Hendrik Jebens gehört zu den besten Tennisspielern der Welt – im Doppel. Dabei stand die Karriere des Stuttgarters schon mehrmals vor dem Aus. Wie hat er es im Alter von 28 Jahren doch noch nach oben geschafft?
Nach einem anstrengenden Jahr ist so ein mehrwöchiger Auslandsaufenthalt ja oft genau das Richtige. Den Kopf frei bekommen, ausspannen, abschalten, am besten ganz weit weg sein. Zum Beispiel: in Australien. Im Grunde wäre also Hendrik Jebens das beste Beispiel für diese Theorie. Der Stuttgarter hatte viel zu tun in 2023 – und demnächst fliegt er nach Down Under. Allerdings mit ganz anderen Ambitionen.
In Melbourne trifft sich die Tenniselite vom 14. Januar an zum ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres. Wie immer. Was neu ist: Hendrik Jebens ist mit dabei. Und das ist alles andere als selbstverständlich.
Klar, ein talentierter Tennisspieler war der heute 28-Jährige schon in jüngeren Jahren. Er hatte beim TC Doggenburg begonnen, spielte später unter anderem beim TC Blau-Weiß Zuffenhausen, beim TC Waiblingen und beim TC Leonberg. Mit 18 allerdings hatte er noch keinen ATP-Punkt, machte sich Gedanken übers Aufhören – und wählte dann den Umweg über das College in den USA. In San Diego schwang er zwar weiter den Schläger, kam aber auch auf andere Gedanken. Und stand wieder vor dem Aus als Tennisspieler. Aber er spürte: „Da war noch was in mir, eine Art innerer Antrieb. Und das wollte ich nicht wegwerfen.“ Also versuchte er es weiter.
Und zwar dort, wo von der Glamourwelt des Profitennis wenig zu sehen ist: auf der Future-Tour. Wo die Hallen oft kalt und zugig sind. Wo die Kosten fast vollständig selbst zu tragen sind und es wenig Preisgeld zu verdienen gibt. „Finanziell kam dabei nicht viel rum“, erinnert er sich. Was er dagegen noch genau weiß: dass er parallel Bewerbungen schrieb und als Personal Trainer arbeitete. Corona tat sein Übriges. Doch nun, zwei, drei Jahre danach, sagt er: „Im nächsten Jahr wollen wir so richtig angreifen.“
Wir? Wir! Denn Hendrik Jebens ist mittlerweile Doppelspezialist – und in der Weltrangliste die Nummer 63. Im Laufe des Jahres 2021 entschied er sich, bis zum damaligen Jahresende voll auf die Variante mit Partner zu setzen. Weil es gut lief, setzte er diese Karrieretaktik 2022 fort – und erlebte dann im nun zu Ende gehenden Jahr 2023, wie der Weg immer erfolgreicher wurde. Aber auch erfolgreicher werden musste. „Im Doppel“, sagt Hendrik Jebens, „musst du schon richtig gut sein, um damit auch Geld verdienen zu können.“
Der Weg indes ist der gleiche, den man auch als Einzelspieler bewältigen muss. Wer auf den Future-Turnieren spielt, versucht alles, zu den Challenger-Events zu kommen, die nächste Stufe sind dann die ATP-Turniere und die Grand Slams. Um zu schaffen, was Jebens mit seinem Doppelpartner Constantin Frantzen (er ist die Nummer 66 der Welt und löste im Laufe der Zeit Fabian Fallert an Jebens’ Seite ab) nun tatsächlich erreicht hat, und zwar eine Teilnahmeberechtigung für die ATP-Tour 2024, war das Duo fleißig wie kaum ein anderes Duett auf internationaler Ebene.
Teilnahme an den Boss Open wäre „ein Highlight“
38 Turniere hat Hendrik Jebens in diesem Jahr bislang gespielt, nur zwei Spieler unter den Top 100 der Doppel-Weltrangliste haben ein noch strafferes Programm abgespult. Aber der Fleiß wurde ja auch belohnt. Sieben Turniersiege auf der Challenger-Tour stehen nun im Lebenslauf des Stuttgarters, dazu vier Finalteilnahmen. Fast noch wertvoller: das Erreichen des Endspiels Anfang November im französischen Metz – bei einem ATP-Turnier. In der Kategorie also, die im kommenden Jahr Normalität werden soll. Parallel dazu wird der 1,96 Meter große Hendrik Jebens auch für den Essener Bundesliga-Club TC Bredeney an den Start gehen.
„Wir sind happy“, sagt der 28-Jährige, „aber jetzt geht es eigentlich erst richtig los.“ Und das eine oder andere Ziel ist ein bisschen greifbarer geworden in den vergangenen Monaten. Etwa die erstmalige Teilnahme am Heimspiel auf dem Stuttgarter Weissenhof („Das wäre ein Highlight“). Das Erreichen der Top 40 im Doppel („Das wird schwer, aber dann hat man es geschafft“). Oder ein Einsatz für das deutsche Davis-Cup-Team. Lediglich drei deutsche Doppelspezialisten stehen in der aktuellen Weltrangliste noch vor Hendrik Jebens: Kevin Krawietz (21.), Tim Puetz (24.) und Andreas Mies (33.) – und Kontakte zu den zuletzt erfolgreichsten deutschen Einzelspielern bestehen auch.
Im vergangenen Sommer etwa hätte Hendrik Jebens eigentlich mit Jan-Lennard Struff das Doppel im Wimbledon gespielt – eine Verletzung der aktuellen Nummer 25 der Einzel-Weltrangliste verhinderte dann aber Jebens’ Premiere auf dem heiligen Rasen in London. Die könnte für den Doppelspezialisten, der alle seine Aktivitäten selbst organisiert, im Sommer 2024 Realität werden.
Schließlich ist der Traum vom Leben als Tennisprofi doch noch wahr geworden.