The Homesman Geblieben ist ein Echo

Von Wolfram Hannemann 

Tommy Lee Jones hat ein Western-Melodram von epischer Ruhe inszeniert über Frauen, die das weite Land um den Verstand brachte. Der Film ist auch kein Western im üblichen Sinne – Jones spricht lieber von einem Melodram über den Zusammenhalt von Menschen in harten Zeiten.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "The Homesman"

Autoritär, direkt, rechthaberisch – so wird sie von den Männern ihrer Umgebung ­bezeichnet. Emanzipiert würde man es ­heute nennen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts wollten die Männer davon nichts ­wissen. Dabei möchte die 31-jährige Mary Bee Cuddy einfach nur heiraten, ihre kleine Farm im kargen Nebraska mit einem Mann gemeinschaftlich bewirtschaften. ­

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Anders als die Frauen um sie herum ist Cuddy eine sehr starke Persönlichkeit, die sich nicht scheut, alleine am Pflug mühselig den Acker zu bestellen. Die resolute junge Frau ist ihrer Zeit weit voraus. Da verwundert es nicht, dass ausgerechnet sie dazu auserkoren wird, drei vom harten Westen in den Wahnsinn getriebenen Frauen sicheres Geleit bei der Reise zurück in den zivili­sierten Osten zu geben. Durch Zufall kann sie dem alten Raubein Briggs das Leben ­retten, der ihr im Gegenzug versprechen muss, sie auf der strapaziösen Reise zu ­eskortieren. ­Gemeinsam trotzen sie allen Gefahren.

Tommy Lee Jones’ zweite Regiearbeit nach „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ greift ein Thema auf, das so noch nicht gezeigt wurde. Für viele Frauen wurde das gelobte Land zum Albtraum. Das abgeschiedene Leben und die Härten der Wildnis brachten sie um den Verstand. Jones’ Film ist auch kein Western im üblichen Sinne – er selbst spricht lieber von einem Melodram über den Zusammenhalt von Menschen in harten Zeiten, angesiedelt im Wilden Westen.

Ob sie wollen oder nicht: Die gemeinsame Reise schweißt das ungleiche Paar Cuddy und Briggs zusammen. Gespielt werden sie von einer grandiosen Hilary Swank („Million Dollar Baby“) und einem noch grandioseren Tommy Lee Jones („Men in Black“). Auch wenn er etwas überzeichnet erscheint, Züge einer Karikatur trägt, mag man den kauzigen und brummigen Typ dank seines guten Kerns von der ersten Sekunde an. Swank brilliert als Frau, die zwar Anpacken kann, zugleich aber auch eine verletzliche Seite offenbart. Sie sind perfekte Pendants, er brummt oft mürrisch etwas in seinen Bart, wenn sie ihm auf die Nerven geht, schlüpft aber in einer Szene auch unter ihre Decke, als sie jemanden zum Kuscheln braucht.

Neben den beiden Protagonisten glänzen auch die Nebendarstellerinnen Grace Gummer, Sonja Richter und Miranda Otto als das äußerst fragile Transportgut – drei ausgezehrte Frauen mit leeren Gesichtern, vom Westen gezeichnet.

Dass das weite Land nicht für jede offenbart, was sie sich erhofft hat, verrät Marco Beltramis Filmmusik gleich zu ­Beginn. Die Melodie klingt wehmütig, die Töne weit entfernt – geblieben ist nicht mehr als das Echo einer längst vergangenen Aufbruchsstimmung. Beltramis einfühlsame Orchesterpartitur unterstützt die Wirkung der starken Bilder von Kameramann Rodrigo Prieto, in dessen wundervolle Cinemascope-Panoramen man gerne eintaucht. Wie er die grenzenlose, karge Landschaft zeigt, wird leicht vorstellbar, dass Menschen da draußen verrückt werden können.

Tommy Lee Jones hat mit Kieran Fitzgerald und Wesley Oliver selbst das schlüssige Drehbuch verfasst nach der gleichnamigen Romanvorlage von Glendon Swarthout. Mit sicherer Hand hat Jones einen Film inszeniert, der sich durch seine epische Ruhe ganz ­bewusst zeitgenössischen Sehgewohnheiten entzieht und genau dadurch die Zuschauer voll in seinen Bann schlägt.

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