Penny und die Nerds: Kunal Nayyar, Jim Parsons, Johnny Galecki, Kaley Cuoco und Simon Helberg (von links) in „The Big Bang Theory“ Foto: Pro Sieben

Früher galt das Wort Streber als Schimpfwort. Doch das 21. Jahrhundert hat den Nerd zu seinem Lieblingshelden erklärt. Viel dazu beigetragen hat die TV-Serie „The Big Bang Theory“, die jetzt in ihre finale, zwölfte Staffel startet.

Stuttgart - Die Zeit der Helden, die sich mutig an Orte wagen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat, ist vorbei. Der letzte dieser Männer ist schon im Jahr 2012 gestorben und war einmal der erste Mann auf dem Mond. ­Barack Obama ernannte Neil Armstrong zwar zu einem der größten amerikanischen Helden aller Zeiten. Im 21. Jahrhundert begeben sich Helden aber nicht mehr leichtfertig in Gefahr, müssen nicht mehr ein Vielfaches der Erdanziehungskraft aushalten, wenn sie in Raketen ins All geschossen werden, damit sie fremde Welten erkunden können. Sie sitzen lieber am Computer.

Kein neuer Neil Armstrong war nötig, als die Nasa Curiosity auf den Mars geschickt hat, als die Chinesen jetzt auf der dunklen Seite des Monds gelandet sind. Die Helden solcher Weltraummissionen hocken bequem in der Zentrale der Raumfahrtbehörden herum und lassen die Drecksarbeit auf dem staubigen Roten Planeten oder dem Erdtrabanten einen Roboter machen. Die Stunde der Nerds ist angebrochen.

Geek und Nerd ist heute ein Ehrentitel

Als Lehrer Jungs einst weismachen wollten, dass es cooler ist, sich für Mathe, Physik und Informatik zu interessieren, als nur Mädchen und Fußball im Kopf zu haben, klang das wie ein blöder Witz. Wie recht sie damals damit hatten, führen ­solche Weltraummissionen vor. Es zeigt sich aber auch im Aufstieg von Schlaumeiern wie Bill Gates, Mark Zuckerberg und Sheldon Cooper. Der Microsoft-Gründer, der Facebook-Erfinder und der Star der TV-Sitcom „The Big Bang Theory“ haben gemeinsam, dass man sie früher abfällig als ­Streber und langweilige Computerfreaks bezeichnet hätte. Heute nennt man sie Geeks oder Nerds. Und obwohl diese Ausdrücke eigentlich genau das Gleiche meinen, gelten diese nicht mehr als Beschimpfung, sondern als Ehrentitel.

Am eindrücklichsten führt das die Serie „The Big Bang Theory“ vor, die Pro Sieben zur besten Sendezeit ­ausstrahlt, damit Traumquoten und einen Marktanteil von über 20 Prozent erzielt und deren finale Staffel von diesem Montag an zu sehen ist. In anderen Serien holt man sich Brad Pitt, Bruce Willis oder Salma Hayek als Gaststars. Der erste Superstar, den sich diese Sitcom geleistet hat, war dagegen ein gewisser George Fitzgerald Smoot III. Der US-amerikanische Astrophysiker erhielt 2006 den Physiknobelpreis für seine Forschungen zu der Theorie, wonach das Weltall durch einen Urknall (englisch: Big Bang) entstanden ist.

Stan Lee, Leonard Nimoy und Stephen Hawking als Gäste

Die Helden dieser Komödienserie laufen nicht Gefahr, mit den üblichen TV-Schönlingen verwechselt zu werden. Dr. Dr. Sheldon Cooper (Jim Parsons) und Dr. Leonard Hofstadter (Johnny Galecki) teilen sich ein Apartment und sind Supernerds. Ihre Freizeit verbringen die beiden Physiker am liebsten damit, auf Klingonisch Boggle zu spielen, Comicläden nach Erstausgaben von „Spider-Man“ oder „Grüne Laterne“ zu durchwühlen. Gerne streiten sie sich auch darüber, ob Superman physikalisch betrachtet fliegt oder springt, fachsimpeln über String-Theorie, Quantenmechanik und jede Menge anderen Schlaubergerquatsch, sind aber bei den einfachen Dingen des Lebens ziemlich unwissend und unbeholfen. Dann aber zieht Penny (Kaley Cuoco) in der Wohnung nebenan ein, und die Komödie beginnt. Penny ist ein bisschen naiv, sehr blond und ist eigentlich genau die Sorte Mädchen, die mit so uncoolen Genies wie Leonard und Sheldon nichts zu tun haben will. Doch das Unglaubliche passiert. Beim Aufeinanderprallen freunden sich Penny und die Nerds an.

Die bisherigen elf Staffeln von „The Big Bang Theory“ arbeiten sich nicht nur an den genreüblichen amourösen Verwicklungen ab und erzählen vom verspäteten Erwachsenwerden ihrer Hauptdarsteller. Die Sitcom dokumentiert nebenbei auch denkwürdige Auftritte von drei inzwischen verstorbenen Superstars der Nerds: des Comicautors Stan Lee, des „Raumschiff Enterprise“-Veteranen Leonard Nimoy und des Astrophysikers Stephen Hawking – nicht unbedingt die Sorte Stars, bei der man mit fantastischen Einschaltquoten gerechnet hätte. Aber nicht nur Nerds amüsieren sich prächtig über Sheldon und Co. – vielleicht auch deshalb, weil das Publikum es inzwischen satt hat, immer die gleichen smarten, coolen und toughen Mannsbilder vorgeführt zu bekommen.

Dem klassischen Actionhelden droht Arbeitslosigkeit

Selbst in den Actionspektakeln Hollywoods, in denen sich Machos früher nach Herzenslust und konkurrenzlos austoben durften, sind diese nun von Arbeitslosigkeit bedroht. Der Star in den „Trans­formers“-Spektakeln ist ebenso Nerd wie die Helden in der Comicverfilmung „Spider-Man“ oder der Serie „Stranger Things“. Die Zurschaustellung von Männlichkeitsritualen der Actionhelden der alten Schule ist nicht erst seit Metoo nicht mehr gefragt. Die Nerds haben die Macht übernommen.

Nicht nur vor der Kamera. Denn auch wenn die cooleren Jungs immer noch in den Filmabteilungen der großen US-Studios arbeiten: Mehr zu sagen haben inzwischen diejenigen, die in den Videospiele-Studios von Unterhaltungsmultis wie Sony oder Universal arbeiten. Die einzigen Partys, auf die sie früher eingeladen wurden, waren LAN-Partys. Doch diese Nerds machen mit Spielen mehr Umsatz als ihre Kollegen mit Filmen. Deshalb entscheiden sie maßgeblich, welche Stoffe es ins Kino schaffen.

Schon in den 1980ern probten Nerds im Kino den Aufstand

Tatsächlich gab es schon in den 1980ern einen ersten Aufstand der Streber. Damals zettelten in der Filmkomödie „Die Rache der Eierköpfe“ (englisch: ­„Revenge of the Nerds“) ein paar Informatikstudenten eine Revolte gegen die Initiationsriten der Footballspieler am College an.

Doch erst im 21. Jahrhundert ist diese tatsächlich geglückt. Vor ein paar Jahren hat der Stuttgarter Panini-Verlag eine Zeitschrift auf den Markt gebracht, die sich selbstbewusst „Geek!“ nennt. Und für die Rolle des Dr. Dr. Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“ hat Jim Parsons bereits vier Emmys und einen Golden Globe gewonnen. Er setzte sich unter anderem gegen so coole Typen wie Alec Baldwin, Matt LeBlanc und Don Cheadle durch. Das ist noch viel, viel besser, als auf den Mond zu fliegen.

Pro Sieben zeigt von diesem Montag an die zwölfte Staffel von „The Big Bang Theory“ um 20.15 Uhr. Im Anschluss läuft das Spin-off „Young Sheldon“.

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