Stillstand auf der Baustelle für den Kindergarten „Unterm Wäldle“ in Dachtel. Anwohner haben sich wegen Lärm und Erschütterungen beschwert. Jetzt steigen die Baukosten.
Wüst und leer sieht es aus auf der Baustelle von Dachtels neuem Kindergarten „Unterm Wäldle“. Bagger, Radlader, Baukran und alles andere Gerät steht seit Wochen still. Grund sind Anwohnerbeschwerden wegen Lärmgrenzwerten und möglichen Schäden wegen Erschütterungen.
Die momentane Unterbrechung der Bauarbeiten ist ein weiteres Kapitel in einer mittlerweile rund sechs Jahre andauernden Geschichte. In Dachtel sind die Betreuungskapazitäten in dem 56 Jahre alten Kindergarten schon lange am Limit. Vor dreieinhalb Jahren beschloss der Gemeinderat mit hauchdünner Mehrheit einen Neubau am Standort „Unterm Wäldle“. Von Beginn an regte sich dagegen Widerstand aus der Anwohnerschaft. Zunächst ging es um den Erhalt des dortigen Waldstücks, danach drehte es sich in insgesamt drei Anhörungsrunden um Themen wie Kinderlärm oder das erwartete erhöhte Verkehrsaufkommen.
Baukosten steigen deutlich – nicht zuletzt wegen Anwohnereinwänden
Im November 2024 kam noch die Online-Petition eines Anwohners hinzu. Dem Titel nach ging es ihm darum, den „Schuldenwahnsinn“ in der Gemeinde zu stoppen – „en passant“ versuchte er damit aber auch den Kindergarten zu verhindern. Am Ende erreichten die Anwohnereinwände das Gegenteil: Die kalkulierten Baukosten haben sich – nicht zuletzt wegen der eingeforderten Anpassungen – um rund 42 Prozent auf mittlerweile 8,7 Millionen Euro erhöht.
Mit dem Spatenstich am 30. Januar schien Bewegung in das Projekt zu kommen. Tina Wacker und Susanne Pahl, die beiden Leiterinnen im Kindergarten-Altbau, waren sichtlich froh und erleichtert, dass es endlich mit den Rohbauarbeiten losgeht.
Schon kurz darauf ging jedoch nichts mehr auf der Freifläche neben den Tennisplätzen des FSV Deufringen. Einer der Anwohner spricht in einem Leserbrief von einem „Baustopp“ und wirft der Gemeinde vor, „wesentliche Bauherrenpflichten versäumt“ zu haben. Man habe die Baufirma nicht über seine Flüssiggasanlage informiert und als eine 22 Tonnen schwere Vibrationswalze für Verdichtungsarbeiten anrollte, seien an seinem Haus Schäden aufgetreten.
Das Böblinger Landratsamt weist darauf hin, dass man keinen „Baustopp“ verhängt habe. Laut Bürgermeisterin Helena Österle habe die Baurechtsbehörde der Gemeinde aber geraten, bis zur Klärung der kritischen Punkte die Arbeiten vorerst ruhen zu lassen. Österle berichtet von einer intensiven Kommunikation zwischen Gemeinde, Landratsamt und den beiden Anrainerparteien, die die Bauunterbrechung erwirkt haben.
Die vermeintlichen Verstöße gegen die Bauherrenpflicht sieht man bei der Gemeinde anders. Die 22-Tonnen-Maschine sei nicht einmal eine Stunde im Einsatz gewesen. Danach habe die Baufirma ein mit rund zwölf Tonnen deutlich leichteres Fahrzeug zum Verdichten verwendet, damit seien die Erschütterungen deutlich verringert.
„Was wir uns vorwerfen können, ist, dass wir vorher keine Bestandsaufnahme haben machen lassen“, sagt Österle. Auf diesen Punkt weist auch der Anwohner in seinem Leserbrief hin. Ob die Schäden, die er nun geltend macht, durch die Bauarbeiten verursacht wurden oder schon vorher da waren, lässt sich nicht mehr nachprüfen. „Ich sehe das Projekt bei unserem Architekten“, sieht die Bürgermeisterin die Verantwortung allerdings eher bei dem Stuttgarter Planer Christof Simon und nicht bei der Gemeinde.
Seine Beschwerde über Baulärm zieht der Anwohner wohl zurück
Bemerkenswert ist übrigens, dass das Haus des besagten Anwohners leicht versetzt zum Bauplatz liegt und nicht unmittelbar daran angrenzt – im Gegensatz zum Nachbargebäude, wo sich auf Nachfrage der Gemeinde aber niemand beschwert habe.
Eine weitere Kritik des Anwohners betrifft den Baulärm. Hier hätte die Gemeinde tatsächlich ein Problem, weil Bauarbeiten eben Lärm verursachen und Maßnahmen wie etwa eine Lärmschutzwand die Kosten noch weiter hochtreiben würden. In der Regel beschwere sich aber auch niemand, weil Baulärm eben als notwendiges und vorübergehendes Übel angesehen werde, habe man als Auskunft vom Landratsamt bekommen. Das sieht nun wohl auch der besagte Anwohner ein. Mittlerweile habe er seine Beschwerden zu diesem Punkt zurückgezogen, teilt Österle mit. Unserer Zeitung gegenüber wollte der Hausbesitzer keine Stellung beziehen.
Als Reaktion auf die Anwohnerbeschwerden hat die Gemeinde mehrere Ingenieursgutachten erstellen lassen – darunter eine mittlerweile wohl hinfällig gewordene Lärmmessung. Zwei andere Gutachten betrafen die Erschütterungen, eine davon speziell an dem Gastank des Anwohners. Die Messergebnisse zu den Verdichtungsarbeiten lagen laut Österle deutlich unter den erlaubten Grenzwerten und auch an dem Gastank sei alles „im Grünen Bereich“.
Gutachten verursachen schon jetzt Mehrkosten in fünfstelliger Höhe
Das ändert aber nichts daran, dass die Gutachten schon jetzt für rund 16 000 Euro Mehrkosten sorgen. Die Messungen an dem Gastank des Anwohners sind dabei noch gar nicht miteingerechnet. Hinzu kommen die Kosten, die der Metzinger Baufirma Brodbeck durch den Stillstand entstehen. Wie viel diese ausmachen und wer dafür aufkommen muss, ist laut Verwaltung noch unklar.
Eines steht für Helena Österle aber fest: Jetzt, da die Kritikpunkte abgearbeitet seien, sollten die Bauarbeiten zügig weitergehen. Ob der Fertigstellungstermin im Oktober 2027 einhaltbar ist? „Wir wollen ihn einhalten. Dafür müssen wir eben schauen, dass wir in anderen Bereichen schneller vorwärts kommen“, sagt Helena Österle. Viel darf dann aber nicht mehr dazwischenkommen.
Das lange Warten auf den Dachteler Kindergartenneubau
Ausgangspunkt
Im Mai 2019 zeigt der Bedarfsplan der Gemeinde, dass der 1970 eröffnete Kindergarten in der Vogelsangstraße nicht mehr ausreicht. Schon damals sind die Krippekinder in einem Container untergebracht. Die Betriebserlaubnis für das Provisorium galt bis Ende 2020 und wird seitdem immer verlängert.
Beschluss
Aus der „strategischen Kindergartenplanung“ im Jahr 2020 ergibt sich, dass Dachtel einen neuen Kindergarten braucht. Im Juli 2022 entscheidet der Aidlinger Gemeinderat mit knapper Mehrheit und trotz Anwohnerprotesten, in Dachtel den fünfgruppigen Kindergarten am Standort „Unterm Wäldle“ zu bauen.
Verfahren
Drei Anhörungsrunden durchläuft das Planverfahren. Grund sind vor allem Anwohnereinwände. Die Baukosten steigen von anfangs kalkulierten sechs auf jetzt 8,7 Millionen Euro. Ende Februar 2025 fällt der Baubeschluss. Am 31. Januar 2026 ist Spatenstich. Die Fertigstellung ist für Oktober 2027 geplant.