Clemens J. Setz’ „Die Erfindung“ ist ein kluges Spiel über Fiktion und Wirklichkeit in einer verrohten Welt. Doch trifft die Uraufführung im Stuttgarter Kammertheater den Ton des Textes?
Es gibt kaum etwas Banaleres als ein Ehepaar, das nachts im Bett liegt und sich über den Lärm der Nachbarn aufregt. Nimmt sich ein Dramatiker so einer Situation an, wäre ein Nachbarschaftsdrama oder eine Komödie über Bewohner eines Mehrfamilienhauses erwartbar.
Doch der Dramatiker heißt Clemens J. Setz, er ist ein Spezialist für schräge Momente mit hintergründiger Gesellschaftskritik. Und so entwickelt der 1982 in Graz geborene österreichische Autor in seinem nun schon dritten Auftragsstück fürs Schauspiel Stuttgart aus diesem Anfangsszenario eine Horrorfantasie mit literaturtheoretischem und selbstironischem Anspruch. Und er zeigt in „Die Erfindung“, die am Samstag im Kammertheater von Lukas Holzhausen uraufgeführt wurde, dass der Wahnsinn gleich nebenan wohnt.
Illegale Machenschaften im Kammertheater Stuttgart
Was das Ehepaar S. (Katharina Hauter) und C. (Marco Massafra) aufregt, beflügelt zugleich ihre Fantasie. Aus dem Buch auf dem Nachttisch entspringen plötzlich Figuren und Themen, die in eine andere Welt führen: in das Internet in Gestalt des illegalen Darknet und in die Welt der Fiktion. Aus dem Ohnmachtsgefühl, dem allnächtlichen Gebrüll nicht zu entkommen, entsteht ein prickelndes, ja sexualisiertes Machtgefühl:
Was, wenn wir den Wahnsinn einfach mal reinlassen in die Wohnung und in die Köpfe, wenn wir kulturbürgerlichen Großstadtneurotiker unsere achtsame Gelassenheit aufgeben und uns den Thrill des Verbotenen gönnen? Also ja: Zumindest spaßeshalber geben sie vor, genau das zu tun, was der Romanheld auch macht: verstümmelte Frauen im Internet verhökern. Mit Hilfe ihres nerdigen Freundes Manfred (Michael Stiller) stellen sie Fotos (die sie selbst arrangieren) ins Darknet. Als der Verkaufsbalken schier zu glühen beginnt, schauen sie entgeistert, aber auch enthusiastisch aus ihrer hochwertigen Wollwäsche aus sicher achtsamer Schafschur (Kostüme: Annabelle Gotha).
Was wie Trash anmutet, wird bei Setz und in der Inszenierung von Lukas Holzhausen als Komödie begriffen auf der von Jane Zandonai eingerichteten Bühne mit durchdesignter Wohnung und Aquarium im Badezimmer mit Regendusche. Kein einziger Blutstropfen besudelt das schicke Doppelbett oder den sanftgrünen Teppich.
Selten genug sind derlei kluge Komödien unter Uraufführungstexten zu finden, noch dazu mit Anleihen bei Literatur und Film. Mehr noch, Dramaturgin Katja Prussas und Regisseur Lukas Holzhausen betonen diese Aspekte mit Slapstickszenen und Kostümierung, etwa indem sie Marco Massafras Helden C einen ähnlich ausschauenden mächtig langen Bart ankleben, wie ihn auch Clemens J. Setz schon trug.
Es macht Passagen, in denen über den namenlos bleibenden österreichischen Autor gelästert wird, noch amüsanter, etwa wenn C. über den Roman sagt, „das eine Buch ist ja schon ziemlich heavy. Arme und Beine abschneiden, und das seitenlang“, und Manfred lapidar erklärt: „Österreicher halt“. Dass die Verkleidung indes nichts Klimbimhaftes hat, ist dem konzentriert präzisen Spiel von Marco Massafra geschuldet, seinen herrlich panischen Blicken, als er erkennt, wie der Bestellbalken dauernd blinkt: „Scheiße, immer noch. Die klicken da alle wie wahnsinnig drauf? Erobern wir da gerade den Planeten oder was. Fuck.“
Büchnerpreisträger Setz stellt auch moralische Fragen
Wunderbar umgesetzt wird das absurde Spiel auch von Katharina Hauter und Michael Stiller. Hauter interpretiert S. als leicht verpeilte, selbstgerechte und sich am grausamen Gedankenspiel erregende Frau, die ihrem Liebsten im Domina-Ton befielt, sich auf dem Boden zu winden. Und Michael Stillers eigentlich gutmütig esoterisch veranlagter Computerfreak Manfred geht schon mal erschreckend grob mit seinen (imaginären) Katzen um.
Ein an allzu vielen Wendungen reiches Tohuwabohu ist freilich Setz’ Sache nicht. Der Büchnerpreisträger will nicht den Boulevard bedienen. Den riskierten Leerlauf – wenn das Paar wieder und wieder einfach nur die „Bewerbungsschreiben“ für die wurmartigen Frauen vorliest und sich fragt, ob diese wiederum echt oder fake sind – gleicht die Regie mit Slapstick aus.
En passant wird dafür Moralisches, Philosophisches verhandelt, die Verrohung der Gesellschaft, die grausamen Fantasien erwachsener Menschen, wie die Realität auf Fiktion reagiert, ob es das gibt: gefährliche Kunst? All diese Fragen werden mit Witz aufgelöst, es kommt nicht zur Eskalation. Maximal klingelt der laute Nachbar von oben, weil das Paar inzwischen noch lauter schreit.
Indem das Finale als eine zusätzliche Spiel-im-Spiel-Szene inszeniert wird, demonstriert auch das Regieteam, dass es sich lohnt, nicht nur auf das Tagesaktuelle zu reagieren, sondern mutig auf Kunst zu setzen, auf die Funktionsweisen der Poesie und dunklen Humor. Was also Theater heute sich sonst oft nur mit der Aufführung von Shakespeare-Dramen trauen, die Unwirklichkeit der Wirklichkeit thematisieren nämlich, das erlaubt sich das Stuttgarter Theater schönerweise mit dieser Uraufführung.
Schein und Sein
„Die Erfindung“
Clemens J. Setz’ Drama wird am 6., 11., 13. Mai, 3., 15., 18.-20. Juni im Stuttgarter Kammertheater gespielt.
„Lear“
Grausame Fantasie, Wahn und Wirklichkeit sind auch Themen in William Shakespeares Drama – Termine sind am 4., 26. Mai, 5., 14., 29. Juni, 9., 18., 25 Juli im Schauspielhaus Stuttgart.
Festival
Künstliche und reale Intelligenz in der Kunst: das „Innovationslabor Zukunft“ des Schauspiel Stuttgart findet vom 28. Mai bis 1. Juni statt