Holz als Exportschlager: Die USA decken sich derzeit vermehrt mit deutschem Holz ein. Das merkt auch Uwe Glohr, Chef eines Holzbaubetriebes in Ostfildern. Foto: privat

Stockende Baustellen, steigende Preise: Die Turbulenzen am Holzmarkt bringen die Kalkulationen von Handwerkern und Bauherren ins Wanken. Wann endet die Rallye?

Stuttgart - Baustopp wegen Holzmangels – für Uwe Glohr war das bisher eine Geschichte aus lange vergangenen Zeiten. „Mein Großvater hat so etwas nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt“, berichtet der 54-jährige Firmenchef. „Es gab zwar Holz, aber zu wenige Verarbeitungskapazitäten. Deshalb hat er ein eigenes Sägewerk gegründet.“ Die Sägerei lohnte sich irgendwann nicht mehr, der Zimmererbetrieb aber lief gut, getragen von Generation zu Generation bei den Glohrs in Ostfildern-Ruit, seit mehr als 125 Jahren. Bis im Frühjahr 2021 der Holzpreis explodierte.

 

Seit die USA in vorher nicht gekanntem Ausmaß deutsches Holz kaufen, fehlt es hinten und vorne am Baumaterial. Das Geschäft stockt, wie es seit Jahrzehnten nicht der Fall gewesen ist. Gerade kam die Nachricht, dass eine weitere Baustelle, auf der Glohr den Auftrag für die Holzarbeiten hat, vorläufig ruht. In seiner ruhigen, offenen Art macht Uwe Glohr nicht den Eindruck, als wäre er leicht zu erschüttern. Was er und seine nach wie vor sehr aktiv beteiligten Eltern Christa und Hans von der aktuellen Lage berichten, zeigt jedoch: Der Boden, auf dem ihre Kalkulationen fußen, schwankt. Mit gravierenden Folgen auch für ihre Kunden.

Ein seriöser Kostenvoranschlag ist kaum noch möglich

„Es ist momentan fast unmöglich, ein Angebot zu erstellen“, sagt Uwe Glohr. Seine Lieferanten machten nur noch Tagespreise, gültig für 24 Stunden. Wenn er heute bestellt, weiß er nicht, was er zum Zeitpunkt der Lieferung bezahlen muss. Ende Oktober hat ihn ein Kubikmeter geschnittenes Vollkonstruktionsholz 340 Euro gekostet, heute sind es 970 Euro. Bei manchen Produkten gibt es erhebliche Engpässe. Lieferanten von holzbasiertem Dämmmaterial nähmen zum Teil nicht einmal mehr Bestellungen entgegen. Grobspan-(OSB)-Platten und Dreischichtplatten, doppelt so teuer wie letztes Jahr, sind Mangelware. Bretter mit 30 Millimetern Höhe zu ergattern, „ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Christa Glohr.

Den Kunden, die vor Monaten einen Auftrag zum Festpreis erteilt haben, kann Glohr Nachverhandlungen nicht ersparen. „Wir legen alle Zahlen offen auf den Tisch und hoffen auf den guten Willen der Kunden“, sagt Uwe Glohr. Oft stoße er dabei auf Verständnis, so dass er nicht allein auf den Mehrkosten für das Material sitzen bleibt. Bei öffentlichen Aufträgen allerdings gebe es keine Kulanz. Zudem sind Vertragsstrafen üblich, die vor allem bei Neubauten die termingerechte Fertigstellung sichern sollen. Eingetreten sei der Fall bisher aber nicht, sagt Glohr. Auch konnte er trotz der Rohstoffengpässe seine neun Mitarbeiter beschäftigen und musste nicht, wie es in der Branche auch vorkam, Kurzarbeit anmelden.

Holz war in Deutschland zu billig, meint der Zimmerer

Die Profiteure der internationalen Nachfrage sind vor allem die großen Sägewerke. Ihre Lager waren zum richtigen Zeitpunkt gut gefüllt, da wegen der trockenen Böden und des Borkenkäferbefalls in den vergangenen Jahren mehr Holz geschlagen wurde als benötigt. „Bei mir gibt es da keinen Neid. Sie verdienen jetzt gut, aber das war auch nötig. Holz in Deutschland war in den vergangenen Jahren zu billig“, meint Glohr. Seit einigen Wochen geht der Holzpreis zwar wieder zurück, er rechnet aber damit, dass sich die Lage beim Nachschub dieses Jahr nicht mehr entspannt – und die Preise auch nicht aufs vorherige Niveau zurückfallen werden. Neubauten und auch viele klimaschutzrelevante Dachsanierungen werden damit teurer.

Auch Fertighäuser kosten jetzt mehr

Mit steigenden Preisen muss auch rechnen, wer den Kauf eines Fertighauses ins Auge fasst. Aufgrund der Festpreisgarantien, die etwa beim schwäbischen Familienunternehmen Schwörer mittlerweile 24 Monate gelten, haben die gestiegenen Materialpreise zunächst einmal nur die Profitabilität der Hersteller belastet. Nun hat Schwörer mit Preiserhöhungen darauf reagiert: Fünf Prozent kamen im April dazu, weitere zweieinhalb Prozent im Juli.

Dabei ist die Firma mit Hauptsitz in Hohenstetten auf der Alb unabhängiger vom Holzmarkt als viele Konkurrenten, da sie ein eigenes Sägewerk betreibt. Gestiegene Kosten für das Rohholz kann sie somit zum Teil im Weiterkauf kompensieren. Denn nur rund 40 Prozent des geschnittenen Holzes verarbeitet Schwörer selbst, 60 Prozent gehen an Händler. Den Großteil der benötigten Nadelbäume bezieht Schwörer im Umkreis von 60 Kilometern von langjährigen Partnern im privaten und öffentlichen Forst. Nach vielen Jahren, in denen der Preis bestenfalls stagnierte, fordern auch diese nun ihren Anteil am Holzboom ein. „Die Waldbesitzer streben Preiserhöhungen im deutlich zweistelligen Prozentbereich an“, sagt der Geschäftsführer Johannes Schwörer. Nachdem der Festmeter zuletzt von 70 auf 90 Euro geklettert ist, wird nun über Zahlen von weit über 100 Euro verhandelt.

Schwörer glaubt, dass sich der Markt beruhigen wird

Bei Schwörer ist das Holz aber nicht der entscheidende Faktor gewesen, der zur Anhebung der Fertighauspreise geführt hat. „Kunststoffrohre sind teurer geworden, ebenso Stahl, Energie und Halbleiter, die wir für unsere Lüftungsanlagen brauchen“, sagt Johannes Schwörer. Da nicht absehbar sei, wann sich der „überhitzte Markt“ wieder beruhigt, habe man jetzt reagieren müssen. Beim Holznachschub ist Schwörer allerdings zuversichtlich: Die Lage werde sich normalisieren. Er sieht dafür zwei Hauptgründe. Erstens nimmt der neue US-Präsident Joe Biden die Strafzölle zurück, mit denen sein Vorgänger Donald Trump Holzimporte aus Kanada belegt hat. Dadurch werden sich die Amerikaner wieder stärker auf ihren Hauptlieferanten stützen. Zweitens würden sich bald unnötige Lager auflösen. So wie Privathaushalte im ersten Lockdown Klopapier bunkerten, hätten es manche Unternehmen mit Blick auf die Rallye an der Holzbörse in Chicago mit dem Baustoff getan. „Ich glaube, dieser Klopapiereffekt lässt jetzt nach“, sagt Schwörer.