Große Begeisterung: Mia und Max Reinartz testen mit ihrer Mutter Michaela den Böblinger Flitzer. Foto: factum/Simon Granville

Der kostenlose Lastenrad-Verleih der Stadt Böblingen ist bis zum Jahresende so gut wie ausgebucht. Auch andere Kommunen in der Region fördern das praktische Fortbewegungsmittel, um Abgase einzusparen. Besonders erfolgreich ist das Stuttgarter Projekt.

Böblingen - Mia verdrückte ein Tränchen, als sie aussteigen musste. Die Fünfjährige wollte den Böblinger Flitzer am liebsten behalten. Ihre Eltern Martin und Michaela Reinartz haben als eine der ersten Familien das neue Angebot der Stadt ausprobiert und sich kostenlos eine Woche lang ein Lastenfahrrad ausgeliehen. „Man muss sagen, es war richtig gut“, sagt auch Mias 35-jährige Mutter.

Und das Projekt hat seinen Zweck erfüllt: Die Reinartz’ haben ihr Auto in der Zeit für die Alltagsrouten stehen lassen. Auch andere Kommunen in der Region haben das abgasfreie Transportmittel für sich entdeckt. Am erfolgreichsten ist aber das Stuttgarter Förderprojekt: Seit seinem Start vor zwei Jahren hat es fast 1000 Lastenfahrräder unter die Leute gebracht.

Der eletrische Flitzer ist „ein Sympathieträger“

Als Martin und Michaela Reinartz mit dem elektrisch angetriebenen Flitzer durch Böblingen kurvten, sind sie oft angesprochen worden. „Das Ding ist echt ein Sympathieträger“, sagt der 36-Jährige. In der namensgebenden Stadt des Autokreises Böblingen sind Lastenfahrräder eine Seltenheit. Dabei sei es unheimlich praktisch, finden die Eltern – um beispielsweise die Kinder zum Kindergarten zu bringen, einzukaufen oder am Wochenende einen Ausflug zu machen. „Das Fahren ging erstaunlich leicht“, berichtet Martin Reinartz außerdem, nur Parkplätze würden oft fehlen. „Es gab kein Quengeln und kein Genöle“, ergänzt seine Frau einen wichtigen Aspekt: „Unsere Kinder sitzen im Lastenrad in der ersten Reihe und lassen sich den Wind um die Nase wehen.“

Das familienfreundliche Böblinger Lastenfahrrad ist seit Ende Juni bis Jahresende fast komplett ausgebucht. Zwei Gefährte hat die Stadt mit Geld aus dem Förderprogramm der Initiative Radkultur beschafft, der Verleih wird vom Ortsverein des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs organisiert. Den Bürgern soll damit die Möglichkeit gegeben werden, die Alltagstauglichkeit der Räder zwei bis sieben Tage lang zu testen, für Kurzzeitausleihen zum Einkaufen sind sie nicht gedacht. Die Stadt Esslingen fährt seit diesem Sommer mit einem neuen Lastenrad nahezu das gleiche Test-Programm für ihre Bürger. Doch Michaela Reinartz hat in dem kostenlosen Angebot auch einen großen Minuspunkt entdeckt: „Schade ist, dass man die Nase lang gemacht bekommt – und dann ist es so teuer“, kritisiert die Böblingerin und blickt neidisch nach Stuttgart.

Die Landeshauptstadt unterstützt Familien beim Kauf

Seit 2018 unterstützt die Landeshauptstadt Familien mit mindestens einem Kind beim Kauf eines E-Lastenrads. Am Anfang betrug der Zuschuss 1500 Euro, in diesem Jahr sind es 1000 Euro und von 2021 dann 800 Euro pro Rad, sozial schwache Familien erhalten mehr. Wer auf sein Auto verzichtet, bekommt später 500 Euro extra ausgezahlt. „Es ist ein toller Erfolg und das Interesse nach wie vor ungebrochen“, sagt Ralf Maier-Geißer, der in Stuttgart für nachhaltige Mobilität zuständig ist. Im ersten Jahr wurden 287 Lastenrad-Käufe unterstützt, im zweiten 356, in diesem Jahr sind es bereits 329.

Die Corona-Pandemie hat den Boom befördert, bis zum 31. Dezember rechnet Ralf Maier-Geißer noch mit vielen Anträgen. Wer im Frühjahr in die Pedale treten wolle, solle jetzt beim Händler eines bestellen, empfiehlt er wegen der langen Lieferzeiten. In der Region zeigt sich nur das vergleichsweise kleine Winnenden im Rems-Murr-Kreis gleich großzügig: Die 28 000-Einwohner-Stadt unterstützt seit dem 1. Juli die Anschaffung eines E-Lastenrads mit 1500 Euro. „Der Preis ist eine Hausnummer“, sagt Martina Reinartz über den Umstieg auf das bei ihrer Tochter so beliebte Transportmittel. „Eine Förderung würde helfen“, ergänzt ihr Mann.

Weitere Projekte

Initiative
In Marbach am Neckar wird seit September 2019 für das Lastenrad geworben. Das von der Stadt im Kreis Ludwigsburg erworbene Modell kann im Gegensatz zu Böblingen und Esslingen auch tageweise gemietet werden. Wegen der hohen Nachfrage ist die Mietdauer auf vier Tage im Monat und maximal drei am Stück beschränkt worden. Es soll „ein Puzzleteil zur Lösung der Verkehrsprobleme in Marbach sein“.

Alternative Im Herrenberger Stadtteil Affstätt im Kreis Böblingen stellen Kerstin und Gerhard Strubbe ihr privates Lastenrad kostenlos anderen Nutzern zur Verfügung. ALF wird das Affstätter Lastenrad fast schon liebevoll genannt. Seit März wurden damit 1500 Kilometer zurückgelegt. In der Woche wird es 3,5-mal ausgeliehen. „Es hat unsere Erwartungen mehr als übertroffen“, berichteten die Besitzer im Ortschaftsrat. Meist junge Familien leihen sich das E-Mobil aus.

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