Julia Goldani Telles in „The Girlfriend Experience“ Foto: Starz/LLC/Aimee Spinks

Julia Goldani Telles spielt in der TV-Serie „The Girlfriend Experience“, die auf Steven Soderberghs gleichnamigem Kinofilm beruht, eine Frau, die als Wissenschaftlerin und als Callgirl die Begierde entschlüsseln will.

Stuttgart/Los Angeles - Taugt Intimität als Ware? Ist Begierde käuflich? Wie leicht verschwimmt die Grenze zwischen echtem und vorgetäuschtem Verlangen? Jede Staffel der Serie „The Girlfriend Experience“ gibt darauf andere Antworten. In der aktuellen Version, die jetzt bei Starzplay zu sehen ist, spielt Julia Goldani Telles Iris, eine junge Frau, die ihre Jobs als Neurowissenschaftlerin und High-Class-Escort durcheinanderbringt. Wir haben die US-Schauspielerin zum Zoom-Interview getroffen.

 

Ms. Goldani Telles, kann man Intimität tatsächlich kaufen?

Eigentlich ist Intimität in gewisser Weise immer eine Tauschware. Selbst wenn es nicht um einen monetären Tausch geht, erhalten Sie doch stets etwas im Austausch für das, was Sie geben. Was wir zeigen, ist nur eine nüchterne Version davon. Ich finde es interessant, dass es bei Iris’ Dates um mehr als Sex geht. Das verwirrt einige der Kunden und sogar Iris selbst – letztlich sind ihre Treffen dann doch Dates, das Kennenlernen ist echt. Auch wenn Iris dafür bezahlt wird, kann sie die Gespräche, die sie führt, die Intimität, die sie teilt, nicht fälschen. Das macht die Sache für Iris viel komplizierter, als sie erwartet hätte.

Immer wenn jemand Iris sagt, wie schön sie ist, verdreht sie die Augen. Kann das sein, dass ich das schon bei den Figuren, die Sie in den Serien „Bunheads“ und „The Affair“ gespielt haben, gesehen habe.

Oh, vielleicht bin das nur ich! Aber tatsächlich liebt es Iris, unnahbar zu sein. Sie gibt nicht viel von sich preis. Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs. Sie ist ehrgeizig, intellektuell, aufmerksam und denkt strategisch. Was wirklich in ihrem Herzen vorgeht, wird nicht verraten.

Was verbindet Sie außer dem Augenverdrehen mit Iris?

Es ist mein Job als Schauspielerin, sehr genau auf Menschen zu achten, auf kleine Dinge, auf bestimmte Regungen zu reagieren und solche Beobachtungen auszunutzen, um glaubwürdig zu wirken. Das könnte eine Ähnlichkeit sein.

Das Augenrollen bekommt auch der deutsche Schauspieler Oliver Masucci ab, der einen von Iris Kunden spielt,

Ja, er ist ein wunderbarer Kollege, der auch dann sehr nett ist, wenn die Kamera nicht läuft: sehr großzügig, sehr lustig.

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Ein bisschen Ablenkung konnten Sie wahrscheinlich bei den Dreharbeiten gebrauchen, Sie sind ja nahezu in jeder Szene von „The Girlfriend Experience“ zu sehen, wechseln ständig zwischen der Rolle als Psychologin und Escort.

Ja, das war harte Arbeit. Ich hatte mich mit einigen Büchern vorbereitet. Simon Stinger, der in Oxford ein Gehirnlabor betreibt, hat uns in Großbritannien beraten. Ich habe mich auch in den Staaten mit einem Professor für Neurowissenschaften unterhalten. Und beim Dreh gab es sowohl ein Techberatungsteam als auch Intimitätskoordinatoren.

War es bei den intimen Szenen hilfreich, dass eine Frau am Set von „The Girlfriend Experience“ das Sagen hatte – die deutsche Filmemacherin Anja Marquardt?

Ich weiß nicht wirklich, ob die Tatsache, dass Anja eine Frau ist, der entscheidende Grund dafür war, dass ich mich in den Szenen immer wohlgefühlt habe. Steven Soderbergh, der ausführende Produzent, ist ein Mann, und er war sehr gütig, sensibel und rücksichtsvoll. Wir hatten einfach ein tolles Leitungsteam. Anja ist aber großartig. Ich hatte zuvor ihren Film „She’s lost Control“ gesehen und war beeindruckt davon, wie feinfühlig sie dort die intimen Szenen inszenierte.

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Steven Soderberghs Film aus dem Jahr 2009 ist die Vorlage für diese ungewöhnliche Serie.

Ich denke, Steven ist so cool, er ist seiner Zeit immer weit voraus. Das Tolle an dem „The Girlfriend Experience“-Franchise ist, dass Steven unabhängigen Filmemachern erlaubt, für eine Staffel komplett die Kontrolle zu übernehmen. Es ist also eine wunderbare Art Verschmelzung der besten Dinge aus Independent-Film und großem TV-Business.

Ich würde Ihnen gerne noch eine Frage zu der „Gilmore Girls“-Erfinderin Amy Sherman-Palladino stellen ...

Oh ja, sie ist großartig.

Sie hat Ihnen vor neun Jahren in der Serie „Bunheads“ Ihren ersten Job gegeben, richtig?

Ja, das war das erste Mal, dass ich ein Drehbuch zu lesen bekam. Das war das erste Mal, dass ich für eine Rolle vorgesprochen habe. Es ging alles sehr schnell für mich. Von Amy und Dan Palladino habe ich so viel gelernt, ich habe ihnen so viel zu verdanken. Schließlich haben sie sich darauf eingelassen, jemanden wie mich zu engagieren, der überhaupt nicht wusste, was er tut.

Fällt Ihnen ein Filmemacher ein, für den Sie gerne auch mal vor der Kamera stehen würden?

Martin Scorsese! Aber wahrscheinlich sagt das jeder, oder? Es gibt aber viele aufstrebende Filmemacher, die ich bewundere und mit denen ich gerne arbeiten würde. Ständig bitte ich meinen Agenten, Treffen zu arrangieren. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, würde ich trotzdem Scorsese sagen.

Julia Goldani Telles und „The Girlfriend Experience“

Person
Die US-Amerikanerin Julia Goldani Telles (26) ist Schauspielerin und Tänzerin. 2012 debütierte sie in der Serie „Bunheads“, die von Amy Sherman-Palladino („Gilmore Girls“) stammt. Von 2014 und 2019 war sie in dem Seriendrama „The Affair“ zu sehen.

Serie
„The Girlfriend Experience“ ist eine Anthologieserie, die auf dem gleichnamigen Kinofilm von Steven Soderbergh beruht. Jede Staffel erzählt eine eigenständige Geschichte. Die deutsche Filmemacherin Anja Marquardt ist Autorin, Regisseurin und Produzentin der dritten Staffel.

Ausstrahlung
„The Girlfriend Experience“ ist beim Streamingdienst Starzplay verfügbar. Die Episoden der dritten Staffel werden immer sonntags veröffentlicht. Die ersten beiden Staffeln liegen bereits komplett vor.