Irakische Sicherheitskräfte vor beschlagnahmten IS-Waffen. Foto: picture alliance/dpa/Ameer Al Mohammedawi

Je länger der Krieg dauert, desto stärker werden die Extremisten in Irak und Syrien. Sie haben seit Jahresbeginn bereits mehr als 600 Menschen getötet.

Obwohl er sich aus dem Konflikt heraushält, profitiert der Islamische Staat (IS) vom Gaza-Krieg zwischen Israel und der Hamas. Je länger der Krieg dauert, desto stärker werden die IS-Extremisten in Irak und Syrien. Sie verüben mehr Anschläge und können mehr Kämpfer anwerben als im vergangenen Jahr. Der UN-Syrienbeauftragte Geir Peddersen sagte vor dem Sicherheitsrat in New York, gegen die wachsende Terror-Gefahr in dem Bürgerkriegsland müsse die Welt zusammenstehen. Davon ist jedoch nichts zu sehen.

 

Der Gaza-Krieg hat Gegner Israels von den Huthis im Jemen bis zur Hisbollah im Libanon auf den Plan gerufen. Sie greifen Israel an, um der Hamas zu helfen. Der IS hat daran kein Interesse. Es gab weder Angriffe auf Israel noch Gewaltaktionen, die als Unterstützung präsentiert wurden.

Schlechte Beziehungen zwischen Hamas und IS

Im Vergleich zu anderen radikalen Gruppen habe der IS „nur langsam auf die Ereignisse in Gaza reagiert“, sagt Osman Bahadir Dincer von der Denkfabrik Bicc in Bonn. IS-Stellungnahmen zum Gaza-Krieg wirkten wie Pflichtübungen, sagte Dincer unserer Zeitung. Die Zurückhaltung liege auch daran, dass die Beziehungen des IS zur Hamas „nicht sehr eng, teils sogar feindlich“ seien.

Das wird im Westen oft übersehen. „Hamas ist ISIS“, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach Ausbruch des Gaza-Krieges, doch dabei ignorierte er wichtige Unterschiede. Beide Gruppen sind zwar radikal-islamische sunnitische Organisationen, doch die Hamas strebt die Errichtung eines Palästinenser-Staates gegen israelischen Widerstand an, während der IS ein transnationales „Kalifat“ schaffen will. Der IS verachtet die Hamas zudem, weil die Palästinenser-Gruppe die Hilfe des schiitischen Iran annimmt.

Der IS kontrollierte auf dem Höhepunkt seiner Macht in den Jahren 2014 und 2015 weite Teile von Irak und Syrien und zog Zehntausende Extremisten an. Seitdem hat eine Kriegsallianz unter Führung der USA mehrere IS-Anführer getötet. Vor fünf Jahren verlor das „Kalifat“ der Dschihadisten das letzte Stück Land, das es kontrollierte. Überlebende IS-Kämpfer zogen sich in die syrische Wüste zurück. Dort formieren sie sich neu.

IS-Kämpfer haben seit Jahresbeginn in Syrien mehr als 160 Anschläge verübt, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte; dabei starben mehr als 600 Menschen. Wenn sich der Trend fortsetze, werde sich die Zahl der IS-Gewalttaten in Syrien und im Irak im Vergleich zu 2023 verdoppeln, erklärte das für den Nahen Osten zuständige Zentralkommando des US-Militärs. Die Truppenstärke des IS lag nach US-Angaben im April bei 2500 Kämpfern. Das ist nur ein Bruchteil der 40 000 Kämpfer, die einst dem IS folgten, aber mehr als doppelt so viele wie noch im Januar.

Fruchtbarer Boden für die Rekrutierung

Bei der Rekrutierung zeigt sich, wie der IS den Gaza-Konflikt nutzt, ohne sich einzumischen. Gruppen wie der IS haben „von der Unzufriedenheit über die wahrgenommene Untätigkeit der muslimischen und arabischen Länder und die eindeutige Unterstützung des Westens für Israel profitiert“, sagt Dincer. „Diese Situation schafft einen fruchtbaren Boden für radikale Narrative und erleichtert die Rekrutierung.“

Wenn es um die Auswahl von Zielen für Anschläge oder Angriffe gehe, zeige der IS aber, „dass sein strategischer Schwerpunkt eher auf der Bekämpfung lokaler Regierungen und der Behauptung territorialer Kontrolle liegt als auf der direkten Konfrontation mit Israel“, sagt Dincer. Zu den Hauptzielen des IS zählen syrische Regierungstruppen. Zudem nehme der IS immer häufiger Regierungseinrichtungen und Energie-Anlagen in Syrien ins Visier, schrieb der Terror-Experte Charles Lister vom US-Nahost-Institut in einer Analyse. Lister zählte zwölf IS-Anschläge auf Öl-Anlagen in Ost-Syrien in den letzten zwei Wochen. Der IS versucht auch immer wieder, tausende inhaftierte Kämpfer aus Internierungslagern zu befreien.

In Syrien und im Irak kann der IS verstärkt zuschlagen, weil pro-iranische Milizen US-Truppen angreifen und sich Amerika deshalb weniger um den IS kümmern kann. Erst vor wenigen Tagen wurden US-Soldaten bei einem Raketenangriff pro-iranischer Kämpfer auf ihren Stützpunkt im Westen Iraks verwundet. Auch Spannungen zwischen Arabern und den mit den USA verbündeten Kurden im Nordosten Syriens helfen dem IS. Die Armut und die Unterdrückung durch das syrische Regime und Kriegsfürsten verschaffen den Extremisten ebenfalls Rückenwind.

Nahost-Experte Dincer schätzt, dass die Dschihadisten trotz des Aufschwungs durch den Gaza-Konflikt bei ihrer Strategie bleiben werden, lokale Missstände für sich auszunutzen. Das heißt nicht, dass der IS sich ausschließlich auf Syrien und den Irak beschränkt: Vor kurzem töteten die Extremisten sechs Menschen bei einem Anschlag auf eine schiitische Moschee in Oman.