Kann vieles bedeuten und wird auch von Islamisten verwendet: ein nach oben gereckter Zeigefinger Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach diversen Anschlägen mit islamistischem Hintergrund auch in Deutschland sind viele Menschen aufmerksam. Das kann zuweilen aber auch zum Problem werden – und Unschuldige in Verdacht bringen.

Stuttgart - Ein netter Schulausflug ist’s. Und wie das bei solchen Anlässen halt üblich ist, entsteht auch ein Gruppenfoto. Darauf wird herumgealbert, zwei der Jugendlichen strecken dabei den Zeigefinger aus. Das Bild kursiert später unter den Schülern, auch Eltern bekommen es zu sehen. Und trauen ihren Augen nicht, denn sie glauben, in der Geste der beiden den sogenannten IS-Finger zu erkennen.

Allzu bekannt ist diese Symbolik in Deutschland nicht. Sie taucht immer mal wieder auf Fotos oder Videos der Terrorgruppe Islamischer Staat auf. Deren Mitglieder zeigen das Victory-Zeichen oder aber den aus der Faust zum Himmel gestreckten Zeigefinger. Was die Geste in diesem Zusammenhang bedeutet, darüber können auch Experten nur Vermutungen anstellen. Die einfachste Erklärung: Sie soll „der eine Gott“ heißen. „Diese Geste ist schon lange im Islam bekannt und wird zum Beispiel beim Gebet verwendet“, sagt ein Verfassungsschützer. Mit Terrorismus habe sie ursprünglich nichts zu tun und werde von IS-Kämpfern und Salafisten lediglich für Propagandazwecke missbraucht.

Die Eltern jedenfalls sind besorgt. Sie wenden sich an die Schulleitung, die umgehend reagiert. Die beiden Schüler muslimischen Hintergrunds hätten glaubhaft beteuert, dass sie mit solchem Gedankengut nichts zu tun hätten. „Das nicht näher zu identifizierende Zeichen sollte wohl so ähnlich aussehen wie bei erfolgreichen Sportlern“, heißt es aus der Schule. Die beiden Jugendlichen geben sogar eine schriftliche Stellungnahme ab. „Mit solchen Themen darf man keinen Spaß machen. Und das wissen die Schüler auch“, sagt die Schulleitung. Das habe man im Unterricht noch einmal aufgearbeitet. Die Sache sei damit erledigt gewesen.

Polizei legt den Fall schnell zu den Akten

Bis der Staatsschutz vor der Tür steht. Denn die Eltern wollen den Beteuerungen nicht glauben und rufen die Polizei. Die veranlasst, dass die beiden Betroffenen aus dem Unterricht geholt werden – und befragt sie nach allen Regeln der Kunst. Ergebnis: „Es gibt keinen Bezug zum IS“, sagt ein Polizeisprecher. Wenn überhaupt, habe es sich um einen Dumme-Jungen-Streich gehandelt, wahrscheinlich sei die Geste aber nicht einmal bewusst gemacht worden. Man habe die Sache deshalb schnell abgehakt, die Schule habe alles richtig gemacht.

Ausgestanden ist die Geschichte freilich noch nicht. Denn an der Schule hat der Vorfall Narben hinterlassen. Die beiden betroffenen Jugendlichen seien völlig durch den Wind, sagt die Schulleitung. Auch unter den anderen Schülern herrsche „eine aufgewühlte Stimmung“, weil viele die Anzeige bei der Polizei für völlig übertrieben hielten. Die Schulleitung selbst fragt sich, warum so wenig Vertrauen in die eigenen pädagogischen Maßnahmen vorhanden ist: „Die Schulen kümmern sich und sind für solche Fälle gut aufgestellt.“

Generell, heißt es in der Schule, sei zu beobachten, wie schnell Menschen „in dieser hochsensiblen Zeit“ unter Generalverdacht gerieten. In einer emotionalen Lage wirkten Einflüsse von außen schnell auch in die Schulen hinein. Auch aus anderen Schulen ist die Wahrnehmung zu hören, dass Muslime manchmal das Gefühl hätten, wegen der Anschläge neuerdings unter besonderer Beobachtung zu stehen.

Keine vermehrte Zahl von Hinweisen bei Behörden

Die Polizei kann diesen generellen Eindruck nicht bestätigen. „Es handelt sich um Einzelfälle und keine allgemeine Hysterie“, sagt ein Sprecher. Besonders im Internet kursierten immer wieder Fotos oder Videos fragwürdigen Inhalts oder Ursprungs, die in diesem Zusammenhang bei der Polizei gemeldet würden, meist aber schon bekannt seien. Einen generellen Ratschlag könne man schwer geben: „Die Leute sollen aufmerksam sein und sich melden, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt.“

Auch im Innenministerium spricht man von einem Einzelfall. „Wir verzeichnen keine rapide steigenden Zahlen von Hinweisen auf mögliche Islamisten“, sagt Sprecher Carsten Dehner. An der Einschätzung der Gefährdungslage für Baden-Württemberg habe sich zuletzt nichts geändert: Es gebe eine grundsätzliche Bedrohung ohne Hinweise auf konkret geplante Anschläge. Der Verfassungsschutz beobachte die einschlägige Islamistenszene genau, vor allem 620 Salafisten im Land.

Ministerium kennt keine ähnlichen Fälle

An den Schulen scheint der Stuttgarter Vorfall bisher ebenfalls ziemlich einzigartig zu sein. „An uns sind keine weiteren solchen Fälle herangetragen worden“, sagt Christine Sattler vom Kultusministerium. Wirklich etwas heißen muss das allerdings nicht – auch die Geschichte der beiden Jugendlichen und ihres zweifelhaften Fotos ist dort nicht bekannt.

An der betroffenen Schule hofft man, dass sich die Wogen bald wieder glätten. Deshalb will man dort auch nicht, dass der Name in der Öffentlichkeit auftaucht. Dort glaubt man, dass der Fall zumindest als Lehrstück dafür dienen könnte, der Institution Schule wieder mehr zu vertrauen – und das eigene Misstrauen zu hinterfragen.

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