Die goldene Generation des deutschen Frauen-Tennis (von links): Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Julia Görges, Sabine Lisicki und die damalige Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner. Foto: imago/Sven Simon

Der weibliche deutsche Tennisnachwuchs wird massiv von Porsche gefördert. Trotzdem bahnt sich eine Lücke in der Nachfolge von Kerber, Petkovic und Co. an.

Stuttgart - „Auf Dauer Weltspitze“ lautet die Aussage von Porsche über seine Ambitionen als Förderer und Hauptsponsor des deutschen Frauentennis. Und dafür investiert der schwäbische Automobilhersteller mutmaßlich viel Geld – wie viel genau, ist nicht bekannt. Geld, das an Profis fließt, die bereits in der Weltspitze angekommen sind – dazu gehören unter anderem Angelique Kerber, Laura Siegemund, Andrea Petkovic und Mona Barthel –, als auch solche, die dort hinwollen.

Angelique Kerber brachte die Begeisterung zurück

Im Porsche-Talent-Team und im Junior-Team werden junge Frauen und Mädchen unterstützt, die nach einer Profikarriere streben beziehungsweise die den Spagat zwischen Schule und Leistungssport ausbalancieren müssen auf dem Weg dorthin. Daneben gibt es ein Netz von Bundesstützpunkten und Leistungszentren des Deutschen Tennis-Bundes (DTB), das sicherstellen soll, dass Kaderathleten jeglichen Alters täglich trainieren können und bestmöglich begleitet werden.

Diese Intensität in der Tennisförderung ist wohl einzigartig. Das „Erfolgsmodell“, wie Porsche seine Partnerschaft mit dem DTB nennt, besteht seit 2012. Eine neue Dynamik sei dabei entstanden – 27 Jahre nach Steffi Grafs letztem, von insgesamt 22 Grand-Slam-Siegen, entfachte Angelique Kerber gar große Begeisterung bei vielen Tennis-Fans, nachdem sie im Jahr 2016 ihren ersten Grand-Slam-Sieg bei den Australian Open feierte. Wie auch Julia Görges, die 2018 im Wimbledon-Halbfinale spielte.

Ernüchternder Auftritt in Australien

Und nun das: Bei den Australian Open 2021 kam keine der deutschen Spielerinnen in die dritte Runde. Kerber, Petkovic und Siegemund kamen erst gar nicht über das erste Spiel hinaus. Wobei Erstere härtere Bedingungen hatte als viele ihrer Kolleginnen, weil sie nach Ankunft in Melbourne wegen einer Quarantäne-Anordnung 14 Tage ihr Hotelzimmer nicht verlassen durfte. Andrea Petkovic beklagte neben der pandemiebedingten langen Trainingspause auch Knieprobleme, die seit einer OP vor einem Jahr anhalten und wohl auch das nahende Karriereende bedeuten werden. Und Laura Siegemunds erste Gegnerin war Tennis-Superstar Serena Williams.

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Mona Barthel verhinderte aus deutscher Sicht Schlimmeres, doch gegen die Tschechin Karolina Muchova war die 30-jährige in der zweiten Runde dann ohne große Chance. Während die sechsfache WTA-Turniersiegerin Petkovic bereits ein Buch veröffentlichte, als Fernsehmoderatorin auftritt und mit ihrer Aussage „Mal gucken, wie lange es der alte Gaul noch macht“ Rücktrittsgerüchte befeuert, halten sich ihre nationalen Konkurrentinnen, die allesamt die Jahresmarke 30 überschritten haben, zurück.

Kurzfristig keine Besserung in Sicht

Die Bundestrainerin Barbara Rittner äußerte sich bereits vor dem ernüchternden Abschneiden der deutschen Damen in Australien mit weiser Voraussicht: „Wir haben das ja kommen sehen.“ Und weiter: „Es kann im Übergang sogar auch mal sein, dass wir bei Grand Slams nur ein oder zwei deutsche Spielerinnen im Hauptfeld haben“, sagt Rittner. Denn die mittlere Generation rund um die vormalige Nachwuchshoffnungen wie beispielsweise Carina Witthöft oder Annika Beck haben sich mehr (Beck studiert mittlerweile Medizin) oder weniger (Witthöft nimmt sich seit Oktober 2019 eine Auszeit) vom Profitennis verabschiedet. Auch Antonia Lottner, Dinah Pfizenmaier oder Anna-Lena Friedsam konnten die Erwartungen nicht erfüllen.

„Es wird eine Weile dauern, bis wir wieder an Erfolge anknüpfen. Momentan sehe ich da keine Überfliegerin im Frauen-Tennis“, sagt die Bundestrainerin. Damit klaffe nun eine Lücke zwischen der goldenen Generation und dem Nachwuchs, die allesamt um die Jahrtausendwende oder gar noch später geboren wurden.

Bundestrainerin müsste Erklärung liefern

Unter den Hoffnungsträgerinnen, die auch dem Porsche-Perspektivkader des DTB angehören, befinden sich beispielsweise die Hamburgerin Noma Noha Akugue, die im Dezember mit erst 17 Jahren deutsche Meisterin wurde. Auch die Immendingerin Alexandra Vecic, seit Januar beim TEC Waldau unter Vertrag, gehört dazu. Die 19-Jährige beendete ihre Juniorinnen-Zeit auf Position acht der Juniorinnen-Weltrangliste. Waldau-Geschäftsführer Thomas Bürkle ist überzeugt, dass Vecic in der Bundesliga und auf internationalen Turnieren auf sich aufmerksam machen wird. „Sie gehört zu jenen, die uns an das Licht am Ende des Tunnels glauben lässt“, sagt Bürkle.

Mit den Aussagen von Barbara Rittner stimme er überein: „Sobald die bekannten Namen ihre Karriere beenden, kommt erst einmal nicht viel nach“, befindet auch Bürkle. An fehlender Förderung seitens des DTB oder auch Porsche liege es jedenfalls nicht. Ihnen attestiert Bürkle hervorragende Arbeit. Warum es trotzdem zu dieser Lücke gekommen ist? Darauf eine Antwort zu finden sei „schwierig“. Aus seiner Sicht müsste die Bundestrainerin diejenige sein, die dafür eine Erklärung liefert.

Zu viel Druck ist nicht förderlich

Rittner wiederum will die „verlorene Generation“ abhaken und sich nun auf den Nachwuchs konzentrieren. „Wir haben gute Talente. Was die brauchen, ist Erfahrung“, sagt die Bundestrainerin. „Auf Dauer Weltspitze“ – davon muss sich Tennis-Deutschland wohl vorerst verabschieden. Immerhin: „Man darf diese jungen Spielerinnen nicht zu sehr unter Druck setzen, denen muss man Zeit geben“, klingt nach einer gesunden Einstellung von Barbara Rittner, um den Erfolgsdruck an die junge Generation nicht ins Unermessliche zu steigern.

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