Paul McCartney, 79, blickt milde auch auf Krisen und Konflikte zurück. Foto: imago/Zuma Wire

Der Ex-Beatle Paul McCartney legt mit dem Buch „The Lyrics“ nur nebenbei eine Auswahl seiner Songtexte vor. Es geht um Werte und Anekdoten.

Stuttgart - Eines der fröhlichsten Erbstücke der popmusikalischen Revolution der 1960er Jahre ist gar keine Musikaufnahme. Sondern ein Film, Richard Lesters Beatles-Komödie „A hard Day’s Night“ aus dem Jahr 1964, ein Mix aus absurder Slapstick-Gaudi, durchtriebenem Gesellschaftskommentar und verkleideter Dokumentation. Es geht um die Jagd der Fans und Medien auf die Beatles, um das Bedürfnis der Welt, aus vier talentierten Jungs vier Halbgötter zu machen. Führt man sich den damaligen Wahnsinn noch mal vor Augen, könnte man keinem der Fab Four das völlige Abheben verübeln, den Wahn des Übermenschentums.

 

Im Verhältnis zu einigen anderen Superstars des Musikgeschäfts sind die einstigen Pilzköpfe aber bodenständig und weltbezogen geblieben. Am besten hat die Versöhnung von Genie und Bürgerlichkeit Paul McCartney hinbekommen. Das springt einem nun wieder auf fast jeder Seite von „Lyrics“ entgegen, McCartneys Variante einer Lebensbilanz.

Plaudereien und Abschweifungen

Zwei reich illustrierte Bände im Schuber, 847 Seiten in der deutschen Übersetzung von Conny Lösch, 647 Abbildungen – so wünschen sich devote Royalisten wohl eine Geschichte des europäischen Adels seit den Tagen des Gallierfürsten Vercingetorix. Doch trotz dieses Umfangs ist „Lyrics“ keine soziologisch und psychologisch ausufernde Geschichte der Beatles, seiner Folgeband Wings und der Solistentätigkeit, keine akribische Widerlegungs- und Bestätigungssammlung der vielen Anekdoten, Memoiren, Skandalgeschichtlein, Theorien, Interpretationen und Analysen, die sich an diese Phase der Pophistorie knüpfen.

„Lyrics“ bietet nicht einmal eine komplette Sammlung der rund 600 Lieder, die der 1942 in Liverpool Geborene alleine oder in Kooperation geschrieben hat. 154 Texte aus allen Phasen seiner Karriere hat McCartney ausgewählt, und auch nur die Texte, keine Noten. Zu jedem Lied gibt es Plaudereien, Erläuterungen, Abschweifungen, Erinnerungsketten.

Genie und Alltag

Die uneitle, warmherzige, entmystifizierende Weise, in der McCartney auch bei solchen Aufhängern über den kreativen Prozess spricht, über die Studioarbeit oder eben über ganz anderes, Privates, das sich für ihn an ein Lied knüpft, ist entwaffnend und erhellend. Man wird daran erinnert, wie schmal die Trennlinie zwischen dem Genialen und dem Banalen ist und wie wichtig das Banale und Alltägliche für das ist, wonach alle streben: Glück, Geborgenheit, Akzeptiert-Sein.

Popstars spielen gern mal den Normalmenschen, um ihre überlebensgroße Bühnenpräsenz erst so recht ins Bewusstsein zu rücken. Bei Paul McCartney kommt nie der Eindruck von Koketterie auf. Er kann einen rasch davon überzeugen, das für ihn ein Spaziergang mit Familie und Hund so erfüllend sein kann wie ein Songprojekt. Seine besten Werke zapfen beide Ebenen seines Lebens gleichermaßen an, die experimentell-visionären Kopfausflüge und die beobachtenden Gänge durch die Stadtstraßen.

Vorsicht beim Thema John Lennon

Das Gefühl, McCartney richte sich hier gar nicht an eine anonyme Öffentlichkeit, sondern an einen Freund, kommt nicht von ungefähr. Er hat dieses Buch nicht geschrieben. Er hat sich über mehrere Jahre hinweg immer wieder in dezidierten Sitzungen mit seinem Freund, dem Lyriker Paul Muldoon, über ausgewählte Songs unterhalten. Aus den einzelnen Gesprächen hat Muldoon dann stilsicher jene Texte geformt, die nun zwar kein Wechselgespräch mehr sind, aber auch keine selbstverliebten Monologe werden.

Die Songs sind alphabetisch angeordnet, nicht nach ihrer Entstehungszeit. So ist der Druck vom Künstler und den Lesern genommen, sich doch irgendwie um eine Chronologie der Ereignisse mühen zu müssen, um eine Balance der Urteile und Gewichtungen. Dass McCartney und Muldoon trotzdem vorsichtig sein müssen, dass Biografen, Historiker und Fans jede Andeutung prüfen und überbewerten werden, wenn es etwa ums Ende der Beatles, das zeitweilig sehr angespannte Verhältnis zu John Lennon und um die Rolle von Yoko Ono bei der Aufspaltung der Fab Four geht, ist offensichtlich. McCartney muss sich da aber wohl gar nicht taktisch bedeckt halten, er sieht vieles im Abstand mit großer Milde.

Einladung zur Magical Mystery Tour

So wichtig wie sein kongenialer Songpartner John Lennon sind ihm in diesen Erinnerungen seine Eltern, Lehrer, bestimmte Orte und Bücher – und auch fremde Musik. Man hole sich anderswo Inspiration und gebe selbst welche weiter, erklärt er musikalische Zitier- und Stibitzspiele.

Dies ist kein Buch, das man von vorn nach hinten in zwei, drei Sitzungen wegschmökert. Am besten begibt man sich auf eine Kreuz-und-quer-Reise und hört sich jeweils das gerade verhandelte Lied an. Das wird dann ganz ohne psychedelischen Firlefanz zumindest für jene, die eigene Erinnerungen an Paul McCartneys Musik knüpfen können, eine ziemliche Magical Mystery Tour.

Paul McCartneys Karriere

Anfänge
Als die Beatles 1960 gegründet wurden, flutete viel US-Musik nach England und fand Nachahmer. So kreativ wie die Beatles entfernte sich niemand von den Rock ’n’ Roll- und Blues-Vorbildern. Im Zentrum des Wunders: das Songschreiberduo John Lennon und Paul McCartney.

Bruch
Ende 1969 ließ Lennon die Beatles platzen. Rechtsstreitigkeiten über die Auflösung zogen sich über Jahre hin. Paul McCartney startete schon 1971 mit der Band Wings eine neue Karriere.

Klassiker
1981 lösten sich auch die Wings auf, deren Beliebtheit beim Publikum meist höher war als bei den Kritikern. Seitdem verfolgte McCartney viele Soloprojekte, und der ewige Vergleich mit den epochalen Beatles-Klassikern hat nachgelassen.

Streaming
Paul McCartney hat nicht nur mit Paul Muldoon für sein Buch ausführlich über seine Karriere gesprochen. Auch dem Musikproduzenten Rick Rubin („Johnny Cash: American Recordings“) hat er vor laufender Kamera Auskunft gegeben. Die sechsteilige Doku-Serie „McCartney 3,2,1“ ist in Deutschland beim Streamingdienst Disney+ abrufbar. Der Regisseur Peter Jackson („Herr der Ringe“) hat den Beatles eine dreiteilige Dokumentation gewidmet, „Get Back“. Er hat dafür rund 60 Stunden Filmmaterial und über 150 Stunden Audio-Aufzeichnungen ausgewertet. Zu sehen ist „Get Back“ ab 25.11. 2021 ebenfalls beim Streamingdienst Disney+.

Buch
Paul McCartney/Paul Muldoon: The Lyrics. Deutsch von Conny Lösch. C.H. Beck-Verlag. 874 Seiten, 78 Euro.