Theater: „Amerika“ im Schauspielhaus Premiere in Stuttgart: Kafkas „Amerika“

Von Nicole Golombek 

Szene aus Lilja Rupprechts „Amerika“-Inszenierung am Schauspiel Stuttgart Foto: JU
Szene aus Lilja Rupprechts „Amerika“-Inszenierung am Schauspiel Stuttgart Foto: JU

Lilja Rupprecht brachte am Freitag im Schauspielhaus Stuttgart „Amerika“ von Franz Kafka auf die Bühne. Die junge Regisseurin führte vor, wie aus einem labyrinthischen, verwirrenden Roman ein gedanklich allzu schlichtes Bühnenstück mit froher Botschaft wird.

Stuttgart - Bilder von Blutspritzern wie bei einem Horrorfilm - doch dann sind es nur merkwürdig verzerrte Filmaufnahmen. Sie zeigen, wie ein Wesen geboren wird. Man hört ein Herz klopfen, hier wird einer aus der blutverschmierten Geborgenheit hinausgeschleudert in die existenzielle Dunkelheit, wo seltsam zerfurchte Monstergesichter in Großaufnahme auf dieser Videoleinwand im Stuttgarter Schauspielhaus auftauchen. Und man weiß gleich: dieses Unschuldswesen, Karl Roßmann, wird hier nicht bestehen.

Die Regisseurin Lilja Rupprecht (34) nimmt sich am Freitag bei ihrer Inszenierung von Kafkas „Amerika“ im Schauspielhaus Stuttgart den Satz aus dem unvollendet gebliebenen Roman arg zu Herzen: „Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja mit einer Geburt vergleichbar“. Das erklärt ein Onkel seinem Neffen Karl. Das ist auch die Regieidee: Rupprecht findet, kaum zu glauben, in dem Text tatsächlich die Lebensleidensgeschichte eines Unschuldigen. Sie lässt ihn auf der mit Lametta behängten Bühne mit Blutspritzern im Gesicht und auf den Händen in der Fremde stolpern. Karl, der Teenager, wird von seinen Eltern von Prag aus in die USA geschickt, denn er hat anscheinend das Dienstmädchen geschwängert und muss weg.

Morsches Sprach- und Phrasengebälk

Noch auf dem Schiff, man ist schon in New York angekommen, versagt er aber kläglich bei seinem ersten Versuch, das Leben lebenswerter zu machen und einem gedemütigten Heizer Recht zu verschaffen. Als der sich beim Kapitän in seiner Beschwerderede verheddert, interveniert Karl (Ferdinand Lehmann): „Sie müssen das einfacher erzählen, klarer“, korrigiert er den Heizer.

Klare Sprache? Von wegen. Genau das ist eben der Witz bei Kafka – Sprache ist doppelbödig, mindestens. Das Sprach- und Phrasengebälk ist morsch, die einzelnen Sätze klingen durchaus sinnvoll, ergeben im Ganzen aber keinen Sinn. Ein hierarchisches, logisch klar strukturiertes Gedankengebäude, das rationale Handlungsweisen ermöglichen würde, gibt es nicht. Nicht in der Kunst Kafkas und, schaut man auf die Welt, auch nicht in der sogenannten Wirklichkeit.

Die Erzählweise von Kafka ist weder märchenhaft noch surreal, wie es die Fantasiekostüme von Christina Schmitt suggerieren. Die Absurdität findet vielmehr in der Sprache, in der Rhetorik statt. Man erfährt alles nur aus Karls Perspektive und die ist bekanntlich recht schräg und unzuverlässig. So verwechselt er die Fackel der Freiheitsstatue mit einem Schwert (die Passage streicht die Regisseurin folglich in ihrer Bühnenfassung). Und auch sonst unterlaufen ihm allerhand Fehleinschätzungen, weshalb er von einem Schlamassel in den nächsten gerät. Stets geht es um die Wahrung bürgerlicher Gepflogenheiten. Und doch: Man wird schuldig gesprochen von den anderen, am Ende ist man ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Missgünstigen, obwohl man angeblich alles richtig gemacht hat. Oder doch nicht? Was ist überhaupt richtig, was falsch? Fragen ohne Antworten. Und so wird Karl selbst zum Verdächtigen. Das Misstrauen regiert.

Coole Lamettabühne

Der transzendentalen Obdachlosigkeit bei Kafka setzt Rupprecht allerdings ein schützendes, alles erklärendes Dächlein auf. Ein bisschen Metaphysik für Seelchen. Lilja Rupprecht will ähnlich wie Karl Roßmann Ordnung ins Chaos bringen, fixiert die gestörte Verbindung zwischen Denken und Handeln, Sehen und Verstehen. Anne Ehrlichs Bühne ist zwar eine coole, Vielschichtigkeit suggerierende Glitzerwelt mit nur bedingt Einsicht ermöglichenden Lametta-Vorhängen. Doch die Regisseurin mag es eben simpel. Im knapp zweieinhalbstündigen Schnelldurchlauf wird durchgehechelt, was im Roman gerade durch seine quälend langsame und dadurch auch absurd lustige Zerdehntheit reizvoll ist: erlebte, erlittene Zeit, die sinnlos verrinnt. Die Inszenierung aber gerät zu einer Abenteuergeschichte mit Erlösungscharakter – von Karls „Wasser-Geburt“ auf hoher See auf dem Schiff bis zum erhofften Künstlerdasein im Irgendwo. Rupprecht arbeitet eine dreiteilige Struktur heraus, wie im Märchen. Karl begegnet immer wieder ähnlichen Figurenkonstellationen: zwei Gegnern, die jeweils von Andreas Leupold und Moritz Grove gespielt werden; schließlich einer Figur, die Karl erst hilft, dann fallen lässt, was dann immer Rahel Ohms großer Auftritt ist. Manja Kuhl übernimmt die mal impertinenten, mal mädchenhaft schüchternen jungen Frauen, die Karl nachstellen.

Ferdinand Lehmann spielt Karl denn auch als netten Tölpel, lässt auch in seinen Erinnerungen an das Dienstmädchen daheim in Prag heulend und schreiend keinen Zweifel daran, dass er vom Dienstmädchen verführt, vielleicht sogar vergewaltigt wurde. Naiv und staunend begegnet er den eigenartigen Leuten.

Büßer im Schlammgewand

Der gute Europäer trifft auf die bösen Amerikaner, das passt ja auch wunderbar zur aktuellen eurozentristischen Weltsicht all jener, die in Donald Trump den Untergang des liberalen Abendlandes sehen. Karl ist rein und frei von jeglicher Sünde, die anderen sind gezeichnet, mit Tand behängt, verkrüppelt. Die Amis tragen Fatsuits, klingonenartige Kappen, gelackte Anzüge und Michelinmännchen-Anzüge. Sozialprothesen. Eklig beschmiert sind sie, und haben künstlich weiß geschminkte Gesichter. Doch sie mögen in noch so bizarren Kostümen stecken, darunter verbergen sich ganz normale Fieslinge. Karl dagegen ist der Gute, der letzte Mensch mit rosiger, natürlicher Gesichtsfarbe. Später steht er wie nackt und bloß wie ein Baby da, nur eben mit Dreck bespritzt. Ein Büßer im Schlammgewand, seine letzte Zuflucht in der Kunst suchend, beim Naturtheater von Oklahoma. So vorhersehbar, so banal. Jegliche interessante semantische Ambivalenz wird mit dieser Brachialvereinfachung ausgetrieben, entsprechend vorhersehbar und öde ist der Abend.

Dass Kafka auch ein verkappter Humorist ist, beweist immerhin die Szene mit Brunelda: Karl ist schon ziemlich am Ende und lässt sich überreden, in die Wohnung von Brunelda (Rahel Ohm) zu gehen, wo die Landstreicher Robinson (Andreas Leupold) und Delamarche (Moritz Grove) untergekommen sind. Rahel Ohm liegt in einer Art in den Boden eingelassenen Bassin und gibt mit Wonne die Diva, scheucht die drei Kerle umher, will mal dies, dann das andere, lässt sich waschen und kitzeln, lacht, schimpft, singt. Und Karl? Behält selbst im Tohuwabohu die Nerven, bleibt das naive, nackige Gutmenschlein, das sein Heil nun in der Kunst vermutet. Wer will, muss nicht schlecht sein, suggeriert diese Weltverbesserungsinszenierung: Wer eine frohe Botschaft zuletzt im Schauspielhaus bei der Premiere von „Das 1. Evangelium – nach dem Mathäus-Evangelium“ vermisst hat - hier bekommt er sie.

Weitere Aufführungen: 17., 27. April, 4.,7., 25. Mai, 16. und 21 Juni. Karten 0711 / 202090.

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