Ein Kämpfer des islamischen Staates feuert sein Kalaschnikow-Sturmgewehr in Syrien auf Foto: dpa/Uncredited

In einem Geheimpapier warnt ein westlicher Geheimdienst vor möglichen Anschlägen des Islamischen Staates. In Europa gehe die Gefahr vor allem von durch Propaganda motivierte Einzeltäter und Kleingruppen aus. Der IS sei finanziell weiterhin in der Lage, weltweit zu agieren.

Stuttgart - Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ gefährde unverändert die „USA und Europa auf einem abstrakt hohen Niveau“. Daran habe auch der Tod des IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi im vergangenen Oktober nichts geändert, warnen Analysten eines westlichen Nachrichtendienstes in einem Geheimpapier von Anfang Februar 2020. Insbesondere könnten Sympathisanten und Unterstützer der Terrorgruppe durch „politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen in den westlichen Staaten zu Anschlägen motiviert werden, um demokratische Strukturen zu destabilisieren und die Bevölkerung nachhaltig zu verunsichern“ heißt es in dem 28 Seiten umfassenden Papier, das unserer Zeitung vorliegt.

Derzeit setze der neue IS-Chef Amir Mohammad Abdul Rahman al-Mawli al-Salbi die Umstrukturierungen seines Vorgängers Baghdadi fort. Die USA setzten al-Mawli erst vergangene Woche auf ihre Terrorliste. Der von US-Elitesoldaten in der syrischen Provinz Idlib getötete Baghdadi hatte im März 2019 begonnen, seine Organisation zu reformieren, nachdem diese im Osten Syriens ihre letzte Bastion um dem Ort al-Baghuz Fawqani aufgegeben hatte. Vor allem auf zwei Bereiche, so die Analysten, konzentrierte sich Baghdadi vor seinem Tod bei der Reform der Terrororganisation: die Führungs- und die Finanzstrukturen. Dieser Prozess werde nach ersten Erkenntnissen von seinem Nachfolger fortgesetzt.

Bitcoins und Kuriere

So reduzierte Baghdadi die Anzahl der IS-Ministerien von 14 auf vier. Die für die Finanzen zuständigen Terroristen seien von Syrien aus in die weltweit 15 IS-Provinzen entsandt worden, die zwischen 29 und 35 Nationen von Nordafrika über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Südostasien umfassen. Davon verspreche sich die IS-Führung zwei Effekte: „Er generiert mehr Gelder aus seinen Investitionen in die Realwirtschaft und aus illegalen Geschäftsfeldern wie Erpressungen, Entführungen und Zwangssteuern in den Provinzen.“ Das heißt: Die Terrorgruppe nutzt Geldwäsche und organisierte Kriminalität, um seine Finanzkraft zu mehren. Gelder würden vor dem Transfer an die oberste Führungsebene gesplittet. Durch Kuriere, Überweisungen von Privat- und Geschäftskonten sowie informelle Finanzsysteme wie Botcoins oder das islamische Hawala-Netzwerk erreiche das Geld seine Empfänger. Insgesamt schätzen die Nachrichtendienstler die finanzielle Situation des IS als „gut bis sehr gut“ ein: „Ihm werden auch in Zukunft ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um weltweit agieren zu können.“

Geschwächt worden seien durch die Kämpfe in Syrien hingegen die „Kapazitäten für die Planung und Durchführung von Terroranschlägen“. Gerade durch US-Luft- und Drohnenangriffe seien mit hoher Wahrscheinlichkeit die für solche Operationen verantwortlichen Führungskräfte des IS getötet worden. Aber, so heißt es weiter: „Vor allem Einzeltäter und zum Teil sich spontan bildende Kleingruppen bedrohen die USA und Europa. Die Täter werden insbesondere über digitale Kanäle von der Propaganda des Islamischen Staates beeinflusst und inspiriert.“ Diese Gefahr bestehe auf absehbarer Zeit unverändert auf einem „hohen Niveau, ohne das sich zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Ziele oder Zeitpunkte benennen lassen“.

Propaganda verselbstständigt sich

Zusätzliche Gefahr gehe von islamistischer Propaganda aus. Die Niederlagen in Syrien und im Irak hätten zwar insgesamt dazu geführt, dass die Fähigkeit des IS, weltweit die Menschen in seinem Sinne zu beeinflussen abgenommen hätten. Dadurch aber seien „parallele Strukturen entstanden, in der sich IS-nahe Medien und Portale verselbstständigt haben. Sie tragen erheblich dazu bei, dass sich insgesamt die Propaganda verselbstständig und radikalisiert.“ Erst in der vergangenen Woche griff ein dem IS nahe stehendes Medienportal die aktuelle Corona-Krise auf. Es veröffentliche ein Bild des Virus mit der Aufschrift: „Coronavirus – ein Soldat Allahs“.

Ein besonderes Augenmerk richteten die Analysten auf den Islamischen Staat und die Türkei. Das Land sei nach dem Rückzug aus Syrien zu einem „entscheidenden Logistik- und Rückzugsraum der Terrororganisation“ geworden. Über ihn würden Menschen und Güter von und in Richtung Türkei geschleust und geschmuggelt. Im Land selbst agiere der IS mit einem durch die Führung gesteuerten Netzwerkes auf, ohne operativ tätig zu werden. Es gebe „auf taktischer Ebene Gespräche zwischen türkischen Regierungsvertretern und dem IS“. Hier tausche man sich über ungehinderte Grenzübertritte, medizinische Hilfe für verwundete und kranke IS-Kämpfer und ihre Familien sowie über Bedingungen für die Durchreise von IS-Kriegern aus fremden Ländern aus.

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