Schlechte Songs, schlichte Reime: Peer Oscar Musinowski, Camille Dombrowsky, Elias Krischke, Noah Baraa Meskina (von links) Foto: Björn Klein

Ironie, Parodie, Trash? Das Musical „The Magic Key“ nimmt das Publikum im Stuttgarter Kammertheater mit auf eine Reise in die nahe Zukunft – und mitten hinein in ein ästhetisches Fiasko.

Bling-Bling auf der Bühne im Space-Look: Sonne, Mond und Sterne funkeln, die Milchstraße leuchtet, Sternschnuppen fallen. Und vier Menschen fliegen. Zu Elektrogeklimper schweben sie durchs All und haben eine Mission, die sie fast vergessen hätten. „Was stand in der Auftragsbeschreibung? Also auf dem Programmzettel?“, fragen sie und geben dankenswerterweise Auskunft: „Wir befinden uns in einer nahen Zukunft. Die Zustände auf der Erde spitzen sich zu, was schlechte Laune gemacht hat.“ Oha, schlechte Laune! Es muss etwas geschehen: „Erkundung und Erforschung eines fremden Planeten mit Schwerpunkt Lebensbedingungen, Wasser, Sauerstoff, gute Laune“, so das Ziel der Astronauten. Noch was vergessen? Ja, das Metaziel: Ironie, Parodie, Trash. 2022 – Kanapee im Weltraum. Oder so.

 

Oder auch anders. Nicht auf Kubricks Filmklassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ bezieht sich das Stück im Stuttgarter Kammertheater, sondern auf den Hip-Hop-Hit von One-T, dem Musikprojekt zweier Franzosen von 2003. Der Hit heißt „The Magic Key“ und gibt dem um gute Laune und tiefen Sinn bemühten „Musical“ von Marthe Meinhold und Marius Schötz den Titel.

Das Stück ist ein Offenbarungseid

Am „Zauberschlüssel“ durfte aber auch das Ensemble mit feilen. Man quatschte und alberte bei Proben herum, bastelte sich Dialoge, zimmerte eine Science-Fiction und vergaß nicht, den Kapitalismus zu verdammen. Eine Stückentwicklung der guten alten Art, nur dass nichts Gutes herausgekommen ist. „The Magic Key“ ist, man kann es nicht anders sagen, ein Offenbarungseid.

Achtung: Landeanflug im Kammertheater! Die sauber gegenderten „Astronaut:innen“ sitzen in Reih und Glied auf der Schaukel, die vom Schnürboden kommt, und nähern sich in engen Raumanzügen dem fremden Planeten. Schwarz gewandet, mit silbernen Leibchen und Stiefeln erforschen sie das Gelände, auf dem Geröll jeglicher Form herumliegt. Quader, Rechtecke, Kugeln. Anders als die Geometrie bleibt der Stoff, aus dem die Räume sind, gleich: Schaumstoff, die gesamte Oberfläche des Planeten bedeckend, was Erleichterung hervorruft.

Hey, man kann hier bequem schlafen!

Zunächst war da nur Staub, nichts, was gute Laune macht. Aber jetzt Erkenntnis Nummer eins: Man kann hier bequem schlafen, so Dipl. Ing. Louis Moonfahrt (Peer Oscar Musinowski). Und sogleich Erkenntnis Nummer zwei, nachdem Prof. Dr. Mey Feminism (Camille Dombrowsky) mit dem Detektor einen sensationellen Fund gemacht hat: Cola im Schaumstoffquader, aus dem Trockeneis wabert! Leben ist möglich! Aber halt: Dose leer und subito ab in die Vergangenheit, um die Zukunft zu ändern. Klappt! Denn schon rülpst Dr. Otto Casino aus Mannheim (Noah Baraa Meskina) auf dem mit Cola gesegneten Planeten zufrieden vor sich hin.

So geht es im Kammertheater los und hundert Minuten weiter mit Personal, das bescheuerte Namen trägt. Auch Text und Plot schlagen alle Rekorde auf der Infantilitätsskala, auch wenn die galaktische Soße mit irdischen Themen gewürzt ist. Etwa mit der „existenziellen Einsamkeit“, die Dr. Mag. Riccarda Witt (Elias Krischke) in der Gruppe aber glücklich überwinden konnte. Jetzt fühlt er die „Energie, um politisch wirksam zu sein: radikaler Systemwechsel. Ressourcen sind begrenzt. Also weg vom Kapitalismus.“ Dann fängt das woke Quartett – es ist ein Musical – auch wieder an, schlechte Songs mit schlichten Reimen schlecht zu singen, Dutzende Male und nur ein einziges Mal gut: Camille Dombrowsky, ausgebildete Sopranistin, im hübschen Herzschmerzduett mit Elias Krischke, der zum Alien mutiert ist und die Erde vollends zerstören will. Dombrowsky/Feminism muss ihn töten, obwohl sie ihn liebt. Drama, Baby, Drama! Die Abstrusität der Handlung ruiniert alles, wirklich alles.

Gesungene Botschaften fürs All

Ironie, Parodie, Trash: dass der „Zauberschlüssel“ in diese Regionen vorstoßen will, klar. Deshalb Zitate aus „Star Wars“ und „Raumschiff Enterprise“, deshalb Visual Effects aus Zeiten, als sie noch Filmtricks hießen und Dampfbügeleisen zu Raumschiffen wurden, deshalb der quietschbunte Kinderkassettenrekorder, der gesungene Botschaften aufzeichnet und ins All oder als Kassette ins Publikum schickt, deshalb die ganze naive Anmutung.

Nur das Fiasko hat kosmische Ausmaße

Aber ohne Konzept, Idee, Handwerk funktioniert selbst auf der Metaebene nichts, sofern sie ihre Vorbilder originell hopsnehmen will. In erstaunlicher Konsequenz fehlt es dem „Musical“ an allem, was ihm eine Daseinsberechtigung geben könnte. Allein: Zur Wahrheit der Premiere gehört auch, dass ein Teil des Publikums den „Magic Key“ beklatschte, bejubelte und bejohlte. Der andere Teil aber saß mit versteinerter Miene vor dem Fiasko: Es war das Einzige, was im „Magic Key“ kosmische Ausmaße hatte.

The Magic Key: Weitere Vorstellungen am 5., 6., 8., 9., 10. und 12. Dezember sowie im Januar im Kammertheater, jeweils um 20 Uhr.