Vier Mal am Tag fährt der TGV – auf Deutsch Hochgeschwindigkeitszug – von Stuttgart nach Paris. Foto: Peter Petsch

Der Angreifer im Thalys-Zug wollte nach Überzeugung der Pariser Behörden einen islamistischen Anschlag verüben. Europäische Minister diskutieren nun neue Sicherheitsmaßnahmen für Züge. Wie ist derweil die Stimmung im TGV von Paris nach Stuttgart?

Stuttgart/Paris - Zum Glück nicht Wagen 12! Stattdessen: Wagen 17, Platz 24. Der wurde zufällig beim Kartenkauf reserviert. Auf diesem Platz beginnt die Reise: Um kurz vor sieben Uhr morgens startet der TGV nach Paris in Stuttgart. Im Wagen 12 des Schnellzugs Amsterdam-Paris hätte es die Woche zuvor fast einen Terroranschlag gegeben: Bewaffnet mit einer Kalashnikov, neun Magazinen, einer Automatik-Pistole und einem Teppichmesser war Ayoub El Khazzani, ein junger Mann aus Marokko, aus der Toilette gestürmt. Drei Männer konnten ihn überwältigten, weil die Kalashnikov klemmte. Ist Wagen 12 nun Sperrzone für Abergläubische?

Nach dem 11. September 2001 berichteten viele Medien, die Leute hätten Angst vor dem Fliegen und buchten mehr Zugtickets. Kommt nach der Flugangst jetzt die Zug-Angst?

Die Stimmung im Zug ist entspannt

In Wagen 16 blinzelt Michael Kaminski in der Morgensonne, die noch schräg durch das Zugfenster scheint. Angst? Der 46-Jährige lacht – und schüttelt den Kopf. „Ich fühle mich sicher“, sagt Kaminski. „Im Flugzeug fühle er sich ausgelieferter. „Ironischerweise, denn dort ist man bestimmt sicherer.“

Der Mann mit den blonden Haaren im karierten Hemd fasst in Worte, was im TGV an diesem Morgen allgegenwärtig scheint: Zugfahren ist Routine, Fliegen nicht. Kreuzworträtsel, Frühstückskaffee, Nickerchen – diese Zugfahrt fühlt sich an wie jede andere. Vielleicht ist auch deshalb im TGV für Angst kein Platz.

„Für mich hat sich überhaupt nichts verändert“, sagt die Psychotherapeutin Regine Fetzer aus Bad Ditzenbach. Und für Bernd Friedrichs, Heilsarmeeoffizier aus Göppingen, ist die Terrorgefahr ohnehin: ein alter Hut. „Das ist ja schon bekannt“, sagt der 54-Jährige. „Ein Gebet mehr, und man begibt sich auf die Reise.“

Deutschland im „Zielspektrum“ des islamistischen Terrors

Die Einschätzung der Sicherheitslage in Deutschland hat sich nach dem versuchten Anschlag nicht geändert: Das glauben nicht nur die Passagiere im TGV. Das Innenministerium kam zu demselben Schluss, sagt eine Sprecherin dieser Zeitung. Zuversichtlich ist die Einschätzung aber nicht: „Wir sind Teil eines europäischen Gefahrenraums, der im Zielspektrum des islamistischen Terrors steht“, sagt die Sprecherin.

In Thalys-Zügen wurden die Kontrollen nach dem Anschlagsversuch verstärkt. Die Deutsche Bahn teilt dazu mit, sie „sei in dauerhaftem Austausch mit den Sicherheitsbehörden und reagiert stets auf deren Empfehlungen“. Ob nach dem versuchten Anschlag etwas verändert wurde, will die Bahn aus Sicherheitsgründen nicht verraten.

Sieben Millionen Passagiere reisen täglich mit der Deutschen Bahn

Rund 3700 Sicherheitskräfte der Bahn und rund 5000 Bundespolizisten schützen Passagiere der Deutschen Bahn in Deutschland. Sie sind in Bahnen und Bussen des Konzerns unterwegs. Etwa 7,4 Millionen Menschen reisen mit der Deutschen Bahn – am Tag. Mit dem Flugzeug waren innerhalb von Deutschland im Juli nur rund zwei Millionen Menschen unterwegs – im ganzen Monat. Wegen der großen Menge an Zugreisenden halten viele Ansprechpartner Kontrollen wie im Flugzeug auf der Schiene schlicht für unmöglich – doch offen sagen wollen das nur wenige.

Einer, der sich traut, ist der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Schon jetzt fehlten der Bundespolizei 3000 Beamte. Verstärkte Patrouillen in Zügen? „Selbst wenn wir jeden einzelnen der 40 000 Bundespolizisten nur für diese Aufgabe einsetzen würden, käme niemals eine flächendeckende Überwachung zustande“, sagte Wendt der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Von Gepäckkontrollen halten Passagiere nicht viel

Eineinhalb Stunden nach Stuttgart passiert der TGV die Grenze. Jetzt rast er durch die französische Pampa: Wiesen, Wolken, Weite, wunderbar im Morgenlicht beleuchtet. Mehr Schafe auf der Weide als in Deutschland, das ist der einzige Unterschied. Sollten Polizisten an Bord sein, lassen sie sich auch auf französischer Seite nicht blicken. Den Passagieren ist das gerade recht. Mehr Kontrollen? Wünschen sich hier die wenigsten.

„Der Aufwand für Gepäckkontrollen wäre doch viel zu groß“, sagt Mechthild Ziegler, die mit Mann und Enkeltochter auf dem Weg nach Lyon ist. Dass Kontrollen der Terrorgefahr die Stirn bieten könnten, bezweifeln viele – zum Beispiel Berufspendlerin Marianne Moller: „Ich sehe darin keinen Sinn. Dann gehen Terroristen eben in den Bus.“

Zwei Franzosen sind anderer Meinung. Zufällige Gepäckkontrollen hat der französische Innenminister nach dem versuchten Anschlag vorgeschlagen. Sein Anliegen scheint bei Landsleuten gut anzukommen. Antoine Chabaud, der in Stuttgart in der Automobilindustrie arbeitet, ist auf dem Weg zu seiner Familie in Frankreich. Mit Kontrollen würde er sich sicher fühlen. „Das wäre schon sinnvoll.“

Sandra Crespin wünscht sich ebenfalls Kontrollen. Die kleine Frau mit dunklen Haaren und energischem Blick sortiert hinter der Theke im Bordbistro Quittungen. Seit acht Jahren arbeitet sie im TGV. Manchmal fährt die Angst mit. „Besonders wenn Leute mit großen Koffern oder Paketen kommen, werde ich unruhig.“

Zugbegleiter haben vor Pöbeleien mehr Angst als vor Terror

Bei Crespins deutschen Kollegen scheint die Angst vor Terror im Zug eine Randerscheinung: Dazu seien ihnen von Zugbegleitern kaum eine Meldung bekannt, sagen die Sprecher beider Eisenbahngewerkschaften. Ein viel dringenderes Problem sei Gewalt in anderer Form: Fahrgäste, die bei der Ticketkontrolle ausflippen. Sie pöbeln, schubsen, spucken, schlagen. „Das nimmt ganz deutlich zu“, sagt ein GDL-Sprecher. „Und zwar auch von Passagieren, bei denen man es nicht erwarten würde, die zum Beispiel nicht betrunken sind“, sagt sein Kollege von der EVG. Deeskalation in solchen Situationen gehört zur Ausbildung von Zugbegleitern. Wären künftig Fortbildungen zum richtigen Verhalten bei Terroranschlägen nötig? Die Gewerkschaftssprecher winken ab. „Die alltägliche Gewalt gegen Zugbegleiter ist das weitaus dringendere Problem“, sagt der EVG-Sprecher.

Kurz vor elf, Ankunft in Paris:In der Ferne können aufmerksame Passagiere die ersten Pistolen dieser Reise sichten. Sie gehören drei Zollbeamten. Bereits nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo im Januar herrscht in der Region um Paris die höchste Gefahrenalarmstufe. 7000 Soldaten seien im Einsatz, erinnerte der französische Innenminister in einer Pressemitteilung unmittelbar nach dem versuchten Thalys-Anschlag.

Soldaten patrouillieren am Pariser Nordbahnhof

Am Ostbahnhof, wo der TGV einfährt, ist kein Militär zu sehen. Vielleicht am Nordbahnhof, wo die Thalys-Züge ankommen? Tatsächlich patrouillieren dort drei bewaffnete Soldaten. Trotzdem scheinen die Leute entspannt. Manch einer spielt sogar Klavier. Zwei junge Frauen klimpern auf einem schwarzen Piano, das in der Wartehalle steht.

Vor dem Bahnhof sitzt Susan Dejong aus Holland in der Sonne, kurz vor ihrer Rückreise nach Amsterdam. Auf dieser Strecke, nur in entgegengesetzter Richtung, geschah der Anschlagsversuch. Und genau deshalb, sei der Zug jetzt sicher, glaubt Dejong. „Jetzt werden Terroristen erst einmal andere Zielen suchen“, sagt die 25-Jährige. Zwar hätten ihr Freunde nach dem versuchten Attentat besorgte SMS geschrieben, dass sie gut auf sich aufpassen solle. Aber Dejong macht sich keine Gedanken. „Du kannst das Leben nicht mehr genießen, wenn du ständig Angst hast.“ Sie schließt die Augen und neigt das Gesicht zur Sonne. Die letzten Minuten in der Stadt der Liebe sind kostbar. Wer würde sie sich schon vom Terror verderben lassen?

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