Die islamistische Terrororganisation IS hat die Anschläge in Nordfrankreich, Ansbach, Würzburg und Nizza für sich in Anspruch genommen. Dass sie verstärkt auf Einzeltäter setzen, könnte ein Hinweis auf die Schwäche der Terrorgruppe sein. Foto: dpa

Gerade erst hat die islamistische Terrororganisation IS die Geiselnahme in Nordfrankreich für sich beansprucht. So, wie auch schon die Anschläge in Nizza, Würzburg und Ansbach. Das könnte Strategie sein – und ein Zeichen für den Zerfall der Gruppe, sagt ein Terrorismusexperte.

Tübingen - Tödliche Angriffe in Frankreich, der Türkei oder Deutschland, verübt von Menschen, oft Einzeltätern, die sich zum sogenannten Islamischen Staat bekennen, obwohl sie bislang kaum eng mit der Gruppe verbunden schienen. In diesen Wochen, so scheint es, kommt das gehäuft vor. Terrorismusexperte Jan Sändig von der Universität Tübingen erklärt, was dahinter steckt.

Herr Sändig, im Zusammenhang mit den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und nun Nordfrankreich haben sich die Täter auf die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) berufen. Steckt hinter den vielen Einzeltaten eine perfide Strategie des IS?
Ich denke, das hat schon Strategie. Der IS muss ja zunächst einmal recht wenig dafür tun, um einen Anschlag für sich beanspruchen zu können. Er ruft lediglich dazu auf, solche Angriffe zu verüben – vor allem über Videos im Internet. Diese meist sehr martialischen Videobotschaften gibt es zum Beispiel auf deutsch, englisch oder französisch. Wird ein Anschlag im Namen des IS verübt, erregt das natürlich weltweit viel mehr Aufmerksamkeit als ein privater Gewaltakt. Weil sowohl die Organisation, als auch die Täter Aufmerksamkeit suchen, nutzt das beiden Seiten.
In den sozialen Netzwerken trendete der Hashtag #ISbekenntsich. Der IS bekenne sich zum Bau des BER, zur Ermordung von Bambis Mutter oder zu Kernen in kernlosen Trauben, wie einige Twitter-Nutzer schreiben. Bekennt sich der IS also schlicht zu allem, einfach weil es ihm nutzt?
Nein, der IS bekennt sich interessanterweise eben nicht zu allem. Die Terrorgruppe scheint einen Anschlag oder ein Attentat nur dann für sich zu beanspruchen, wenn wirklich eine direkte Verbindung zum IS hergestellt werden kann oder plausibel ist – wenn auch oft eine sehr lose. Es muss also eine Form von Bekenntnis der jeweiligen Attentäter zur Bewegung des IS existieren, zum Beispiel in Form einer Videobotschaft oder eines Bekennerschreibens, wie das jetzt nach den Angriffen von Würzburg und Ansbach der Fall war.
Den Absturz der Egypt-Air-Maschine vor der ägyptischen Küste im Mai beispielsweise hat der IS nie für sich beansprucht, obwohl viele Menschen damals sofort von einem Terroranschlag ausgingen.
Sich zu möglichst vielen Anschlägen zu bekennen, bringt aber weltweit Aufmerksamkeit – und streut Angst vor mehr Terror. Das ist ja vermutlich das Ziel der Organisation.
Richtig, aber sich zu einem Anschlag zu bekennen, birgt für den IS auch große Risiken, das wird oft übersehen. Ein Beispiel dafür ist der Anschlag auf die russische Passagiermaschine über Sinai im vergangenen Herbst. Dass der IS das für sich in Anspruch genommen hat, führte dazu, dass Russland Stellungen der Organisation in Syrien und dem Irak intensiv bombardierte.
Auch Frankreich hat nach den Anschlägen von Paris sein Vorgehen gegen die Terrororganisation verschärft. Durch die Luftschläge der internationalen Koalition und Russlands gegen IS-Stellungen sind mindestens 25.000 IS-Kämpfer umgekommen. Insofern bringt die Strategie, zu Anschlägen im Ausland aufzurufen und Attentate für sich zu beanspruchen zwar kurzfristig viel Aufmerksamkeit, aber schon mittelfristig scheint sich das als großer strategischer Fehler für den IS zu erweisen.
Was könnte Ziel dieser Strategie sein?
Im Weltbild des IS und dem von verwandten islamistischen Bewegungen gibt es eine seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten bestehende Verschwörung und Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung durch den Westen, durch Christen und durch korrupte muslimische Regierungen. Auch die aktuellen Luftangriffe der internationalen Koalition gegen den IS werden von der Organisation beispielsweise als Teil des Angriffs auf die Muslime gewertet.
Anschläge wie in Würzburg oder Ansbach sind dann also zum einen, aus emotionaler Perspektive, Rache und Vergeltung für die vom Westen getöteten Muslime. Zum anderen, strategisch betrachtet, sind die Angriffe aber auch der Versuch, den Westen zur Beendigung des wahrgenommenen Krieges gegen die Muslime zu zwingen. Eine andere Interpretation ist, dass der IS den Westen zu einer noch stärkeren Intervention in den muslimischen Ländern provozieren will. Würde das geschehen, wäre die Behauptung vom Kampf des Westens gegen die Muslime offensichtlich bestätigt, was dann eine Massenunterstützung der Muslime für den IS schaffen könnte. Vermutlich sind diese beiden strategischen Logiken innerhalb der Terrororganisation vorhanden.
Nun hat der IS gerade wieder die Verantwortung für die Geiselnahme in einer Kirche in Nordfrankreich übernommen. Warum kommt es trotz der genannten strategischen Risiken zurzeit scheinbar verstärkt zu Anschlägen durch Akteure, sie sich zum IS bekennen?
In der jüngeren Terrorismusforschung gibt es starke Indizien dafür, dass Gruppen solche brutalen und willkürlichen Anschläge vor allem dann verüben oder gutheißen, wenn sie schwächeln, wenn sie – wie der IS jetzt – in den von ihnen besetzten Gebieten an Territorium verlieren.
Sympathisanten dazu aufzurufen, im Ausland Anschläge im Namen der Terrororganisation durchzuführen, könnte dann dazu dienen, den Zerfall der eigenen Gruppe aufzuhalten. So wollen sie zeigen, dass sie militärisch noch immer stark sind, noch immer Macht haben. Die Anschläge in Frankreich und Deutschland signalisieren damit auch den lokalen IS-Unterstützern in Syrien und im Irak, dass die Bewegung weiter wächst, während tatsächlich eher das Gegenteil der Fall zu sein scheint.
Im Grunde also ist der sogenannte Islamische Staat geschwächt?
Danach sieht es sehr aus. Ich würde dem IS als Organisation – anders als der islamistischen Ideologie – ohnehin keine großen Überlebenschancen geben. Im Grunde haben wir es mit einer Gruppe zu tun, die bereits ein Drittel des vor einem Jahr noch von ihr besetzten Territoriums wieder verloren hat. Militärisch sind die Gebiete des IS in Syrien und im Irak von Gegnern umzingelt.
Außerdem ist die Gruppe so gewalttätig und radikal, dass sie auch unter Muslimen nur sehr begrenzt Unterstützung und Anhänger mobilisieren kann. Im Gegenteil: Der IS bringt den Großteil der Muslime gegen sich auf. Anhänger zu gewinnen ist aber die einzige Möglichkeit für eine bewaffnete Gruppe, langfristig zu überleben.
Also behilft man sich, indem man Einzelne dazu aufruft, Anschläge zu verüben.
Es gibt da zwei Strategien. Zum einen ruft der IS seine Sympathisanten dazu auf, in die von ihm besetzten Gebiete zu kommen, in das „Kalifat auszureisen“, wie sie sagen. Eigentlich besteht der Schwerpunkt des IS nämlich darin, das besetzte Territorium in Syrien und im Irak zu sichern. Hier wird nach wie vor auch am meisten gekämpft. Zum anderen fordern sie Muslime in aller Welt dazu auf, zu kämpfen – und so den Terror in andere Länder zu bringen.
Auch Al-Qaida hat in den 2000er Jahren schon dazu aufgerufen, sich in kleinen Zellen zu organisieren und Anschläge zu verüben. Solche Einzeltäter oder kleine Gruppen haben kaum materielle und organisatorische Unterstützung von außen erhalten, sondern nur Ideen. Diese Täter haben also weitgehend selbstständig agiert. Es gibt dann aber sehr genaue Anweisungen, die über das Internet leicht zugänglich sind. In einem Magazin des IS heißt es beispielsweise, dass potenzielle Täter sich direkt zum IS bekennen müssen.
Im Falle des Anschlags von Nizza beispielsweise handelte es sich um einen Täter, der sich nicht an religiöse Vorschriften hielt, die der IS in den von ihm besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak beispielsweise einfordert. Der Attentäter soll wohl Schweinefleisch gegessen und Alkohol getrunken haben, was unter dem IS-Regime wohl mit dem Tod bestraft werden würde. Ist dem IS inzwischen also alles recht?
Der IS scheint tatsächlich nicht sehr wählerisch in der Auswahl seiner Mitglieder und Attentäter. Die Gruppe agiert in dieser Hinsicht anders als die meisten Terrororganisationen. Einzeltäter sind im Terrorismus generell die Ausnahme. Es ist auch auffällig, dass der IS viele als seine „Soldaten“ bezeichnet, die schon einmal straffällig wurden, die wenig gebildet sind oder sogar suizidale Tendenzen aufweisen.
Die palästinensische Hamas beispielsweise würde niemals suizidale Täter einen Selbstmordanschlag ausüben lassen. In so einem Falle wäre ja überhaupt nicht glaubhaft, dass es um ein politisches Anliegen geht.
Sind aber nicht gerade psychisch angeschlagene Menschen anfälliger für solche Gruppierungen?
Das ist möglich – die Forschung zeigt aber, dass die allerwenigsten Terroristen im medizinischen Sinne geisteskrank sind. Das sind zunächst eher gewöhnliche und gesunde Menschen, die sich aber von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen und dann radikalisieren. Die Ideologie einer Organisation wie des IS bietet da natürlich Abhilfe. Wer sich so verhält, wie der IS das vorschlägt, dem wird plötzlich ein Sinn gegeben, man ist in eine Gruppe eingebunden, man hat generell einen Bedeutungsgewinn im Leben. Genauso gut könnten sich diese Menschen aber auch einem lokalen Fußballklub anschließen, um ihrem Leben Sinn zu geben und gesellschaftlichen Anschluss zu finden.
Mittelfristig könnte die Strategie, labile Einzeltäter zu rekrutieren, dem IS allerdings sehr stark schaden – vor allem, was die Mobilisierung von neuen Anhängern angeht. Unzurechnungsfähige Einzeltäter können schließlich kaum glaubwürdig für die politischen Anliegen des IS und verwandter islamistischer Bewegungen stehen.

Jan Sändig, Diplom-Politologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich „Bedrohte Ordnungen“ der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Bürgerkriege, Terrorismus und religiöse Konflikte.

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