Pamela Anderson als „The Last Showgirl“ Foto: dpa

Lange war der einstige „Baywatch“-Serienstar in der Öffentlichkeit auf die Rolle des Busenwunders reduziert. Ihr Talent als empathische Schauspielerin beweist Pamela Anderson nun in Gia Coppolas Sozialdrama „The Last Showgirl“. Eine Entdeckung!

Ein Dekolleté, das jede noch so fest geknöpfte Bluse zu sprengen droht, platinblond gefärbtes Haar, lackierte Kunststoff-Krallen, Erotikfotos im Playboy, Blitzehen mit mehreren Bad Boys und eine tragende Bikini-Rolle in „Baywatch“: Seit ihrer Entdeckung in den frühen 1990er Jahren war Pamela Anderson nicht gerade als Schauspielerin mit Tiefgang bekannt.

 

Pamela Andersons Qualitäten

Ihre Brüste hätten eine brillante Karriere gehabt, sagte sie einmal, sie selbst sei einfach nur mitgetrottet. Ein Zitat, das nachdenklich stimmt, weil es nicht unbedingt etwas über die Frau aussagt, als vielmehr etwas über die Unterhaltungsbranche und das internationale Publikum, das offenbar die leiblichen Vorzüge Andersons mehr zu schätzen wusste als deren andere, weniger offensichtliche Talente.

Dass sie mehr davon hat, als Film- und Fernsehmacher ihr damals zutrauen wollten, belegt nun aber aktuell und spätestens Pamela Andersons Mitwirkung in Gia Coppolas bitterem Sozialdrama „The Last Showgirl“. Die Hauptrolle als alternde Revue-Tänzerin, deren Karriere mit Absetzung der letzten, nostalgischen Erotikshow von Las Vegas nach dreißig Jahren vor dem Aus steht, ist der 1967 im kanadischen British Columbia Geborenen wie auf den Leib geschrieben.

Das Ende der Show naht

Naiv großäugig und mit im amerikanischen Original mädchenhaft wispernder Stimme hastet die von Anderson verkörperte Shelly im Glitzer-Bustier durch ihren Show-Alltag. Als von täglich zwei Vorstellungen nur noch eine schlecht besuchte bleibt und Eddie (Dave Bautista), der Bühneninspizient und Kompanie-Vater, das nahende Ende der Show verkündet, bricht für Shelly eine Welt zusammen.

Der Plot des Films erscheint zunächst so durchscheinend dünn wie die mit Strass und rosa Federn besetzten Gaze-Stoffe, die das Allernötigste der Tänzerinnenkörper verdecken. Gia Coppola richtet aber den Blick aufs Innere ihrer Protagonistinnen und deren harsche Lebensumstände, erzählt, dass Shelly ihre Arbeit mit heiligem Ernst betrachtet, ihr sogar ihre Ehe und frühe Mutterschaft opferte und erst angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit die schmerzhafte Entfremdung zur inzwischen erwachsenen Tochter Hannah (Billie Lourd) spürt.

Familie Coppola hat viele Talente

In den dreißig Jahren der „Razzle-Dazzle“-Show sind die Tänzerinnen zur Ersatzfamilie verschmolzen, wobei Shelly nicht wahrhaben will, dass die jüngeren Neuzugänge Jodie (Kiernan Shipka) und Mary-Anne (Brenda Song) den Job rein pragmatisch sehen – im Gegensatz zu Shellys erstaunlich idealistischem Verständnis ihrer Arbeit als Bühnenkunst.

Gia Coppola – die 38-jährige US-Amerikanerin ist Enkelin von Francis Ford Coppola – zeigt, wie älter werdende Frauen aufgrund ihres aus männlicher Sicht nachlassenden Sex-Appeals aussortiert werden und wie Shellys Kollegin Annette (Jamie Lee Curtis) nicht nur mental, sondern auch ökonomisch daran zu zerbrechen droht. Die jungen Tänzerinnen müssen dagegen tabuloser und – in Shellys Augen – auch niveauloser den eigenen Körper vermarkten, um auf den Bühnen noch gefragt zu sein.

Die Falten sind verspachtelt

Die psychologisch tief durchleuchteten Charaktere und die Melancholie, mit der Coppola sowohl das Sterben einer Branche als auch den Alterungsprozess der Frauen betrachtet, machen „The Last Showgirl“ trotz seines handlungsarmen Plots so interessant und intensiv. Schonungslos beleuchtet Coppola das Elend der weißen Unterschicht, die in den USA mit dem gehässigen Begriff „White Trash“ von jenen stigmatisiert wird, die sich dem sozial-darwinistisch interpretierten Modell des American Dream gemäß erfolgreicher und scheinbar kultivierter positionieren konnten.

Und wenn die Kamera Annettes mit braunem Make-up und buntem Puder grotesk überspachtelte Falten studiert und die zur Kellnerin in einer Spielhölle Degradierte beim Tanz zu Bonnie Tylers Schmachtballade „Total Eclipse of the Heart“ beobachtet, rührt der Film zu Tränen.

Nominierung für den Golden Globe

Ob Pamela Anderson wie die brillante und furchtlose Jamie Lee Curtis eine authentische Rolle spielt oder doch nur sich selbst, ist letztlich eine böse Frage, weil sie impliziert, Andersons empathisches Spiel sei keine Kunst, sondern bloß Mimikry, also Nachahmung eigener Erfahrungen. Dabei verleiht Anderson ihrer Shelly jene Tiefenwirkung, die man ihr in den flach angelegten Rollen ihrer früheren Busenwunderkarriere nie zugestehen wollte.

Wie ihre ebenfalls der üblichen Branchenhalbwertszeit entwachsenen Kolleginnen Angelina Jolie („Maria“), Demi Moore („The Substance“) und Nicole Kidman („Babygirl) entdeckt Pamela Anderson mit ihrem Comeback das Alter als Chance, anstatt des künstlich optimierten Körpers die eigene Persönlichkeit ins Schaufenster zu stellen. Dass die sich sehen lassen kann, hat mindestens Andersons Nominierung für den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin bewiesen – eine so späte wie berechtigte Würde.

The Last Showgirl. USA 2024. Regie: Gia Coppola. Mit Pamela Anderson, Dave Bautista, Jamie Lee Curtis. 89 Minuten. Ab 12 Jahren. Von diesem Donnerstag an in den Kinos.

Pamela Anderson & Co.

Star
Nach erstem Erfolg als Playboy-Covergirl gelang Pamela Anderson mit „Baywatch“ 1992 der Durchbruch als Serienstar. Belächelt wurde sie 1997 für ihre Rolle der Barb Wire in der gleichnamigen Comic-Verfilmung. Private Skandale und ein aus ihrem Tresor gestohlenes Sexvideo mit ihrem Mann Tommy Lee machten Furore. Die Netflix-Doku „Pamela: Eine Liebesgeschichte“ sowie die in der 3 Sat-Mediathek verfügbare Kurzdoku „The True Story of Pamela Anderson“ beleuchten deren wechselvolle Biografie.

Kollegen Neben Pamela Anderson glänzen Jamie Lee Curtis und Dave Bautista in Altersrollen. Bautista stammt aus armem Elternhaus, arbeitete als Türsteher, Autoknacker und Rettungsschwimmer. Als Wrestler wurde er berühmt, seit 2010 arbeitet er als Schauspieler. In „The Last Showgirl“ überzeugt er als sensibler Charakterkopf.