Der Tenor Moritz Kallenberg Foto: Matthias Baus

Der Tenor Moritz Kallenberg ist vom Opernstudio direkt ins Ensemble der Staatsoper Stuttgart gewechselt. Gefeiert wurde er bei Henzes „Prinz von Homburg“. Jetzt singt er Operette.

Stuttgart - Das Treffen findet noch im Lockdown statt, an einem Tisch im verlassenen Rangfoyer des Opernhauses. Moritz Kallenberg, 32, hat sich beim Kicken mit seinem fünfjährigen Sohn ein Außenband am Fuß gerissen, aber das geht schon wieder, das ist nichts im Vergleich zu den Zumutungen der letzten Monate. „Das Schlimmste war, dass nichts wirklich Erfüllendes passiert ist“, sagt Kallenberg. Zumindest nicht beruflich.

 

Klar, die Festanstellung im Ensemble der Staatsoper Stuttgart bietet eine finanzielle Absicherung, das ist ein Privileg. Und der Tenor sieht, dass es seiner Frau, die gerade als Cellistin ihren Masterabschluss gemacht hat, deutlich schlechter geht – „da kommen jetzt ganz viele Absolventen mit hohem Niveau und großem Engagement von den Hochschulen und haben keine Möglichkeit, sich zu zeigen“. Aber in der langen Zeit des Alleineübens hat auch Moritz Kallenberg Tage gehabt, „an denen man sich fragt, warum man das eigentlich macht“. Vor allem beim zweiten Kultur-Lockdown ab Anfang November.

Ein Lichtstreif am Horizont: Im März begannen an der Staatsoper Proben zur geplanten szenischen Aufführung von Bachs „Johannespassion“ in der Überzeugung, dies werde die erste Neuproduktion der Oper nach der Schließung sein. Dann schossen die Corona-Inzidenzen wieder in die Höhe, und der Regisseur Ulrich Rasche beschloss gemeinsam mit der Intendanz, dass seine Inszenierung für einen Livestream nicht taugt. Probenabbruch, wieder nichts. Jetzt sucht man nach Lücken im Spielplan, um das Stück doch noch zu präsentieren.

Spielfreudiger Tenor zwischen Barock, Neuer Musik und Operette

Ab dem 24. Juni wird wieder am Neckar von der „traumschönen Perle der Südsee“ gesungen – am Hafen nimmt die Staatsoper die Open-Air-Produktion von Paul Abrahams „Blume von Hawaii“ auf. Moritz Kallenberg kann auch Operette. Dass sein Herz aber zuallererst für Musik der Barockzeit schlägt, ganz besonders für die Musik Georg Friedrich Händels, liegt am Repertoire des Knabenchors, in dem der gebürtige Reutlinger zu singen begann.

Jetzt gerade war er mit William Christie und Les Arts Florissants unterwegs. Bei diesem Ensemble hat er den Reiz des historischen Instrumentariums für sich entdeckt, das ein sehr leises Singen und – aufgrund des niedrigeren Stimmtons – ein Singen mit viel weniger Anstrengung in der Höhe möglich macht. Musik der Romantik? „Ich muss keinen Alfredo in ‚La traviata‘ singen und auch keinen Don José, das können andere besser.“ Mozart? O ja! Rossini? O nein, „Rossini-Partien liegen ja meist viel höher als im Barock, da braucht man eine gewisse Leichtigkeit.“

Stuttgarter Durchbruch mit Henzes „Der Prinz von Homburg“

In Stuttgart hat der Tenor mit einer zeitgenössischen Partie von sich reden gemacht: Den Grafen Hohenzollern in Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“ gab er mit Präzision, großer Beweglichkeit und so viel Empathie, dass darüber sogar das zuweilen recht Thesenhafte der Inszenierung verblasste. Damals war Kallenberg im zweiten Jahr seiner Zeit am Opernstudio, und seine Art, den Hohenzollern stimmlich und darstellerisch zu verkörpern, dürfte mit den Ausschlag dafür gegeben haben, dass ihn der Intendant Viktor Schoner mit Beginn der Saison 2019/20 direkt ins Staatsopern-Ensemble übernommen hat.

Für den Sänger ging ein Traum in Erfüllung: Seitdem er als Gymnasiast ein Praktikum beim Ballett gemacht und als Statist auf der Bühne gestanden hatte, dachte er: „Ich will unbedingt an dieses Haus.“ Heute weiß er mehr, schätzt die Staatsoper als „sehr besonderes Haus“, das einen „schon beim Vorsingen freundlich und offen begrüßt und aufnimmt“. In Stuttgart, so der Tenor, habe er „die beste Arbeitsumgebung, die ich mir wünschen kann“.

Wellensurfen im Eckensee

„Ich bin ein Teammensch“, sagt der Sänger. Das war schon im Knabenchor so, das hat ihn so lange beim Fußball gehalten, bis der Knabenchor zu viel Zeit in Anspruch nahm, und das hat ihn auch zu dem Vokalquintett hingezogen, dem er als Fünfzehn- bis Zwanzigjähriger angehörte: Vorlaut nannte sich die Truppe, gesungen wurden unter anderem Songs der Wise Guys, deutsche Volkslieder – und eigene Werke: „Ich am Klavier, die Jungs drum herum, wir alle völlig ahnungslos.“ Das Studium hat Vorlaut auseinandergetrieben. Kallenberg ging nach Freiburg („zum Studieren ein Paradies“) und lernte dort zunächst, dass er ganz viel noch lernen musste: „Ich kannte bis dahin das Opernrepertoire relativ schlecht, weil ich privat ganz andere Musik gehört habe“, sagt er.

Auf der Bühne stand Moritz Kallenberg schon in der Schule – aber nur im Schauspiel und Musical. Begonnen hatte er sein Studium mit dem Ziel, Konzertsänger zu werden. Alternativ hätte es auch das Studium von Germanistik und Sport sein können. Nebenbei hätte er dann getan, was er heute auch als Hobby betreibt: Beachvolleyball spielen, Surfen. „Man könnte“, sinniert Kallenberg lachend, „eine stehende Welle in den Eckensee einbauen.“

Ein bisschen Spaß muss sein. Den hatte der Sänger auch, als er in Coronazeiten gemeinsam mit einem Freund in Pforzheim einen Gesangsverein betreute: Für die vielen Senioren, die nicht proben durften, haben die beiden eine „mobile Chorprobe“ erfunden, haben im Quartett mit zwei weiteren Sängern für und mit den Chormitgliedern in Höfen und Gärten gesungen. „Das Chorsingen“, sagt Kallenberg, „ist für diese Menschen ja auch ein soziales Ereignis. Außerdem ist die Amateurmusik ist ein riesiger Markt – wenn Chöre sterben, dann fällt für freischaffende Musiker sehr viel weg.“ Gedanken macht sich der Sänger über die Zukunft der Kultur nach Corona. „Ich habe“, sagt er, „große Angst davor, dass viele nicht mehr begreifen, wie wichtig Kultur ist, dass Kultur eben nicht nur Beiwerk und Freizeitvergnügen ist. Das muss man den Menschen wieder klarmachen.“

Staatsoper im Sommer

Operette Paul Abrahams „Die Blume von Hawaii“ mit Matthias Klink, Moritz Kallenberg und anderen ist vom 24. bis 27. Juni wieder Open Air am Hafen zu erleben (evtl. Restkarten an der Abendkasse).

Musical Leonard Bernsteins „Trouble in Tahiti“, ebenfalls am Hafen, steht am 7., 9., 12. und 13. Juli wieder auf dem Programm.

Oper Nachgeholt wird im Opernhaus am 11. Juli die zweimal verschobene Premiere von Massenets „Werther“; weitere Vorstellungen sind am 13., 15. und 18. Juli. Außerdem gibt es am 11. und 12. Juli „Die Zauberflöte“ auf dem Killesberg.

Join Die Junge Oper im Nord bietet die Uraufführung eines „Straßenoratoriums“ mit dem Titel „Nesenbach“ mit unterschiedlichen Stationen im öffentlichen Raum. Premiere ist am 3. Juli.

Nocturne Am 17. Juli gibt es die Fortsetzung von „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht“ mit Schorsch Kamerun, Sängern und dem Staatsorchester.

Karten Der Vorverkauf für den Juli hat an diesem Freitag begonnen.