Plattform für Überflieger – der Aufzugtestturm in Rottweil. Foto: Thyssen-Krupp Elevator AG

Gründer wollen ganz nach oben – auf dem Thyssen-Krupp-Turm in Rottweil geben ihnen Investoren aus der Region Alb-Bodensee eine spektakuläre Plattform.

Rottweil - Der erste Härtetest für die Gründer kommt schon auf dem Weg zur Präsentation. „Oh nein“, sagt stöhnend ein Teilnehmer, als sich der gläserne Aufzug im Rottweiler Testturm des Aufzugherstellers Thyssen-Krupp in Bewegung setzt. Bis zum Schluss der rasanten Fahrt nach oben starrt der offenbar nicht höhenfeste Gründer etwas verkrampft auf die Aufzuginnenwand.

In 233 Meter Höhe haben die Start-up Angels Alb-Bodensee zu „Deutschlands höchstem Elevator-Pitch geladen“. Business Angels sind Investoren, die Gründern in einer frühen Phase nicht nur mit Kapital, sondern auch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ein Elevator-Pitch ist eine knackige Kurzpräsentation (Pitch), für die die Länge der Fahrt mit einem Aufzug (Elevator) reichen soll. Aber dafür fährt der Aufzug in Rottweil mit acht Metern pro Sekunde zu schnell. Schon in 29 Sekunden ist man oben. Das ist auch für Start-up-Schnellredner etwas zu kurz. Da ja auch kein Publikum in die Aufzugskabine hineinpasst, haben die Veranstalter einige echte Aufzugpräsentationen im Voraus gefilmt – und den Gründern ein paar Sekunden Extra-Redezeit vor Fahrtbeginn gegönnt. Die übrigen Teams dürfen es dann live im Veranstaltungsraum an der Turmspitze entspannter angehen.

Breites Themenspektrum bei den Start-ups

Zwölf Start-ups von Konstanz bis Dresden sind der Einladung des Investorenteams aus der schwäbischen Provinz gefolgt, das sich 2017 in Albstadt aus rein privater Initiative zusammengefunden hat. Das Themenspektrum ist breit: Es reicht von der Verwendung eines Insekts namens „Schwarze Soldatenfliege“ für ökologisches Tierfutter über eine digitale Lottospiel-Plattform bis zu einem System für die effektivere Beantwortung von E-Mails – das am Ende des Abends als Sieger hervorgeht. Die Gruppe von der Alb hat sich ein Modell aus Heilbronn zum Vorbild genommen, wo eine ähnliche Investorengruppe, das Venture Forum Neckar, seit Jahren zeigt, dass Start-ups auch abseits der Metropolen Investoren finden.

Thomas Hoffmeister, der Initiator der Start-up Angels Alb-Bodensee, hält den Gegensatz Region – Metropole im Start-up-Bereich für nicht so relevant: „Wir profitieren davon, dass es in unserer Region heimliche Weltmarktführer etwa im Textilbereich gibt“, sagt er. „Und natürlich ist es eines unserer Ziele, auch einmal Start-ups herzulocken, die der Region helfen könnten.“ Doch schon unter den bisher vier Investments der Gruppe ist eines, das man zusammen mit einem französischen Risikokapitalinvestor angeht. An einer internationalen Perspektive führt nichts vorbei: Ein Mitglied des Investorenteams war vor Kurzem auf einer Exkursion in San Francisco, um sich Impulse zu holen. Bisher finanziert die Investorengruppe ausschließlich Unternehmen in der Frühphase. Hier reichen Summen von einigen Hunderttausend Euro: „Aber wenn es, wie bei einigen Start-ups heute Abend, um Beträge von einer Million oder mehr geht, dann müssen wir nach Partnern suchen.“

Die Investorengruppe von der Alb kann sich sehen lassen

Die Start-up Angels Alb-Bodensee können sich in Baden-Württemberg sehen lassen. „Wir haben 30 Mitglieder, die Business Angels in der Region Stuttgart etwa 45 – das ist doch gar nicht schlecht“, sagt Hoffmeister. Entscheidend sei die Lernbereitschaft gewesen, sich mit dem Thema Start-ups zu befassen: „Die jüngere Unternehmergeneration in den Firmen der Region ist da inzwischen sehr offen.“

Auch die Gründer sehen die Frage, ob man das Geld nun in der Provinz einsammelt, ganz pragmatisch: „Wir haben bisher noch nicht im weiteren Umkreis gesucht“, sagt Kevin Liebholz. Sein Start-up Equil aus Ulm hat eine mit Künstlicher Intelligenz gesteuerte, in die Kleidung zu drapierende Einlage entwickelt, die Menschen mit Schulter- und Nackenschmerzen zur richtigen Körperhaltung animiert. „In der Frühphase kann man in Baden-Württemberg inzwischen genügend Kapital finden“, sagt er. Wenn man größer werden wolle, führe an der internationalen Bühne sowieso nichts vorbei.

Diego Schürle Moreno, der das Lufttaxi-Start-up Flügel aus Dresden repräsentiert, hält Gründer für ortsunabhängig: „Start-up-Entwicklung heute heißt: vor dem Rechner sitzen und schwitzen.“ In Dresden gibt es keine solventen Mittelständler wie in Baden-Württemberg. Und so ist man dankbar, dass sich über einen persönlichen Kontakt die Einladung nach Rottweil ergeben hat. Viel Zeit hat Moreno auf der Terrasse in luftiger Höhe nicht: „Entschuldigung, ich muss weiter – noch einen Investor finden.“

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