Großen Teil der Renditen sichern sich Stromanbieter, indem sie Privatkunden belasten.

Berlin - Bundesweit stehen die Energieversorger unter Druck. Schärfere Regulierung und mehr Wettbewerb machen den Unternehmen das Leben schwer. Um ihre Profite aufrecht zu erhalten, belasten sie eine Kundengruppe besonders stark: Die privaten Haushalte.

Einer aktuellen Studie zufolge sind es besonders Privatkunden, die unter der Preispolitik der Energieversorger in Deutschland leiden. "Seit 2006 haben sich die Margen der Stromversorger bei den Haushaltskunden im gesamtdeutschen Durchschnitt annähernd verdreifacht", heißt es in einem Gutachten des Energiewirtschaftlers Gunnar Harms. Demnach haben die rund 1100 Stromversorger bundesweit seit dem Jahr 2006 allein dadurch Gewinne von zusätzlich rund 1,5 Milliarden Euro eingefahren. Für die Haushalte bedeute dies eine jährliche Zusatzbelastung von 40 Euro.

Das Energiegeschäft von Stadtwerken und Großkonzernen wie Eon, RWE, EnBW oder Vattenfall, fußt vor allem auf zwei Säulen - den Industriekunden und den privaten Haushalten. Beide Märkte unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Während sich im gewerblichen Bereich eine relativ kleine Kundenzahl große Abnahmemengen teilt, ist der Markt für private Endkunden viel zersplitterter. Hunderttausende von Haushalten nehmen im Extremfall genauso viel Energie ab, wie ein nur kleiner Kreis an industriellen Großverbrauchern.

Industrie bekommt Rabatte - Haushalte nicht

Dieser Macht ist sich die Industrie bewusst. Schon sehr früh nach der Liberalisierung der Energiemärkte 1998 hätten Großabnehmer ihr Gewicht in die Waagschale geworfen und bei ihren Versorgern Rabatte ausgehandelt, sagt Harms. Eine Entwicklung, die sich im Zuge der Wirtschaftskrise noch verstärkt hat. Der Wettbewerb im Bereich der Industriekunden sei sehr viel Härter als bei Privatahaushalten, zumal auch ausländische Anbieter auf dem Markt mitmischten. Bei den Privaten sei der Druck, niedrige Preise anzubieten, dagegen weitaus geringer. Die Bereitschaft der Bürger einen anderen Versorger zu wählen sei immer noch viel zu gering, sagte Harms. Erst 14 Prozent der Kunden haben nach Daten der Bundesnetzagentur ihrem Stammanbieter seit 1998 den Rücken gekehrt. Anders ausgedrückt ist es risikoloser Preiserhöhungen bei Privat- als bei Industriekunden durchzusetzen. "Strompreiserhöhungen werden im allgemeinen auf dem Rücken der Privathaushalte ausgetragen", sagte Energiewirtschaftler Harms.

Die Preisrückgänge auf dem Strommarkt, die sich seit Mitte 2008 in sinkenden Börsen- und Großhandelspreisen niederschlagen, seien bei den Endkunden nicht angekommen. Allein die Beschaffungskosten für Strom sind laut der Studie, die Harms für die Grünen-Fraktion im Bundestag angefertigt hat, seit Herbst 2008 um 30 bis 40 Prozent gesunken. Auch die Netzkosten und die Umlage für Kraft-Wärme-Kopplung, die ebenfalls im Endkundenstrompreis enthalten sind, seien gesunken. Einzig die so genannte EEG-Umlage, über die die Verbraucher den Ausbau erneuerbarer Energien finanzieren sei angestiegen - allerdings um rund 70 Prozent. Dass deren Erhöhung jetzt vielen Stromanbietern zur Rechtfertigung von Tarifsteigerungen dient, hält Harms für nicht gerechtfertigt.

Rund die Hälfte der Stromversorger hat für den Jahreswechsel höhere Preise angekündigt. In der Spitze steigen die Tarife um bis zu 20 Prozent. Beim Baden-Württembergischen Platzhirsch EnBW werden rund zwei Millionen Haushalte ab Januar rund zehn Prozent mehr für ihren Strom bezahlen müssen. "Die Tarife dürften jetzt nicht auf breiter Front steigen", sagte Harms.

BDEW-Chefin: Umbau der Energielandschaft kostet Geld

Auch aus der Politik hagelt es Protest. "Die Versorger erhöhen vielfach die Preise, um ihre Gewinne zu steigern", sagte der Grünen-Fraktions-Vize auf Bundesebene, Fritz Kuhn, dieser Zeitung. Die von vielen Versorgern angebrachte Begründung, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien die Kosten für Strom in die Höhe treibe, ziehe nicht, da an anderen Stellen Einsparpotentiale nicht genutzt würden. " Hier wird ein Vorwand benutzt, um ungerechtfertigte Preiserhöhungen zu kaschieren", sagte Kuhn. So müssten die stark gesunkenen Einkaufspreise an der Börse endlich von den Stromversorgern an die Kunden weiter gegeben werden.

Die EnBW wies die neuerliche Kritik an ihrer geplanten Strompreiserhöhung zurück. Ursache sei allein der Anstieg der EEG-Umlage. Die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, Hildegard Müller, sagte, es sei natürlich so, dass die Energieversorgungsunternehmen die politisch verursachten Belastungen aus der steigenden EEG-Umlage sowie die höheren Netzentgelte an die Kunden weitergegeben müssen. Der Umbau der Energielandschaft hin zu grünen Energien koste Geld. Das müsse die vermittelt werden. "Dafür muss die Politik öffentlich gerade stehen."

Studien-Autor Harms rät den Kunden nur eines: "Wechseln, wechseln, wechseln."

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