Lehrkräfte melden zurück, dass ihre Schülerinnen und Schüler diesmal gut mit den Kompass-4-Aufgaben zurecht gekommen seien. Zu gut? Ein Stimmungsbild.
Viele Lehrkräfte scheinen sich einig zu sein: Die Kompass-4-Tests liefen in diesem Jahr deutlich besser als bei der Premiere im Herbst 2024. Das zeigt eine kleine Stichprobe unserer Zeitung unter Pädagoginnen und Pädagogen in Stuttgart sowie eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie hat nach den Tests in Deutsch und Mathe am Mittwoch und Donnerstag Stimmen gesammelt. Ein Überblick darüber, was gut war und was noch besser werden kann.
Eine Rektorin hat der GEW zurückgemeldet: „Die Kritikpunkte des letzten Durchgangs sind aufgegriffen worden, und der Test ist sinnvoll und gut überarbeitet worden.“ Die Auswahl der Aufgaben sei sehr gelungen. Die Bewertung der Tests sei fairer als beim vergangenen Mal, weil an sinnvollen Stellen auch halbe Punkte vergeben werden durften.
Jedoch: „Möglicherweise ist das diesjährige Niveau eher zu leicht gewesen, viele werden dieses Mal das E-Niveau erreichen können“, schreibt die Rektorin. Das E-Niveau ist das erweiterte Niveau, das dem Gymnasium entspricht. Die Pädagogin kommt zu dem Schluss: „In meinen Augen ist Kompass 4 ein hilfreiches Instrument, um Eltern bezüglich der Schullaufbahn ihres Kindes beraten zu können. Allerdings sollte dafür das richtige Niveau gefunden werden. Noch fällt der Test von einem Extrem ins andere.“
Aufgaben seien interessant und lösbar gewesen
Eine andere Lehrkraft hat der GEW zurückgemeldet: „Die Anspannung bei allen Beteiligten war groß. Die Überarbeitungen gegenüber 2024 wurden als positiv wahrgenommen. Die Zeit war gut kalkuliert, nahezu alle Schüler sind fertig geworden.“ Zudem seien die Fragestellungen klarer gewesen, die Kinder hätten wenig Rückfragen gehabt. Die Aufgaben seien interessant und lösbar gewesen.
Doch auch diese Lehrkraft hat einige Kritikpunkte: So hätten die Lehrkräfte wenig oder gar keine Vorlaufzeit gehabt. „Fehlt da das Vertrauen? Warum werden den Lehrkräften die Unterlagen erst zehn Minuten vor Durchführung übergeben?“ – diese und andere Fragen werden in der Pressemitteilung der Gewerkschaft aufgeworfen. Und auch an der generellen Sinnhaftigkeit des Tests wird gezweifelt: „Warum reichen die Mathenoten nicht aus, um das mathematische Vermögen der Kinder einzuschätzen? Ist eine zusätzliche Prüfung sinnvoll oder wird nur geprüft, wer dem Druck standhalten kann?“
Kompass 4 sei verzichtbar
Ein anderer Kollege sieht das ganz ähnlich: „Lehrkraft und Schüler können auf die Kompass-4-Arbeit verzichten“, schreibt er. Das Ganze sei großer Stress für die Kinder, und es würden schon genug Arbeiten geschrieben und Noten verteilt. Ein „neutraler“ Test sei nicht nötig, wenn man den Fähigkeiten und Einschätzungen der Lehrkraft vertraue. „Dieser Test ist ein weiteres Zeichen der geringen Wertschätzung für Grundschullehrkräfte und löst nicht die Zulaufzahlen zum gymnasialen Weg“, so sein Fazit.
Die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein kritisiert zudem den enormen Verwaltungsaufwand. So müssten die Aufgaben online heruntergeladen und ausgedruckt werden. Nach dem Test müssten die Ergebnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler in das Verwaltungsprogramm des Kultusministeriums übertragen werden. „Wir erwarten im 21. Jahrhundert eine professionelle digitale Umsetzung der Verfahren“, wird Stein in der Pressemitteilung zitiert.
Kompass 4 ist ein Teil der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung, welche die Landesregierung im vergangenen Jahr im Zuge der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium eingeführt hat. Der Test kann mit darüber entscheiden, ob ein Kind aufs Gymnasium gehen darf oder nicht.