Der magische Zaubertrank wird effektvoll mit ekligen Zutaten gebraut. Foto: /Patrick Pfeiffer

An der Esslinger WLB feiert „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende als familientauglicher Höllenspaß Premiere.

Geldhexe und Giftmischer stehen übel unter Zeitdruck. Es ist Silvester und sie haben nicht genügend böse Taten vollbracht. Der höllische Gerichtsvollzieher Maledictus Made, Abgesandter des Ministers der Äußersten Finsternis, steht vor der Tür und droht mit Pfändung, sollte bis Mitternacht der höllische Vertrag nicht erfüllt werden. Zehn Tierarten sind auszurotten, fünf Flüsse müssen vergiftet, 10 000 Bäume zum Absterben gebracht und mindestens neun Seuchen in die Welt gesetzt werden.

 

Ach ja, und das Klima ist so zu manipulieren, dass es entweder Überschwemmungen oder Dürrekatastrophen gibt. Viel zu tun in sieben Stunden. Da hilft nur ein magischer Zaubertrank, der beim Weihnachtsstück der Württembergischen Landesbühne Esslingen effektvoll mit vielen ekligen Zutaten gebraut wird. Große und kleine Zuschauer ab sechs Jahren bibbern, ob es Professor Dr. Beelzebub und seiner Tante Tyrannja Vemperl gelingt, die Erde zu zerstören. Oder, ob die Welt in kurzen 90 Minuten pausenlos gerettet werden kann.

Michael Endes letzter Roman

„Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ war Michael Endes letzter Roman. Er verfasste ihn 1989. Die Szenarien, die er anspricht, nehmen in unserer Zeit desaströse Ausmaße an. Die hellsichtige Mahnung des Autors, mutig den Kampf gegen zunehmende Umweltzerstörung, Intrigen und geldgesteuerte Machenschaften aufzunehmen, setzt die Regisseurin Konstanze Kappenstein als rasantes Bühnenspektakel um. Das Zaubermärchen mit ernstem Inhalt ist köstlich gewürzt mit viel Komik, Schall und Rauch. Wortwitzige Dialoge, ein fantastischer Sound, mystische Lichteffekte von Gianni Scopa und feuerfreie Pyroeffekte gehen eine augenfällige Symbiose mit knallbonbonbunten Kostümen und einem teuflisch guten Bühnenbild von Carla Friedrich ein. Den Kamin im Wissenschaftlerlabor zieren Vampirzähne, in Vitrinen lagern allerlei Frankensteinzutaten. Schaurig-schöne Musik unterstreicht das gruslig-zauberhafte Harry-Potter-Feeling.

Was braucht man für den „Punsch aller Pünsche“? Viel Fantasie und ein vor Spielfreude sprühendes Ensemble, das das Publikum jeden Alters zum Staunen, aber auch zum Nachdenken über die Misere der Welt bringt. Die Lage ist ernst. Die Tiere haben Lunte gerochen und setzen sich zur Wehr. Auf den auf Umweltzerstörung und Seuchen spezialisierten Irrwitzer wurde der aus einem alten Adelsgeschlecht stammende Kater Maurizio die Mauro als Spion angesetzt. Rabe Jakob Krakel ist Geheimagent des Hohen Rats der Tiere bei Vamperl, eine erfolgreiche Vertreterin des zerstörerischen Kapitalismus. „Wenn die sich zusammentun, dann gute Nacht“, ahnt der schlaue Rabe, „dann wird’s finster auf der Erde. Um das zu verhindern, werden sie Kollegen, obwohl sich Katze und Vogel naturgemäß nicht leiden können.

Ein verhuschter Einstein-Verschnitt

Michaela Henze spielt den dödeldigen, aber drollig-liebenswerten Kater zum Kraulen charmant mit viel Herzblut, und Julian Häuser gibt die gerupfte Vogelscheuche Jakob mit chronischen Krankheiten so lebensklug, dass man die beiden einfach mögen muss. Hingegen ist Nicky Tarans Vamperl eine giftig-gallige Nervensäge, die der eigenen Brut den Garaus machen würde, brächte dies pekuniäre Vorteile.

Philip Spreen ist ein verhuschter Einstein-Verschnitt mit wirrem Haarschopf; ein Wissenschaftler, den nur seine köchelnden Elixiere interessieren. Überall funkelt’s und glitzert’s und zischt’s, stellenweise sind die comichaft, aber springlebendig gezeichneten Charaktere etwas klamaukig überdreht. Maurizio und Jakob fahren der Macht des Bösen entschlossen in die Parade. Wie sagt der Kater im „Wunschpunsch“? Man muss sich für eine Sache begeistern und etwas dafür tun. Wie heute die „Generation Greta“, die sich die Zukunft nicht klauen lassen will und in einer weltweiten Klimabewegung mobil macht. Die tierischen Helden holen sich indes Hilfe beim heiligen Silvester (Paula Dehner) und mischen dem todsicheren Wunschpunsch-Rezept heimlich den ersten Ton des Neujahrgeläuts bei.

Dadurch wird der Höllentrank dermaßen verpfuscht, dass Gerichtsvollzieher Made (Timo Beyerling) angeekelt „pfui, Engel“, ausruft und die beiden Gutmenschen Widerwillen zum Höllenkurs anmeldet. Denn die perfide Umkehrwirkung der guten Wünsche wurde durch den Ton aufgehoben; das Jahrespensum an vergifteten Gewässern, Artensterben und Klimakatastrophen nicht erreicht, dafür wurde enorm viel Gutes getan: Bäume blühen wieder, Kinder können Hoffnung haben und die Herzen sind voller Güte. Ach, wenn’s so einfach wäre.

Die Macht des Bösen

Das Wort
  Das Wort „satanarchäolügenialkohöllisch“ ist ein sogenanntes Kofferwort aus den Wörtern Satan, Anarchie, Archäologie, Lüge, genial, Alkohol und höllisch.

Anspielung
Die Bezeichnung „Wunschpunsch“ für den Zaubertrank, mit dem möglichst viele Katastrophen ausgelöst werden sollen, spielt sowohl auf „gute Vorsätze“ und Neujahrswünsche als auch auf den traditionellen Silvesterpunsch an.

Besonderheiten
Der erfolgreiche Kinderbuchklassiker erschien 1989 im Thienemann-Verlag Stuttgart und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Papierbögen mit Masken vom Kater und Raben gibt’s zum Ausschneiden an der WLB-Garderobe. Weitere Vorstellungen am 7., 26. Dezember, jeweils 15 Uhr, am 31. Dezember, 11 Uhr.