Lena Sutor-Wernich spielt in „Das denkende Herz“ die Etty Hillesum. Foto: Sabine Haymann

Wer war Etty Hillesum? Wer sich „Das denkende Herz“ im Stuttgarter Forum Theater angeschaut hat, wird den Namen nicht mehr vergessen. Neuer Premieretermin ist am 20. Januar.

Etty Hillesum war eine niederländisch-jüdische Lehrerin, die durch ihre posthum veröffentlichten Tagebücher viele Menschen berührt hat. Die Aufzeichnungen führen die Leser nicht nur in die Seelenlandschaft einer jungen, lebenslustigen Frau in den vierziger Jahren. Sie sind auch das Zeugnis von Rebellion und Widerstand gegen Hass und Gewalt, die sich auf ebenso ungewöhnliche wie eindrückliche Weise manifestieren.

Dass dieses besondere Dokument nun als musikalische Inszenierung auf die Bühne kommt, ist vor allem Lena Sutor-Wernich und Ingeborg Waldherr zu verdanken. Sutor-Wernich wird im Theaterstück „Das denkende Herz“ als Etty Hillesum sprechen und singen, das Konzept dazu hat sie gemeinsam mit Ingeborg Waldherr entwickelt, die auch Regie führt. Dritter im Bunde ist der Musiker Marco Bindelli. Er wird am Flügel sitzen und diesem auf jede erdenkliche – und unerdenkliche – Weise Klänge entlocken. Das Libretto hat Olivier Garofalo geschrieben.

Der Zufall hat mitgespielt

Wie so oft im Leben hat der Zufall mitgespielt, um diese Produktion entstehen zu lassen. Lena Sutor-Wernich hatte das Buch vor einigen Jahren bei Freunden im Regal entdeckt – und es spontan geschenkt bekommen. Als sie dann zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam mit Ingeborg Waldherr, mit der sie schon zuvor einiges realisiert hatte, nach einem neuen Projekt suchte, fiel ihr „Das denkende Herz“ wieder ein – und Ingeborg Waldherr war auf Anhieb überzeugt, ebenso wie Elke Woitinas, die Intendantin des Forum Theaters.

Aber wie macht man aus den alten Tagebuchaufzeichnungen einer jungen Frau ein fesselndes Bühnenstück für das Publikum von heute? „Tagebücher zu dramatisieren ist absolut nicht einfach“, sagt Ingeborg Waldherr, „kann aber Einschnitte in der Biografie zeigen. Reale Dinge, wie Verfolgung und Unterdrückung lassen sich darstellen. Doch es geht mir um den inneren Weg.“ Denn diesen wählt Etty Hillesum, um auf ihre eigene Art Widerstand gegen all das Schreckliche zu leisten, was um sie herum passiert.

Die Entscheidung fürs Konzentrationslager

Obwohl sie die Möglichkeit gehabt hatte unterzutauchen, entschied sich Etty Hillesum, ins Konzentrationslager zu gehen und mit den Menschen dort den schrecklichen Geschehnissen etwas entgegenzusetzen. Darin, da sind Ingeborg Waldherr und Lena Sutor-Wernich sich einig, war sie auf ihre Weise unglaublich radikal. Werte statt Waffen. „Systeme der Gewalt werden sich nicht ändern, solange der Einzelne nicht in seinem Inneren aufräumt“, umschreibt es Waldherr. Jeder hat es selbst in der Hand, wie sich die dunklen Ecken, die verborgenen Dämonen, in der eigenen Seele entwickeln.

Musik spielt eine wichtige Rolle

Lena Sutor-Wernich wird viele Passagen aus den Tagebüchern sprechen. Eine sehr wichtige Rolle spielt im Stück aber die Musik. „Sie soll auf keinen Fall Untermalung sein“, betont Marco Bindelli, „eher meditative Unterstützung.“

Wie man sich das vorstellen kann? „Musik ist vielleicht die Zeitkunst, die die menschliche Seele heute am meisten erreicht“, sagt Bindelli. „Es ist schwer, intensive Musik zu überhören.“ Manches, was Worte allein nicht zu vermitteln vermögen, kann auf diese Weise „durchklingen und die Tür zu einer anderen Spiritualität öffnen“. Dazu wird Bindelli nicht nur, wie er lachend sagt, mit dem Flügel „anstellen, was geht“. Auch einen Psalter möchte er einsetzen.

Lena Sutor-Wernich wiederum wird die ganze Bandbreite der Möglichkeiten ihrer professionell ausgebildeten Gesangsstimme ausschöpfen. „Ich möchte dem Wort zusätzliche Schichten verleihen. So wird das hörbar, was darunterliegt.“ Weil beide nach einem vorgegebenen Rahmen improvisieren, wird kein Abend wie der andere sein.

„Das denkende Herz“: Uraufführung am 20. Januar*, 20 Uhr, Forum Theater, Tickets unter 07 11 / 4 40 0749 99

*Neuer Premieretermin – die Termine vom 17. Und 19 Januar entfallen wegen Krankheit

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