Bernadette Hug (links) und Sorina Kiefer spielen im Musical „Hexen“ die Hauptrollen. Das Theater der Altstadt zeigt das Stück coronabedingt als Online-Stream. Foto: Nathalie Veit

Was sind Hexen eigentlich nicht? Langweilig. So steht es jedenfalls im Libretto zum Musical „Hexen“ von Peter Lund und Danny Ashkenasi. Das Theater der Altstadt zeigt das Stück im April als Stream auf seiner Homepage.

Natürlich können die beiden Hexen Anna Golde (Bernadette Hug) und Grete Strumpf (Sorina Kiefer) viel behaupten. Beurteilen kann das Publikum diese von den beiden Hexen aufgestellte These ab Mitte April, wenn das Stück im Theater der Altstadt zu sehen ist. Das Theater wird zwar noch bis Ende April geschlossen sein, als Stream ist es auf jeden Fall verfügbar. Inszeniert wird es von Gerhard Weber.

Was sind Hexen denn nun? Fest steht: Sie sind weiblich. Und sie passen in keine Schublade, schon gar nicht in eine wissenschaftliche. Hexen fressen womöglich – wie im Märchen – kleine Kinder. Und sie wurden in der Vergangenheit häufig von den Inquisitoren der Kirche auf Scheiterhaufen verbrannt oder im Wasser ertränkt. Damals, so erfährt das Publikum, wurde eine Hexe selten älter als 30 Jahre – was den Vorteil hatte, dass Frau da in aller Regel noch sämtliche Zähne besaß.

Verdächtig machen Frauen sich bis heute, wenn sie einen erhöhten Verschleiß an Sexualpartnern haben – oder gar kein Interesse am ehelichen Beischlaf.

Von Rollen und Schablonen, in die Frauen reinpassen müssen

Erstaunlicherweise plagen sich jedoch die Hexen Anna und Grete heute – wie so viele andere – mit ganz alltäglichen Konflikten. Was ist besser: ein Leben als brave Hausfrau oder als unabhängige Unternehmensberaterin? Und inwieweit helfen magische Fähigkeiten beim Wuppen der überwiegend weiblichen Doppelbelastung im Alltag? „Wir werfen einen Blick auf die Rollen, die Schablonen, in die Frauen sich noch immer mehr oder weniger reinpassen müssen“, beschreibt Sorina Kiefer, die die Choreografien für sich und Bernadette Hug entwickelt hat. „Deswegen ist das Stück nach wie vor hochaktuell!“

Diskussionsstoff für „danach“ liefern auch manche sachlichen Betrachtungen im Dialog wie beispielsweise jene, dass die Hexe Grete Strumpf noch 1642 dafür hingerichtet wurde, weil ihre Hühner im Winter Eier legten. Das Bundesverdienstkreuz erhielt hingegen 1945 der Agrarforscher Phillip Schweiger, weil er herausfand, dass Hühner durch längere Belichtungszeiten im Winter ihre Legeperiode um ein Drittel verlängern.

Mikael Bagratuni hat die Lieder für das Musical „Hexen“ neu arrangiert

Auf allen Ebenen bietet der verbale Schlagabtausch der beiden magischen Ladys jede Menge erstaunlichen Stoff – gesprochen, gesungen und getanzt. „Stilistisch ist das sehr vielschichtig und farbenreich“, beschreibt Regisseur Gerhard Weber. Was da verhandelt wird, spielt in der Vergangenheit, der Gegenwart – und irgendwie auch in der Zukunft. Deswegen wird die Bühne im Stil des Schweizer Künstlers Hans Rudolf Giger gestaltet – surreal und auf angenehm gruselige Weise düster und ohne direkten zeitlichen Bezug (Bühne und Kostüme: Thomas Mogendorf).

Durch einen gezackten Abgrund sind Anna und Grete Corona-konform räumlich voneinander getrennt. Aus schwarz lackiertem Styropor und Bauschaum sind die ansteckungsfrei in doppelter Ausführung angefertigten Sitzgelegenheiten, aus Pappmaschee ist der Baum mit dem Paradiesapfel. Spinnenweben und Totenköpfe dürfen bei alledem natürlich nicht fehlen.

Um die Musik kümmert sich Mikael Bagratuni. Er hat die insgesamt 15 Songs neu arrangiert. Und so klingt das, was ursprünglich mal für Klarinette, Cello und Gitarre geschrieben war und eher ein bisschen puristisch daherkam, jetzt etwas süffiger und verführt durch jede Menge tanzbaren Groove. Auch hier kommt eine farbenreiche Palette an Stilistiken zum Einsatz. Manchmal tut es jazzig, dann wieder eher wie große Oper.

Spiel mit den Klischees

Zu zehn der 15 musikalischen Nummern hat Sorina Kiefer sich passende Bewegungen überlegt. Eine der zahlreichen Anregungen kam beispielsweise von der Pionierin des Modern Dance, Mary Wigman. Die dramatisch krallenartig gespreizten Hände und die mächtigen, ausladenden Gesten von Wigmans „Hexentanz“ hätten sie unter anderem inspiriert, erzählt sie. Aber natürlich gibt es auch Anspielungen an das Klischee der „Sexy Hexy“. Sorina Kiefer lacht. „Ja, natürlich spielen wir mit den Klischees – sie werden überspitzt und gerade dadurch auch kritisiert.“

Das Publikum darf sich also auf einen ebenso amüsanten und schwungvollen wie anregenden Theatergenuss freuen, dessen Handlung mit einer Begegnung an einer Bushaltestelle beginnt. Schon einmal ist das Musical „Hexen“ übrigens am Theater der Altstadt aufgeführt worden. Damals schlüpfte die Intendantin Susanne Heydenreich in die Rolle der Grete Strumpf.

Info: „Hexen“: ab 16. April als Stream auf der Homepage.

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