Das Garnisonsschützenhaus in Stuttgart ist ein stiller Ort. Demnächst wird es dort etwas lauter werden, wenn Andrea Leonetti und Petra Weimer singen und Besucherinnen und Besucher durch einen Theater-Performance-Spaziergang führen.
Nein, ein heiterer Sommerspaziergang wird es nicht werden, da mag der Abend noch so lau sein und ein angenehmes Lüftchen durch den Wald am Garnisonsschützenhaus wehen. Aber laue Sachen sind nicht ihre Sache: „Wir wollen die Zuschauer und uns erlösen“, das ist der Anspruch von Andrea Leonetti und Petra Weimer. Dieser Akt soll am Ende des Theater-Performance-Spaziergangs stehen, bei dem es zu einem kleinen Weiher, in eine Lichtung zu einem Waldsofa und an die Logistikfläche beim Dornhaldenfriedhof geht.
Bespielung eines Los Places mit NS-Geschichte
Das Gebäude aus Fachwerk und Ziegelsteinen wurde als Kantine für Soldaten und Offiziere erreichtet. Dort haben sie angestoßen, nachdem sie ihre Schießübungen auf dem Gelände absolviert haben, auf dem seit 1974 der Dornhaldenfriedhof angelegt ist. Bis in die 1960er Jahre war das Garnisonsschützenhaus ein Ausflugslokal, das Nachbarhaus hat später ein Friedhofsmitarbeiter bewohnt. In den ehemaligen Magazingebäuden sind heute Ausstellungen zu sehen. Ein Ort, der viel zu erzählen hat. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden am Friedhofsrand Regimegegner erschossen. Heute lagern hier Steine, stehen Abfallcontainer und Bagger und ebenso eine ziemlich große Buddha-Statue, eingeschlossen in einem Transportkäfig aus Holz. Ein so unwirtlicher wie faszinierender Ort. „Auf dieser Fläche werden alle Figuren vor einer kleinen Gruppe des Publikums eine persönliche Geschichte erzählen und ihren Schmerz befreien“, sagt Andrea Leonetti. Das ist die Erlösung.
Es wird eben nicht „nur“ gespielt, die Grenzen zwischen der Kunst und der Wirklichkeit des Erlebens sollen fallen. Die Performance-Künstlerinnen Marina Abramovic und Valie Export sind die Vorbilder, auf die sich Leonetti und Weimer für ihr „2DirtyOldCoolWomenProject / 2DOCWP“ beziehen.
Andrea Leonetti und Petra Weimer kommen beide vom klassischen Schauspiel und sind beide in der Stuttgarter Theaterszene keine Unbekannten. Leonetti hat das Theater Lokstoff mitgegründet genauso wie das Theaterkollektiv Citizen Kane, sie hat schon viele Lost Places in Stuttgart bespielt. Jetzt ist es das Gelände rund um das Garnisonsschützenhaus.
Tod, Schmerz und Krankheit werden am Weiher überwunden
Petra Weimer hat mehr als ein Jahrzehnt am Stuttgarter Theater Rampe als Schauspielerin, Regisseurin und Dramaturgin gearbeitet. „Wir kannten uns all die Jahre, aber eher oberflächlich“, sagt sie über ihre Verbindung zu Andrea Leonetti. In produktiver und künstlerischer Freundschaft sind die beiden Frauen sich seit drei Jahren verbunden. Im ersten Lockdown haben sie sich manchmal zum Zoom-Aperitif verabredet – und gemerkt, wie viele Parallelen es in ihrem Leben gibt. Lange Aufenthalte in Berlin, eine große Liebe zu Frankreich, dem Land, in dem sie beide viele Jahre gelebt haben. Und ein tiefer Schmerz, dem beide in der jüngsten Zeit standhalten mussten: Petra Weimer hat sehr nah miterlebt, wie ein früherer Lebensgefährte verstorben ist, wie rasend schnell die Zeit vergeht, wenn einem nur noch wenig bleibt. Andrea Leonetti hat lange Zeit gebraucht, um zu akzeptieren, dass ihre gute Freundin, Tanzlehrerin und Mentorin mit 91 freiwillig aus dem Leben gehen möchte.
Krankheit und Tod, das sind auch die Themen beim Performanceprojekt „2DOCWP“. Etwa wenn Petra Weimer ihrem Schmerz mit einem Song von Patti Smith am Weiher im Wald Ausdruck verleiht. Begleitet an der Gitarre von Jürgen Kärcher, einem der Köpfe von Citizen Kane und ebenfalls beim Theater am Garnisonsschützenhaus beteiligt. Es wird einen Chor aus älteren und jüngeren Darstellern geben, Texte von Novalis und Rilke sind genauso integriert wie Fragmente zeitgenössischer Philosophinnen. Auch eigene Texte der insgesamt 12-köpfigen Gruppe aus Performern und Tänzerinnen werden zu hören sein, wenn es um Empathie und Hoffnung geht. „Beim Schreiben ist bei uns aber nicht nur das Gehirn eingeschaltet: Auch Atmosphäre und Gefühl sind beteiligt“, sagt Andrea Leonetti über ihr Vorgehen.
Die beiden Stuttgarter Theaterfrauen wollen nicht leise sein
Das Theater-Performance-Projekt „2DOCWP“ ist also mehr als die Kopfgeburt zweier Theaterfrauen um die 60. Aber um ihr Alter geht es Petra Weimer und Andrea Leonetti durchaus auch. Haben doch beide die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Aufforderung bereits erlebt, sich als Frau auf der Bühne doch besser in den Hintergrund zu begeben, wenn die 50 erst einmal überschritten ist. Das werden sie bei ihrem gemeinsamen Projekt im Grünen am Stuttgarter Garnisonsschützenhaus auf keinen Fall tun: Sie bleiben sichtbar, und zwar ganz weit vorne.
Aufführung und Ausstellung
Termine
Die Premiere findet am 13. August statt, danach gibt es Aufführungen am 14., 16., 17. Und 18. August. Beginn ist jeweils um 18.30 Uhr im Garnisonsschützenhaus am Dornhaldenfriedhof, Auf der Dornhalde 1a. Dort gibt es auch Parkplätze. Karten sind erhältlich per Mail: weimerleonetti@gmail.com oder unter Telefon 01523/688 03 29
Schau
Die Ausstellung vor Ort über die Geschichte des Schießplatzes und seiner Gebäude ist an den Aufführungstagen vor der Vorstellung geöffnet.
Garnisonsschützenhaus
Noch mehr Infos über den Ort gibt es hier: https://garnisonsschuetzenhaus.wordpress.com.