Szene aus „Achtzehn einhundertneun – Paradies“ Foto: Daniela Wolf

Anne Rabes „Achtzehn Einhundertneun – Paradies“ ist eine Produktion von Citizen.KANE.Kollektiv und Theater Rampe. Das Stück wird im ehemaligen Postbahnhof aufgeführt.

Stuttgart - Sara (Sarah Kempin) trägt seit neuestem Kopftuch. Auch beim Frühstück mit ihren Eltern (Andrea Leonetti, Jürgen Kärcher) am hölzernen Küchentisch. Das Brötchenschmieren und Kaffeeschlürfen beäugt sie voller Verachtung. Ihre Mutter verkündet stolz und anbiedernd, sie habe sich jetzt mal eingelesen. In den Koran. Da dröhnt aus dem Off der Satz: „Wer liest und trotzdem leugnet, ist verloren.“ Sara wiederholt den Vers artig.

In Kooperation mit dem Theater Rampe inszeniert die freie Theatergruppe Citizen.KANE.Kollektiv Anne Rabes „Achtzehn Einhundertneun – Paradies“ in der Halle des ehemaligen Postbahnhofs, Ehmannstraße 82. Neben dem außergewöhnlichen Spielort schürt auch die brisante Thematik Interesse: Eine junge Deutsche konvertiert zum Islam und will diesen in seiner radikalsten Form ausleben.

Eine Bühne gibt es in Christian Müllers Inszenierung nicht. Herabhängende Leintücher markieren die Wohnungswände. Darin kann sich der ­Betrachter frei bewegen oder setzen, den Akteuren folgen oder Distanz wahren. Vier Bildschirme übertragen, was Sara mit ihrem Tablet festhält: Angeekelt filmt sie Küsse und Tänze ihrer Erzeuger und kommentiert sie in ihrem Videoblog. Dort gibt sie albern wirkende Glaubens-Statements ab. Diese ­erinnern an vielgeklickte Mode- und Schminktipps überdrehter Teenager, ziehen sich jedoch unnötig lange hin und regen nur erstmalig zum Lachen an. Auf anderen Internetkanälen lässt sie sich von wutschäumenden Demagogen verführen. Wie die Online-Propaganda der ­Barbaren des Islamischen Staats beweist, führt dieser Weg der Missionarsarbeit durchaus ans fragwürdige Ziel.

Kempins Spiel überzeugt. Unter ihrer trotzigen Aura der Kälte blitzt die Unsicherheit einer Sinnsuchenden auf. Das erweckt den Eindruck, dass Sara, wenn sie sich eines Tages nicht mehr als Gegenpol zu Eltern und Gesellschaft profilieren kann, bald vom ­Fanatismus kuriert sein könnte.

Laute Musik und diffuses Licht

Nicht nur religiös motivierte Gewalt wird untersucht. Das gesellschaftliche Aufkeimen brauner Ideen spricht vor allem Jürgen Kärcher als Vater an. Hier übernimmt sich das Stück: So kann weder der Neo-Nationalsozialismus noch der Salafismus ausdiskutiert werden. Pubertierende finden darin Systemwiderstandsmöglichkeiten und Zugehörigkeitsgefühl – diese Erkenntnisse sind nicht neu. Man könnte glauben, das Stück versuche mit lauter Musik, diffusem Licht und schummriger Atmosphäre zu übertünchen, dass es kaum Nennenswertes zur quälenden Frage nach der Wurzel der Radikalisierung beizutragen hat.

Wieder diesen Donnerstag bis Samstag, jeweils 20 Uhr, sowie 16. und 17. Oktober www.citizenkane.de Karten: karten@theaterrampe.de oder telefonisch: 07 11 / 6 20 09 09 15.

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