Aufschlag Tommy Haas: Der 36 Jahre alte Tennisprofi will’s nach seiner Schulter-Op nochmal wissen Foto: dpa

Er hat noch nicht aufgegeben: Deutschlands Tennisroutinier Tommy Haas kämpft nach seiner schweren Schulterverletzung im Sommer um seine Rückkehr auf die Tour. Der frühere Weltranglistenzweite hat noch große Ziele – auch beim Turnier in Stuttgart.

Herr Haas, wo treffen wir Sie an?
In Florida, in der Bollettieri-Akademie. Ich trainiere derzeit mit ein paar Partnern.
Tut die Schulter nicht mehr weh?
Sie ist auf einem guten Weg. Solch eine Verletzung geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei, und ich kann auch noch nicht voll durchziehen. Ich weiß jedoch, wie ich mit der Situation umgehen muss, denn ich habe es ja schon dreimal erlebt. Es fühlt sich aber toll an, zurück auf dem Court zu sein.
Mit 36 Jahren arbeiten Sie schon wieder an Ihrer Rückkehr auf die ATP-Tour. Haben Sie noch nie an Ihr Karriereende gedacht?
Klar, manchmal denke ich natürlich ans Karriereende. Trotzdem habe ich für mich entschieden, dass ich nach alledem, was ich schon durchgemacht habe, nicht auf diese Art und Weise, also mit einer Verletzung, von der Tennisbühne abtreten möchte. Meine große Motivation ist nach wie vor meine Tochter Valentina, die immer besser versteht, was ich eigentlich mache. Und dann treibt mich an, dass ich noch einmal die großen Tennisbühnen dieser Welt betreten möchte. Wenn mein Körper mitspielt, werde ich 2015 auch dank der zahlreichen Wild-card-Angebote der Turnierveranstalter noch eine spannende Saison erleben.
Bis wann könnte es für ein Comeback reichen?
Es bleibt abzuwarten, wie die Schulter auf die Belastung reagiert. Bis jetzt sieht aber alles gut aus. Mein Ziel ist es, spätestens im März beim ATP-Masters in Indian Wells auf die Tour zurückzukehren.
Wie sieht der Zeitplan bis dahin aus – und wie war der Weg bis heute seit dem OP-Termin?
Nach der OP habe ich meiner Schulter zunächst einmal ausschließlich Ruhe gegönnt. Das hat gutgetan. Dann habe ich wieder mit Lauftraining begonnen und mein Programm durch Kraftübungen erweitert. Tennis habe ich dann zuerst mit links gespielt, mittlerweile ist mir auch der Umstieg auf meinen rechten Schlagarm gelungen.
Dann könnten Sie ja im nächsten Jahr auf dem Weissenhof aufschlagen, wenn der Mercedes-Cup dort erstmals vom 6. bis 14. Juni auf Rasen ausgetragen wird.
Der Mercedes-Cup ist mein großes Ziel. Seitdem ich weiß, dass er auf Rasen ausgetragen wird, habe ich immer gesagt: Da will ich dabei sein! Ich möchte noch einmal vor dem tollen Stuttgarter Publikum spielen. Der Rasen ist ein zusätzlicher Anreiz.
Außerdem haben Sie mit Stuttgart noch eine Rechnung offen. Auf dem Killesberg konnten Sie noch nie gewinnen.
Richtig. Die bittere Finalniederlage 1999 gegen Magnus Norman nagt noch immer an mir. Hier zum Ende meiner Karriere doch noch zu gewinnen wäre ein absolutes Highlight. Ich konnte den Rasen am Centre-Court im November schon kurz testen. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt, was sich in den vergangenen eineinhalb Jahren auf dem Weissenhof getan hat.
Apropos Mercedes-Cup: Welche Chancen bietet das Turnier für das deutsche Tennis?
Die größten deutschen Tenniserfolge wurden in Wimbledon gefeiert. Jetzt haben wir in Deutschland gleich zwei Rasenturniere, sprich, exzellente Möglichkeiten, auf Rasen zu trainieren und Matches vor heimischem Publikum zu absolvieren. Aber nicht nur die deutschen Spieler profitieren von dieser neuen Rasenserie, auch die Topstars haben die Chance, sich besser auf Wimbledon vorzubereiten. In der Zeit zwischen Roland Garros und Wimbledon wird sich in Zukunft das Welttennis sehr stark auf Deutschland, also auf Halle und Stuttgart, konzentrieren.
Wären Sie auch noch mal bereit, für das deutsche Daviscup-Team zu spielen?
Ja, ich stehe einem Einsatz im Daviscup natürlich positiv gegenüber. Wenn ich fit bin, bin ich gerne bereit, unser Land zu vertreten. Wann es jedoch wieder reicht, der Mannschaft helfen zu können, ist derzeit noch schwer einzuschätzen.
Was macht den Daviscup für Sie so reizvoll?
Zum einen habe ich immer sehr gerne für Deutschland gespielt. Zum anderen bietet der Daviscup besondere Emotionen – das hat man auch in diesem Jahr wieder beim Finalsieg der Schweiz in Frankreich gesehen.
Zuletzt gab es aber Ärger. Anfang Februar wollte beim Stand von 3:0 gegen Spanien plötzlich kein deutscher Topspieler mehr antreten, die Fans waren sauer. Glauben Sie, dass die Verstimmungen abgehakt sind?
Dieses Thema ist für mich endgültig erledigt. Ich habe dazu ja bereits ausführlich Stellung genommen. Wir sollten nach vorne blicken und uns voll auf 2015 konzentrieren.
Aber die deutschen Tennisherren sind doch keine Harmonie-Truppe. Es gibt untereinander öfter Ärger.
Das kann ich so nicht stehen lassen. Die Spieler gehen korrekt und fair miteinander um. Wir müssen nicht die besten Freunde sein, aber dass man sich untereinander respektiert, ist notwendig, um als Team erfolgreich zu sein. Mein Sieg im Doppel gemeinsam mit Philipp Kohlschreiber gegen Spanien ist ein gutes Beispiel dafür. Rausgehen, sich am Platz gegenseitig unterstützen und am Ende gewinnen – das ist es, worauf es im Daviscup ankommt.
Was für Ziele haben Sie sonst noch als Profi?
Ich möchte gesund bleiben und dann noch einige tolle Momente auf dem Tenniscourt erleben. Ein Turniersieg wäre sensationell – oder noch mal so einen Erfolg zu feiern wie 2013 in Miami gegen Novak Djokovic. Das sind die Momente, warum ich auf dem Platz stehen möchte.
Jimmy Connors stand ja im Alter von 39 Jahren noch im Halbfinale der US Open. Trauen Sie sich so etwas auch zu?
Seit dieser Zeit hat sich das Tennis noch einmal extrem weiterentwickelt. Auf dem Weg in ein Grand-Slam-Halbfinale musst du ein bis zwei absolute Topspieler wie Federer, Nadal oder Djokovic schlagen. Solche Kaliber über drei Gewinnsätze zu bezwingen ist natürlich sehr schwer. Aber der Sport hat schon viele sensationelle Geschichten ­geschrieben.
Und was wollen Sie nach Ihrer aktiven Karriere machen? Trainer, Manager, Privatier?
Es gibt einige Möglichkeiten und Pläne. Nach dem Ende meiner Karriere möchte ich eine kleine Auszeit nehmen und mich ganz meiner Familie widmen. Danach werde ich dem Tennissport sicherlich in irgendeiner Form erhalten bleiben. In welcher Funktion genau, ist aber noch offen.
Auf der Funktionärsebene ist Ulrich Ernst der neue Präsident des Deutschen Tennis-Bundes. Wurde eine Chance verpasst, in Michael Stich einen Chef direkt aus dem Sport zu wählen?
Die Entscheidung ist für mich nicht nachvollziehbar. Michael Stich wäre der perfekte Kandidat gewesen: Top-Spieler, Wimbledon-Champion und ein hervorragender Turnierveranstalter, der international extrem gut vernetzt ist und über großes Fachwissen verfügt. Es ist schade, dass die DTB-Gremien diese einmalige und große Chance nicht genutzt haben.
Zurück auf den Tennisplatz: Welchem deutschen Nachwuchsspieler trauen Sie eine große Karriere zu?
Natürlich ist in erster Linie Alexander Zverev zu nennen. Er ist für sein Alter extrem weit, und ich hoffe, dass er sich weiterhin so positiv entwickelt. Dann könnte er ein Top-Spieler werden. Aber auch andere junge Nachwuchsleute wie Jan Choinski oder Maximilian Marterer haben großes Potenzial.
Wie und wo wird im Hause Haas eigentlich Weihnachten gefeiert?
Wir feiern für gewöhnlich bei uns daheim in Los Angeles Weihnachten – in den USA wird das Fest anders begangen als in Deutschland. Es kann jedoch gut sein, dass wir im Winter einige Tage beim Skifahren verbringen oder einen Urlaub auf Hawaii genießen. Da laufen aber noch die Planungen.
Was vermissen Sie in den USA und auf der Tour eigentlich am meisten?
In den USA vermisse ich hauptsächlich das gute deutsch-bayerische Essen. Auf der Tour natürlich meine Tochter und meine Familie.
 
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