Ein junger Afghane arbeitete für die Alliierten, heute lebt er in Deutschland. Schon vor Jahren beantragte er Familiennachzug für seine Frau. Doch bevor die Behörden entschieden, eroberte die Terrormiliz das Land zurück.
Kreis Ludwigsburg/Kabul - Reza Shirzad verbringt dieser Tage viel Zeit damit, Nachrichten zu schreiben. Einige davon schickt er dorthin, wo die Macht ist. Die Adressaten dieser Nachrichten sind die Frau Bundeskanzlerin Merkel, der Herr Ministerpräsident Kretschmann, Staatskanzleien, das Innenministerium, das Auswärtige Amt. Oft bleiben sie unbeantwortet. Wenn doch eine persönliche Mail zurückkommt, ist viel davon die Rede, dass man seine „furchtbare Situation“ verstehe, aber auch von personellen Kapazitäten, die zunächst aufgestockt werden müssen, von Absprachen, die zu treffen seien und davon, dass nicht jeder Einzelfall umgehend behandelt werden könne.
Andere Nachrichten schickt Reza Shirzad dorthin, wo nur Verzweiflung und Angst herrschen, in abgedunkelte Wohnzimmer und Kellerräume. Nach Afghanistan sendet er sie, wo seine Familie und seine Frau leben, die ihn dann fragt: Weißt du schon etwas? Kann ich bald kommen? Haben sie dir geantwortet, die Frau Kanzlerin, der Herr Ministerpräsident, die Behörden und Ministerien?
Reza Shirzad ist nicht der richtige Name des jungen Mannes, von dem die Rede ist, und der in einer Stadt im Kreis Ludwigsburg lebt. Würden die Taliban von ihm in der Zeitung lesen, so seine Sorge, dann würden sie erst recht nach seiner Familie fahnden. Deswegen will er unerkannt bleiben. „Sie klopfen jetzt schon an die Türen“, sagt Reza Shirzad. „Sie suchen und fragen, und wenn sie wüssten, wer ich bin, und was ich tat, dann würde es meinen Leuten schlecht ergehen.“
Als Sohn einer Hazara-Familie geboren
Wer ist er? Was tat er? Reza Shirzads Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf in Zentralafghanistan, wo er als dritter Sohn einer Hazara-Familie zur Welt kommt. Die Hazara sind eine ethnische Minderheit, zumeist sind sie Schiiten. Die großen afghanischen Volksstämme, Tadschiken und Paschtunen, sind sunnitischen Glaubens. Oft verfolgten Sunniten, von denen sich einige für die einzig wahren Afghanen halten, die Hazara. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden Mitglieder des Volksstammes massenweise versklavt und getötet. Auch Reza Shirzads Welt, in die er gut 100 Jahre später hinein geboren wird, ist eine Welt der Gewalt. Als Kind sieht der heute 28-Jährige, wie die Taliban mit russischen Panzern durch sein Dorf fahren. Seinen Vater schlagen sie, immer wieder, weil er dreimal am Tag betet, nicht fünfmal und weil er die Hand dabei nicht auf den Bauch legt. Manchen Frauen im Dorf schneiden die Taliban die Brüste ab. „Habt ihr Hunger?“, rufen sie. „Dann esst dieses Fleisch.“ Schließlich flieht Reza Shirzads Familie nach Pakistan. Vater, Mutter, Reza und die fünf Geschwister schlagen sich in einer Hazara-Gemeinde durch. Der Vater macht ein kleines Geschäft auf, ein reguläres Bleiberecht haben sie nicht. Wenn Polizisten unterwegs sind, muss der junge Reza Schmiere stehen.
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Reza Shirzad sitzt in seinem Zimmer, während er sich erinnert, er lässt oft den Kopf sinken und kann seine Geschichte nicht an einem Stück erzählen. Seine Gedanken wandern immer wieder in die Kellerräume in Afghanistan, er sorgt sich einfach so sehr, dass er keine Ruhe findet. „Ich habe an nichts mehr Spaß.“ Seine kleine deutsche Wohnung würde Studentenbudenflair versprühen, wäre sie etwas unaufgeräumter. Zwei PCs sind sein ganzer Stolz, Reza Shirzad macht derzeit eine IT-Ausbildung, für Computer hat er sich schon immer interessiert. In der Küche steht ein Pack Reis, groß wie ein Zementsack. Im Wohnzimmer hängt das Gemälde zweier Liebender. Daneben: drei riesige Luftballons – ein Herz, eine zwei, eine null. Reza Shirzads Frau ist vor einigen Monaten 20 geworden. Sie konnten sich nicht treffen, deswegen feierten sie per Videokonferenz und Reza Shirzad hielt die Ballons in die Kamera. Auch geheiratet haben sie aus der Ferne, 2019 war das. „Ich habe die Papiere dafür runtergeschickt“, sagt er. Seitdem versucht der junge Mann seine noch jüngere Frau per Familiennachzug nach Deutschland zu bekommen. Zwei Jahre lang wartet er schon auf positive Antwort von der Botschaft in Islamabad, das Recht zum Nachzug gebe es, er selbst habe ja eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Die Antwort kam bis heute nicht. Dafür kamen die Taliban zurück. Mitte August 2021 eroberten sie die Provinz, in der seine Frau lebt.
20 Jahre zuvor erfährt der damals neun Jahre alte Reza Shirzad vom Krieg gegen den Terror, mit dem der Westen die Taliban aus dem Land jagen will. Als die Bomben fallen, schöpft er zum ersten Mal in seinem jungen Leben Hoffnung. 2009 geht er nach Afghanistan zurück, er will den Alliierten helfen. Bei der Isaf-Mission der Nato werden Übersetzer gebraucht, Reza Shirzad hat in Pakistan bereits Englisch gelernt, er wird Dolmetscher für die amerikanischen und die italienischen Streitkräfte. Seine spätere Frau, auch eine Hazara, lernt er bei einem Sprachkurs kennen, damals ist sie noch minderjährig. „Anfangs war es nur Freundschaft“, sagt er.
Schon früh erlebt er Gewalt
Bilder aus der Zeit zeigen einen schlaksigen jungen Mann neben strammen Infanteristen und Offizieren in Flecktarn, die auf Perser-Teppichen sitzen und mit Einheimischen sprechen. Shirzad arbeitet gern für die Nato, er versteht aber schnell, was manche Politiker und Militärs im Westen damals noch nicht begreifen: Die afghanische Armee ist keine Truppe, die die neue demokratische Ordnung aufs Äußerste verteidigen würde. Mehrmals bedrohen ihn afghanische Soldaten. „Dich kriegen wir noch“, sagen einige zu ihm im Schutz einer Nacht. „Das waren eigentlich Taliban“, ist sich Reza Shirzad sicher. Identifizieren kann er sie hinterher nicht. Für die ist er nicht nur ein Ungläubiger, sondern noch dazu ein Kollaborateur.
Dich kriegen wir noch. Der Satz geht Reza Shirzad nicht aus dem Kopf. Als sein Vertrag als Übersetzer ausläuft und nicht verlängert wird, versteckt er sich zunächst in Kabul. Er will nach Italien oder in die USA ausreisen, aber die USA und Italien wollen ihn trotz seiner vorherigen Dienste nicht. Also haut er ohne Visum ab, schlägt sich über die Türkei nach Deutschland durch, Ende 2015 ist das. Im Gegensatz zu anderen Geflüchteten erhält er schnell politisches Asyl, die Behörden erkennen an, dass er in Afghanistan gefährdet wäre. Er lernt Deutsch, zieht in den Großraum Stuttgart, arbeitet, engagiert sich selbst für geflüchtete Menschen – als Übersetzer, da hat er ja schließlich Erfahrung. Per Internet und Telefon hält er Kontakt nach Afghanistan. Nun verliebt er sich in die junge Frau aus dem Sprachkurs. Als sie volljährig wird, heiraten sie sofort. In Deutschland wollen sie sich gemeinsam ein Leben aufbauen, so ist es der Plan. Nur einmal hat er sie seitdem gesehen, in einem Urlaub. Für den Sommer 2021 ist eine weitere Reise zu ihr geplant, aber da ist der Westen schon auf dem Rückzug. Reza Shirzad verbringt die freien Tage in seinem Zimmer und grübelt.
Den Urlaub muss er absagen
Aus dem Auswärtigen Amt heißt es: „Wir arbeiten intensiv daran, deutschen Staatsangehörigen, ehemaligen Ortskräften und besonders gefährdeten Afghaninnen und Afghanen, für die Deutschland eine besondere Schutzverantwortung trägt, die Ausreise zu ermöglichen.“ Und: „Auch für Afghaninnen und Afghanen, die Visa zur Familienzusammenführung beantragen wollen, wollen wir angesichts der aktuellen Situation eine möglichst zeitnahe Möglichkeit zur Beantragung bereitstellen.“
Und was ist mit dem konkreten Antrag von Reza Shirzads Frau? Kein Wort dazu, aber der Hinweis, die Bearbeitungszeit von Visum-Anträgen zur Familienzusammenführung sei vom Einzelfall abhängig und könne daher stark variieren. Shirzad ist dennoch überzeugt: Seine Frau sollte längst bei ihm sein. Nun ist sie einer von Tausenden Menschen auf Wartelisten, für die es nun schnell gehen muss. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, man stocke personell auf und auch die Botschaften in Ankara, Istanbul, Izmir, Doha, Teheran und Dubai helfen mittlerweile, Anträge zu bearbeiten.
Ein gefährlicher Plan
Reza Shirzad hat auch einen Brief ans Ludwigsburger Landratsamt geschrieben und die Einbürgerung beantragt. Als Deutscher können ihm die Behörden die Familienzusammenführung doch nicht mehr verwehren, oder? Aus dem Amt kam eine Antwort. Er müsse mit „einer Verfahrensdauer von bis zu einem Jahr rechnen“, heißt es.
Reza Shirzad denkt dennoch darüber nach, auf eigene Faust nach Afghanistan zu reisen, um seine Frau zu holen, sollte er einen deutschen Pass bekommen. Seit in Afghanistan soviel demonstriert wird, wächst seine Sorge nur noch weiter. Es ist ein gefährlicher Plan. Die kräftigen Infanteristen und die Offiziere im Flecktarn sind längst nicht mehr da, auf den Straßen patrouillieren die Taliban mit ihren Kalaschnikows. „Aber“, sagt Shirzad, „ der Westen hat uns sowieso im Stich gelassen“. Er meint damit sich selbst. Seine Frau. Und sein Land.