Das kann für Winfried Specht schief gehen.: Der Betonpfeiler für die Straßenbeleuchtung steht mitten auf dem Gehweg Foto: Eva Funke

Zu hohe Bordsteine, fehlende Bodenleitsysteme: Ein Test auf der Heilbronner Straße macht deutlich, wie gefährdet Behinderte in der Stadt sind.

Stuttgart - Für behinderte Menschen, die im Stuttgarter Norden unterwegs sind, soll es künftig weniger Stolperfallen und Hindernisse geben, und sie sollen sich leichter zurecht finden können. Das ist eins von vielen Zielen, das Sabine Mezger in ihrer zweiten Amtszeit als Bezirksvorsteherin in Angriff nehmen will. An ihr als ehrenamtliche Vorsteherin hält die CDU-Fraktion im Gemeinderat, die wegen der schlechten Wahlergebnisse einen von zwei Bezirksvorsteherposten abgeben muss, mit großer Mehrheit fest. An die FDP gibt sie den Posten im Osten ab.

Anhaltpunkte dafür, wo nachgebessert werden muss, liefert der Bezirksvorsteherin ein Testgang. Mit dem ehemaligen Behindertenbeauftragten Walter Tattermusch und Vertretern von Behindertenverbänden ist sie von der Stadtbahnhaltestelle Eckartshaldenweg die Heilbronner Straße Richtung Mitte gegangen.

Gleich bei der Stadtbahn-Haltestelle Eckartshaldenweg fangen die Probleme für Sehbehinderte und Blinde an: Der Bahnsteig der Haltestelle hat zwar Rillen und Noppen als Bodenleitsystem, die Blinde mit dem Langstock ertasten können. Aber auf der Rampe am nördlichen Ende und beim Fußgängerüberweg gibt’s kein Bodenleitsystem mehr. „Da können Blinde sich kaum orientieren“, sagt Winfried Specht vom Blinden- und Sehbehindertenverband. Der 60-jährige ist mit elf Jahren erblindet. Mit dem Langstock kommt er prima zurecht, sofern Leitsysteme vorhanden sind.

Von der Haltestelle geht es auf dem Trottoir rechter Hand stadteinwärts. Und plötzlich geht es fast schief: Mitten auf dem Bürgersteig steht ein Betonmast für die Straßenbeleuchtung. Specht hat ihn fast mit der Schulter gestreift. „Blinde tasten mit dem Stock am Bordstein oder Hauswänden lang. Hindernisse mitten auf dem Weg sind oft nicht zu ertasten“, sagt Specht.

Bei der Kirche St. Georg wird der Gehweg durch eine denkmalgeschützte Mauer auf 90 Zentimeter verengt. Bereits die SPD im Bezirksbeirat hat kritisiert, dass Menschen mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer kaum durchkommen und es gefährlich wird, wenn Schüler dort lang rennen. Auch für Specht ist die Stelle nicht einfach zu meistern. Kommt ihm jemand entgegen, kann er nicht ausweichen. Außerdem fehlen bei der Treppe vor St. Georg reflektierende weiße Streifen und ein Bodenleitsystem.

Selbst Automaten an der Hauswänden sind ein Gefahr

Beim Gebäude Heilbronner Straße Nummer 129 wachsen auf einer Strecke von etwa 50 Metern Sträucher mit stacheligen Zweigen in den Gehweg rein. Spechts Stock bleibt häufig im Gestrüpp stecken. „Das ist für Blinde und Sehbehinderte auf vielen Gehwegen ein Ärgernis. Wir können dadurch ins Stolpern kommen“, sagt Specht und weist darauf hin, dass bei der Friedhofstraße der Bordstein nicht richtig abgesenkt ist. „Da kommen Rollstuhlfahrer kaum drüber.“ Außerdem fehle an der Kreuzung ein Geländer, das den Gehweg Richtung Fahrbahn abgrenzt. „Blinde, die sich mit dem Langstock ihren Weg ertasten, sind hier gefährdet“, sagt Winfried Specht.

Der Zigarettenautomat, der an dem Haus Heilbronner Straße 101 hängt, ragt in den Gehweg. Specht hat keine Chance, das Hindernis mit seinem Stock auszumachen. Damit sich Blinde und Sehbehinderte nicht den Kopf anschlagen, sollten alle Arten von Automat einen ertastbaren Fuß haben oder abmontiert werden. Ebenfalls eine Stolperfalle waren vor einem Geschäften Kartons mit Kleiderbügeln zum Mitnehmen für Passanten. Die hat der Inhaber weggestellt, nachdem er auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden ist

Am Abzweig der Wolframstraße von der Tunzhofer Straße sind die Bordsteine wieder zu hoch. Specht: „Für Blinde ist das zwar ein Vorteil, weil sie die ertasten können, doch die Rollstuhlfahrer werden ausgebremst.“ Damit Blinde und Rollstuhlfahrer zurecht kommen, sollten die Bordsteine drei Zentimeter hoch sein. Am Fußgängerüberweg bei der Türlenstraße funktionierte der untere Taster für Blinde nicht. Bei der stark befahrenen Heilbronner Straße sind Blinde hilflos. Mittlerweile funktioniert die Taste wieder.

Zweieinhalb Stunden war Sabine Mezger mit den Experten unterwegs. Immer wieder stellte die Gruppe fest, dass Bodenleitsysteme fehlen, Treppenabgänge nicht mit reflektierender weißer Farbe markiert und Bordsteine zu hoch sind. Das Fazit der Bezirksvorsteherin: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Stolperfallen und gefährliche Stellen gibt.“ Für am problematischsten hält sie und auch das Expertenteam die Engstelle bei St. Georg. Die Kirchengemeinde ist zwar bereit, die Mauer zu versetzen. Doch die Denkmalschützer müssen noch überzeugt werden. Mezger: „Der Schutz der Menschen ist wichtiger als der Denkmalschutz.“

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