Astrid Meyerfeldt in Frank Castorfs „Tschewengur“-Inszenierung im Schauspielhaus. Foto: Thomas Aurin

Fünf Stunden apokalyptisches Theater: Regiestar Frank Castorf inszenierte im Schauspielhaus Stuttgart Andrej Platonovs Roman „Tschewengur“.

Stuttgart - Nichts begrenzt den Himmel über Tschewengur. Die Spielfläche ist bis hinauf in die Bühnendecke aufgerissen, die wegen des ­feinen Staubnebels nicht zu sehen, nur zu ahnen ist. Auf der Bühne: ein Monstrum. Die fantastische Apparatur sieht aus, als könnte sie trotz ihrer Größe ­jeden Moment abheben und davonfliegen. Eine Windmühle mit zerfledderten Flügeln und Holztreppen, darauf ein schiefer Strommast, der für die Elektrifizierung der Gesellschaft steht. Seitlich ragt eine Lok als Antrieb für die Revolution heraus, mit orthodoxem Kreuz. Unten auf der Drehbühne ist ein Lada aufgebockt – mit Zeltkonstruktion zum Reinkuscheln auf dem Dach. Dazwischen eine Holzbaracke, ein mit Stacheldraht umzäunter Hof und jede Menge Stroh auf dem Boden.

Wissenschaft trifft Religion, Bauernhof trifft Gulag auf Aleksandar Denics Bühne für die deutsche Erstaufführung von Andrej Platonovs „Tschewengur“ im Schauspielhaus Stuttgart in der Regie von Frank Castorf. Der Chef der Berliner Volksbühne inszenierte am 22. Oktober erstmals in Stuttgart. Denic hat für Frank Castorf schon die Bühne für die Bayreuther Wagner-Inszenierung „Ring des Nibelungen“ entworfen und für dessen (nach der Premiere von den Brecht-Erben verbotene) „Baal“-Regiearbeit in München.

Paranoia macht sich breit

Der serbische Künstler erfindet im Schauspielhaus einen verschachtelten Ort, hervorragend passend zur Struktur des in den 1920ern geschriebenen, aus politischen Gründen erst 1988 veröffentlichten Romans. Das bilderstarke Werk ist voller Abschweifungen und nomadischer Gestalten, die nach der russischen Revolution auf der Suche nach dem Kommunismus, der brüderlichen Gesellschaft, dem neuen Menschen sind.

Text und Bühne sind Gebilde voller Zwischenräume, offen und geschlossen zugleich. Hier hat keiner seine Ruhe, immer ist irgendwo irgendwer. Livekameras und Mikrofone von Tobias Dusche, Daniel Keller, Philip Roscher und Philipp Reineboth verfolgen die Schauspieler auf Schritt und Tritt. So inflationär und sinnlos Videos auf der Bühne oft sind, hier funktionieren sie. Die Figuren stehen unter staatsrevolutionärer Beobachtung – und­ ­jeder ist bemüht, seine Rolle in dieser neuen Gesellschaft zu finden, beobachtet sich ­währenddessen auf der Leinwand als Denunziant seiner selbst. Close-ups mit panischen Blicken. Paranoia macht sich breit.

Traum von der Überwindung des Todes

Es herrscht ein Drunter und Drüber, eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Zeiten und Orten. Die Windmühle erinnert an Cervantes’ „Don Quixote“, Platonov lässt ja ebenfalls Figuren ihren Idealen nachjagen, nur mit tödlichen Folgen. Und in einer Zusammenkunft zitiert Castorf den Regiestil von René Pollesch, wenn Horst Kotterba, Manja Kuhl, Astrid Meyerfeldt und Wolfgang Michalek in aufgeregt engagierten Reden einander mit Vornamen anreden und politische Verwirrungsstrategien vereinbaren, um den Kommunismus voranzutreiben. Sie zitieren Marx und produzieren Murx.

Frank Castorf zeigt die Menschen in ihrer Endlichkeit, ihrer Beschränktheit. Er macht sich auch über ihre Weltverbesserungsversuche lustig. Manja Kuhl hängt an einem Windmühlenflügel, rudert mit den Beinen und träumt mit strahlender Miene Wissenschaftsutopien von der Überwindung des Todes. Ein tumber Gesell (Wolfgang Michalek) befreit sich von seiner Eichenholzpfanne, ein anderer (Andreas Leupold) will nur noch von Lehm leben. Der Nächste (Astrid Meyerfeldt) will den Tod von Rosa Luxemburg rächen – „meine Liebe funkelt jetzt auf meinem Säbel“. Und manche legen sich einfach mal neue Namen zu (Fjodor Dostojewski, Karl Liebknecht, Christoph Kolumbus) in der Hoffnung, sich der Namenspaten würdig zu erweisen.

Folter, Armut und Flucht

Und zwischendurch: eine tolle Zirkusnummer mit Trommelwirbel und Stummfilmpathos. Die Windmühle dreht sich und leuchtet, Sandra Gerling tänzelt im Revuekostüm auf die Bühne, gefolgt von Astrid Meyerfeldt in Reiterhosen und Frack. Gerling ist zugleich Ballerina und wieherndes Pferd namens Proletarische Kraft. Das Tier spielt in dem Roman eine ­bedeutende Rolle, muss sich hier aber mit dieser Szene begnügen, und es gibt dem ­Debattierclub den Namen, der auf Kyrillisch in Leuchtbuchstaben an der Baracke prangt.

Ein Abend zwischen Lenin und Landlust, zwischen Stalin und Stuss. Viele Späße, aber noch mehr Leid. Der fünfstündige Abend wird beherrscht von Erzählungen über Flucht, Vertreibung, Armut. Von Folterberichten durch den Geheimdienst. Von Szenen, in denen Johan Jürgens als typhuskranker Genosse leidet oder Matti Krause irre menschenfresserische Anwandlungen bekommt. Von Szenen, in denen Hanna Plaß über das tragische Schicksal Platonovs spricht oder in denen sich Katharina Knap in einem Schreimonolog verausgabt, davon berichtend, wie anstrengend es ist, auch noch den letzten Bourgeois in Tschewengur abzuknallen.

Es dominert ein todernster Grundton. Castorf zeigt nicht, wie die Menschen sein sollen, sondern wie sie sein wollen. Und wie sie tatsächlich sind: widersprüchlich. Leidend und verletzend, zärtlich und grausam, enthusiastisch und phlegmatisch. Am Ende sind sie verzweifelt und – nachdem sie sich postkommunistisch kapitalistisch um Pelzmäntel und Fernseher gekloppt haben – lebensmüde.

Erschöpft hat dieses fünfstündige Apokalypsentheater manchen Premierenbesucher, der nach der Pause nicht wiederkehrte. Wer blieb, applaudierte heftig.

Info

Dem russischen Autor Andrej Platonov (1899–1951) widmet das Schauspielhaus Stuttgart eine Reihe. Alle Veranstaltungen finden bei freiem Eintritt, jeweils 19.30 Uhr, im Foyer des Schauspielhauses statt. Plato­novs „Dshan“ wird als Hörspiel am 4. November präsentiert. Der Historiker und Russist Michael Leetz spricht am 10. November über Platonov als „ökologischer Prophet“. Platonovs erzählerisches Könnens ist am 14. Dezember Thema, wenn Schauspieler Texte des Autors lesen.

Weitere Vorstellungen von Platonovs „Tschewengur“ im Schauspielhaus Stuttgart: 29. 10. um 19 Uhr, 7. 11. um 18 Uhr, 22. 11. und 13. 12. jeweils um 17 Uhr. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90. www.schauspiel-stuttgart.de

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