Der Berliner Breitscheidplatz, auf dem bei dem Terroranschlag Ende 2016 zwölf Menschen zu Tode kamen, ist neben dem Olympiastadion das Herz der Leichtathletik-EM. Hier werden auch die Medaillen vergeben. Kann das funktionieren?
Berlin - Zwischen zwei rot-weißen Pollern aus Beton steht ein Fernsehreporter der ARD in der Mittagssonne und zeigt nach hinten. Eine Zeltstadt ist dort entstanden, ringsherum schlängelt sich eine blaue Laufbahn. Es gibt Imbissbuden, Mitmachstationen und Kochshows, der Glockenturm der Gedächtniskirche wurde in den orangenen Farben der Leichtathletik-Europameisterschaften verhüllt. Ob er denn wisse, was hier in den nächsten Tagen los sei, fragt der Reporter einen Passanten aus Frankreich. Keine Ahnung, antwortet der Mann, er wisse nur, dass hier Schreckliches passiert sei.
Der Breitscheidplatz in der Berliner City soll mit seinem Fanfest und der mobilen Arena mit Plastiksitzen für 3000 Zuschauern neben dem Olympiastadion das zweite Herz der Heim-EM werden. Am Montagabend eröffnete auf frisch verlegtem Rollrasen und vor begeisterten Zuschauern der Kugelstoßer David Storl mit der souveränen Qualifikation für das EM-Finale das Spektakel auf der so genannten Europäischen Meile. „Eine großartige Arena, das Publikum ist wirklich klasse“, sagte Storl. In den nächsten Tagen bekommen hier auch 38 Europameister und doppelt so viele Platzierte feierlich ihre Medaillen überreicht.
Unmittelbar nach dem Anschlag war die Idee zu den Akten gelegt worden
Der Breitscheidplatz ist aber auch der Ort, an dem bei einem fürchterlichen Terroranschlag am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen ihr Leben verloren. Sie wurden von einem Sattelschlepper getötet, der ungebremst auf den Weihnachtsmarkt raste. Ihre Namen hat man auf den Treppenstufen der Gedächtniskirche verewigt. Trauer und Gedenken treffen auf Frohsinn und Freudentränen – kann das funktionieren?
Die Organisatoren der Leichtathletik-EM haben bereits 2013, also lange vor dem Anschlag, Pläne geschmiedet, die Titelkämpfe auch in der Stadt erlebbar zu machen. Der Breitscheidplatz zwischen Zoo-Palast, Kudamm und Bikini-Haus, das alte Zentrum von West-Berlin mit der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gedächtniskirche, schien der ideale Ort voller Symbolkraft. Und: keine Viertelstunde dauert es mit der U-Bahn zum Olympiastadion.
Die Idee, die auch ein zentraler Teil der Berliner EM-Bewerbung war: In Zeiten, in denen das öffentliche Interesse an der Leichtathletik immer weiter abnimmt, müssen neue Wege beschritten werden. „Wenn die Leute nicht mehr ins Stadion gehen, müssen wir ihnen in der Stadt zeigen, wie schön es im Stadion ist“, sagt der Chef-Organisator Frank Kowalski.
Unmittelbar nach dem Anschlag war die Idee zu den Akten gelegt worden. „Aus Pietätsgründen“, wie Kowalski sagt. Keiner konnte sich zunächst vorstellen, dass an diesem Ort des Schreckens strahlende Sieger bejubelt werden. Ein paar Wochen später sah es anders aus. „Wir wurden von den Behörden und von der Politik in Berlin darin bestärkt, trotzdem an unserem Konzept festzuhalten“, berichtet Kowalski. Zuspruch gab es auch von der EU, die von der Idee der Europäischen Meile begeistert war und zum Partner wurde. Jetzt erst recht, so lautete die Devise. In welche Stadt könnte sie besser passen als nach Berlin?
„Wir wollen Europa zeigen, Europa feiern“
Und so geschah es, dass aus dem Platz des Terrors ein perfekter Ort wurde, nicht nur die Leichtathletik-EM zu feiern, sondern auch die europäische Idee. „Durch den Anschlag ist die Symbolik dieses Ortes noch größer geworden, als sie vorher war. Es war ja ein Anschlag auf unsere Gesellschaft“, sagt OK-Chef Kowalski: „Jetzt kommt hier die europäische Familie zusammen. Wir wollen viel mehr als nur eine Woche Stadionsport bieten. Wir wollen Europa zeigen, Europa feiern.“ Das gehe nun endgültig nirgends mehr besser als auf dem historischen Breitscheidplatz. Internationale Partner hätten sogar angenommen, „wir hätten die Europäische Meile extra wegen des Anschlags hier stationiert“.
Jetzt steht das ganze Viertel im Zeichen der Leichtathletik. An der Budapester Straße direkt neben dem Platz wird Start und Ziel der Geher und Marathonläufer sein. Die meisten Athleten und Funktionäre wohnen in Hotels im Umkreis von ein paar hundert Metern. Sie haben es nicht weit zu den allabendlichen Festen. Neben den Siegerehrungen, bei denen die Hymnen a cappella gesungen werden, wird den Gästen ein pralles Unterhaltungsprogramm bis Mitternacht versprochen, es gibt Großbildleinwände, Livemusik und Moderator Cherno Jobatey. Der Eintritt ist frei.
Die Leute, sagt Kowalski, sollen hinterher nach Hause gehen und sagen: „’Wow, das haben wir nicht erwartet.’ Sie sollen nicht zufrieden, sondern begeistert sein.“