanten im Theater Rampe: Ilona Schaal, Lisa Tuyala. Bastian Sistig. Lichtgut/ /Leif Piechowski

Spekulationen verbieten sich, aber es geht schon lange ein Riss durch die Reihen der Nachtschaffenden. Innerhalb des Club Kollektivs gab es erbitterte Diskussionen der Mitglieder. Die einen haben eine volle Konzession für Tanzlokale und entsprechend hohe Auflagen und Kosten. Sie fordern mehr Kontrollen von Seiten der Stadt, um Wettbewerber davon abzuhalten, Bars illegalerweise in Discos zu verwandeln und Partys in Räumen für Zwischennutzung abzuhalten.

Lange schon schwelt der Streit. Dass es nun aber Kultureinrichtungen trifft, ist für den Nachtmanager Nils Runge völlig unverständlich. „Die Rakete ist nicht nur für den Süden wichtig“, sagt er, „Andreas hat dort immer wieder jungen Bands Auftrittsmöglichkeiten gegeben.“ Auch Matthias Mettmann, Geschäftsführer vom Im Wizemann, Betreiber der Gastronomie im Stadtpalais und damit Veranstalter von Palais Après, sagt: „Als ich nach Stuttgart kam, hat Andreas mit seiner Montage-Reihe mir die Stadt nähergebracht.“

Andreas Vogel sieht sein Lebenswerk in Trümmern

Vorträge, Diskussionen, Radio, eigentlich gibt es nichts, was Vogel nicht macht. Die Rakete ist sein Lebenswerk, das sieht er nun in Trümmern, 25 Leute darf er noch maximal empfangen, Musik darf keine mehr gespielt werden. Warum ihm jemand schaden will, das kann er nicht verstehen. Beschwerden habe es keine gegeben, im Gegenteil, man sei in der Nachbarschaft verankert gewesen.

Wie es nun weitergeht? Das weiß er noch nicht. Ohne Musikveranstaltungen legt er drauf; und das in einem Kulturbereich, in dem Selbstausbeutung ohnehin eingepreist ist. Helfen wollen  Runge und auch Walter Ercolino vom Pop-Büro. Wie die Hilfe allerdings aussehen kann? Das ist noch ungewiss. Man müsste eine bauliche Lösung finden, sagt Vogel, „und da reden wir von ein bis drei Jahren“, sagt er. Über die Kosten habe man noch gar nicht nachgedacht.

Vorwürfe gegen das Stuttgarter Rathaus seien nicht angebracht

Eines ist Vogel aber wichtig. „Die Stadt ist dafür nicht verantwortlich zu machen. Sie kann nicht anders reagieren.“ Der klassische Reflex: Blödes Stuttgart! Doofe Stadt! Machen wieder alles kaputt, schaffen alles und sich selbst ab, der greife zu kurz, sagt auch Nachtmanager Runge. Vieles leite sich aus Bundes- und Landesgesetzen ab, sagt er, da habe man wenig Spielraum. „Den hat man versucht auszuloten und Dinge zu ermöglichen.“ Dies bestätigt auch Mettmann. „Die Stadt war mit uns meistens kooperativ und lösungsorientiert und hat versucht, Handlungsspielräume auszuloten.“

Doch in seinem Falle und auch im Falle der Rakete gab es den wegen der Beschwerden nicht mehr. Umso mehr ärgert er sich über die anonymen Beschwerdeführer und den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung. „Wir haben am Donnerstagabend ganz viele Menschen in die Stadt gebracht, die nach Ende um 22 Uhr weitergezogen sind.“ Und wie man die Rakete als Konkurrenz sehen könne, darüber rätseln nicht nur Ercolino und Runge, sondern vor allem Andreas Vogel.

Unbedingt erhalten

Ilona Schaal aus dem Intendantententrio macht klar, dass die Rakete „integraler Bestandteil“ des Theaters sei. Man wolle sie unbedingt erhalten und eine Nutzungsänderung beantragen. Was dafür nötig sei, erörtere man gerade mit den SSB als Eigentümer und mit dem Baurechtsamt. Sicher ist, man muss Fluchtwege einbauen und in den Lärmschutz investieren. Wie viel? So weit ist man noch nicht. Doch der Wille ist klar, die Rakete soll weiter fliegen.