Hightech-Materialien: Fertigung von Hightech-Stoffen mit Sensorengarn. Foto: Amann Group

Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Baden-Württemberg profitiert von der steigenden Nachfrage nach Hightech-Materialen, die für andere Industrien zugeliefert werden.

Stuttgart - „Ein Faden kann weit mehr als nur einen Knopf am Hemd festhalten“, sagt Bodo Bölzle. Und wer sehen will, was Hightech-Garne bereits heute alles möglich machen, muss nur einmal in die gute Stube von Bölzle schauen. Er ist nicht nur Präsident des Branchenverbands Südwesttextil, der 200 Unternehmen im Land vertritt, sondern auch Geschäftsführer der Amann-Gruppe. Das Unternehmen stellt in Bönnigheim im Kreis Ludwigsburg Nähfäden und Strickgarne her – darunter auch solche, die man in der Branche intelligente Garne nennt.

Was darunter zu verstehen ist, wird im Showroom von Amann gezeigt. Dort steht ein Matratze, in die ein Garn eingearbeitet ist, das eine Sensorfunktion hat. Sobald Wasser auf die Matratze tropft, wird dem Computer übermittelt, dass die Liege nass ist. Damit können Klinikpersonal und Angehörige bei der Pflege entlastet werden. Auch ein Kleid mit bunten Blumen, die Tag und Nacht strahlen, ist in Bönnigheim zu sehen. Möglich macht es ein silberbeschichteter Faden, der Strom leitet und LED-Lämpchen zum Leuchten bringt.

Insolvenzen und der wachsende Online-Handel machen der Branche zu schaffen

Technische Textilien sind für viele Unternehmen inzwischen unersetzbar. Sie sind in der Medizin, im Automobilbereich und in Branchen wichtig, in denen Mitarbeiter Schutzkleidung brauchen – etwa Feuerwehrleute oder Polizisten. Die Hightech-Stoffe stecken in Pflastern, Implantaten, Schutzkleidung und Flugzeugen wie dem A 380. Mit smarten Garnen und innovativen Stoffen entwickelten Unternehmen schon heute Produkte, die in Zukunft noch mehr Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Komfort im Alltag bringen würden, sagt Bölzle. Hightech-Stoffe sind der Wachstumstreiber für die Textilbranche im Südwesten. In den vergangenen acht Jahren wuchs der Umsatz mit technischen Textilien um fast 64 Prozent. Im Jahr 2017 allerdings ging er leicht zurück und lag bei 2,24 Milliarden Euro (2016: 2,3 Milliarden). Doch im ersten Halbjahr 2018 habe der Umsatz wieder um ein Prozent zugelegt.

Probleme hingegen hat die Bekleidungsindustrie. Insolvenzen im Einzelhandel, die Fusion von Karstadt und Kaufhof und der wachsende Online-Handel drücken auf das Geschäft. Das zeigt sich auch am Umsatz: Er ist im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent auf 4,91 Milliarden Euro gesunken. Verbandspräsident Bölzle plädiert deshalb für eine „aktivere Industriepolitik des Landes“. An einem Standort, an dem eine Industrie nicht willkommen sei, gebe es auch kein Wachstum für diese Branche. „Wir glauben aber: Textil kann ein Mosaikstein in einer zukünftigen Industriepolitik sein, die nicht mehr nur aufs Auto setzt, sondern diversifizierter mehrere, auch kleinere Pflänzchen gießt.“

Firmen blicken bislang noch optimistisch in die Zukunft

Sorgen bereitet den Textilunternehmen auch die Wettbewerbsfähigkeit. „Bayern und Nordrhein-Westfalen rüsten in der Textilforschung auf“, sagt Bölzle. „Hier muss etwas passieren, damit Baden-Württemberg sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.“ Die Branche sei auf Forschung angewiesen, um Impulse für notwendige Veränderungen zu bekommen – sei es bei der Digitalisierung oder bei der Suche nach Nischen. „Wir sind eine mittelständisch geprägte Industrie und brauchen bei all dem Unterstützung“, fordert der Verbandsvertreter. Eine der größten Herausforderung für die Textilunternehmen sei die Fachkräftesuche – gerade auch vor dem Hintergrund, dass viele Firmen die Textilproduktion von China wieder nach Europa zurückholen würden.

Bislang blicken die Firmen in der Textil- und Bekleidungsindustrie noch optimistisch in die Zukunft und beurteilen ihre Lage als gut. Doch die Stimmung ist nicht mehr so gut, wie noch vor einem Jahr. Die Erwartungen sinken seit vier Quartalen. 28 Prozent der Firmen rechen im zweiten Halbjahr 2018 mit steigenden Aufträgen, 58 Prozent mit einem eher gleichbleibenden Geschäft.

Trotz aller Veränderungen und Herausforderungen gebe es aber auch positive Beispiele von Firmen, die sich immer wieder neu erfinden, sagt Bölzle: Das 1956 gegründete Unternehmen Kübler aus Plüderhausen im Rems-Murr-Kreis war früher in der Modebranche und sei nun führender Hersteller von Berufsbekleidung in Deutschland.

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