An der Messe in Stuttgart wird inzwischen auf Hochtouren geimpft. Foto: Jacqueline Fritsch

Zwei 85-jährige Damen aus Stuttgart-Asemwald warten seit Ende Februar auf eine Einladung in das Impfzentrum an der Messe. Das zuständige Sozialministerium bestätigt, dass das eigentlich nicht sein dürfte.

Asemwald/Filder - Christel Hildebrand wartet auf einen erlösenden Anruf. Deshalb nimmt sie ihr Telefon seit Ende Februar auch überall hin mit, „sogar auf die Toilette“, gesteht sie und kichert dann kurz. Dabei ist das Thema nicht besonders witzig. Christel Hildebrand ist 85, und sie wartet auf die Einladung zur Impfung an der Landesmesse. Dass sie jetzt in der Zeitung liest, dass bereits über 60-Jährige dran sind und erst vor wenigen Tagen öffentlichkeitswirksam eine 71-Jährige aus Bad Urach an der Messe geimpft worden sei, das macht Christel Hildebrand stutzig. „Ich gönne das jedem“, sagt sie. Aber zunächst sollte doch die Warteliste abgearbeitet werden, findet sie.

 

Der Vollständigkeit halber: Vor etwa drei Wochen habe sie einen Anruf vom Impfzentrum bekommen, gegen 9 Uhr morgens. Ob sie in einer Stunde dort sein könnte. Für die 85-jährige Frau aus dem Asemwald war das leider undenkbar. Der Kreislauf brauche morgens seine Zeit, und sie sei gehbehindert, zudem war sie noch nicht mal angezogen, und sie hatte sich zusammen mit ihrer Freundin und Nachbarin gemeinsam auf die Warteliste setzen lassen, sagt sie. Die beiden haben einen Partnerschaftsvertrag, sie wollen sich den Piks zusammen geben lassen. Christel Hildebrand fährt nicht mehr Auto, die Freundin schon. Dafür höre die Freundin schlecht, da sei sie wiederum behilflich. Seit sie die Spontan-Impfung vor drei Wochen ablehnen musste, schweigt das Telefon. Sind sie durchs Raster gefallen?

Nach 30 Anrufversuchen durchgedrungen

Sie habe Anfang des Jahres absichtlich anderen den Vortritt gelassen, sagt Christel Hildebrand. „Wir leben hier im Asemwald ja recht geschützt“, sagt sie. Ende Februar dann sei sie nach etwa 30 Anrufversuchen durchgedrungen und habe sich die Messe ausgesucht, „weil sie nah ist“. Nun befürchtet sie, dass sie als Asemwalderin, also Stuttgarterin, womöglich schlechtere Chancen hat als Leute aus Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen. Weil es sich um ein Impfzentrum des Kreises Esslingen handele. „Vielleicht ist man da als Stuttgarter weniger willkommen“, überlegt sie.

Hier widerspricht Andrea Wangner. Die Sprecherin des Landratsamts Esslingen erklärt, dass sich im Impfzentrum an der Messe jeder impfen lassen könnte, egal ob er in Karlsruhe, Tübingen oder Bonlanden wohnt. Als Esslinger kann man sich demnach beispielsweise genauso gut in Stuttgart impfen lassen.

Ministerium kann sich das nicht erklären

Zuständig für die zentrale Terminvergabe ist das Sozialministerium von Baden-Württemberg. Den Fall der 85-Jährigen aus dem Asemwald kann sich Florian Mader nicht erklären. Der Sprecher des Ministeriums sagt: „Da ist wohl was schiefgelaufen.“ Aktuell würden 1000 bis 1500 Impftermine am Tag von der Warteliste vergeben. Wer sich als Über-80-Jähriger heute auf die Warteliste setzen lasse, bekomme in wenigen Tagen einen Termin, sagt Mader. Er vermutet ein „Kommunikations- oder Übermittlungsproblem“. Und er rät, sich in solchen Fällen erneut auf der Warteliste registrieren zu lassen.

Zunächst wollte Christel Hildebrand genau das nicht tun. Denn sie sagt: Die ganze Organisation komme ihr schon chaotisch genug vor, da sei es doch falsch, sich doppelt zu registrieren. Um herauszufinden, ob sie noch auf der Warteliste steht, habe sie vor wenigen Tagen bei der Hotline angerufen und sei dann sogar zur Messe durchgestellt worden. „Da wurde dann aber sofort aufgelegt.“ Sie könne sich denken, was dort los sei, trotzdem will sie jetzt dran sein. Ihr Hausarzt impfe nicht, „ich bin also auf eine andere Adresse angewiesen“. Deshalb hat sie sich mit ihrer Freundin besprochen. Sie wollen sich unter dem Namen der Freundin in der Liederhalle in Stuttgart auf die Warteliste setzen lassen. „Die Zahlen sind halt gerade sehr hoch“, sagt sie. Bis es endlich so weit ist, muss sie allerdings erst noch auf den erlösenden Anruf warten. „Ich bin da wirklich auf der Lauer.“