Gemeinsam mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat das SWR-Symphonieorchester unter seinem Chefdirigenten Teodor Currentzis die Saison in Stuttgart mit einer wilden Klassik-Party eröffnet.
Stuttgart - Nein, das ist nicht Musik des Frühbarock. Das ist nicht die Suite, der Heinrich Ignaz Franz Biber den sprechenden Titel „Battalia“ („Schlacht“) verlieh. Dieses Stück steht zwar als Erstes im Programmheft, aber um die vorgesehene Abfolge der Werke schert sich der Mann am Pult an diesem Abend rein gar nicht. Die Musiker des SWR-Symphonieorchesters werden Biber später spielen, und auch wenn dessen Stück in kleinerer Besetzung und mit historischem Instrumentarium noch lebendiger und beweglicher wirken mag als am Donnerstag, toben sich Teodor Currentzis und seine philharmonische Entourage doch ungemein wirkungsvoll aus, stampfen im Takt, schlagen trocken mit Bögen auf Instrumente, hetzen ziemlich präzise durch die schnellen Noten und treiben vor allem das verrückte Quodlibet im zweiten Satz („Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor“) mit seinen gegeneinander verschobenen Liedern weit über die Grenzen des nur Katzenmusikalischen hinaus.
Currentzis’ Stuttgarter Saisonauftakt ist ein buntes Durcheinander. Eine Party mit Tanz und Rausch und viel Lametta. Und ein Wagnis, dem 499 Besucher im Beethovensaal so wach folgen, dass man sich von diesem Dirigenten unbedingt mehr davon wünschen muss. Charismatische Musiker wie er haben die Chance (und die Verpflichtung), dem Publikum Programme unterzujubeln, die sonst in der Nische blieben. Zum Beispiel also Neue Musik. Oder sagen wir: zeitgenössische, denn das Alter der Stücke und der Anspruch oder das Gefühl des Neuen gehen bei diesem Konzert keineswegs in eins.
Hommage zum 85. Geburtstag Helmut Lachenmann
Zeitgenössisches gibt es allerdings reichlich. Mit gutem Grund, schließlich soll das Konzert eine Hommage zu Helmut Lachenmanns bevorstehendem 85. Geburtstag (am 27. November) sein. Der Jubilar selbst ist nicht nur mit einem Werk („ . . . Zwei Gefühle . . .“), sondern auch als Sprecher anwesend, der die gedankliche Vorlage zu seinem Stück vorträgt, einen Text Leonardo da Vincis über den Widerstreit eines Forschers zwischen Furcht und Verlangen, also zwischen zwei Gefühlen, die auch zum sozialen Miteinander in Corona-Zeiten gut passen. Wobei das Wort vortragen hier eigentlich nicht zutrifft, denn die auseinander montierten Silben und Laute sind eher Elemente im musikalischen Geräuschkosmos als Sprachsinnträger. Bis auf einen Satz, der deutlich in den Saal hinein klingt: „Ich irre umher.“ Man irrt mit, lauscht mit tastendend Ohren, voller Bewunderung auch für die Selbstverständlichkeit, mit der die Musiker fragile Klänge formen und in sie hineinhorchen. Und man konstruiert im Kopf Zusammenhänge, Verbindungen im Raum, Geschichten.
Der Jubilar taucht noch ein drittes Mal auf: nämlich als Widmungsträger. Wobei man sich bis zum Ende des hier uraufgeführten Violinkonzertes „Possible Places“ von Dmitri Kourliandski fragen mag, ob sich Lachenmann über die melancholisch getönte, effektsicher flimmernde Suche des 1976 geborenen russischen Komponisten nach Harmonie und Wohlklang tatsächlich gefreut hat. Nicht nur die Definition von Schönheit (für Lachenmann: „verweigerte Gewohnheit“) dürfte ziemlich unterschiedlich sein. Aber Patricia Kopatchinskaja spielte ihren Solopart mit Hingabe und mit sanftem, leichtem Ton.
Für die anrührendsten Momente des Abends hat sie schon zuvor gesorgt: Nachdem Lachenmanns Stück verklungen ist, nimmt sie gemeinsam mit dem Dirigenten auf dem Boden der Bühne Platz, und dann öffnen die beiden zart singend (Dowland) den Raum, ganz ohne Pathos und Behauptung, begleitet nur von einem Lautenisten. Plötzlich sind die Farbwechsel auf der beleuchteten Bühne egal, plötzlich verschwindet alles drumherum, man spürt, dass Musik aus der Stille kommt, und man spürt auch, wie rein der Antrieb ist, aus dem heraus die beiden Ur-Musiker Currentzis und Kopatchinskaja musizieren. Es folgen fein ausformulierte Klangflächen von Giacinto Scelsi („Anahit“). Und es folgt Bibers „Battalia“. Die Show muss weitergehen.