Stuttgart gilt in Deutschland als Mekka des Weißen Sports – doch warum? Eine Spurensuche am Rande des Porsche Tennis Grand Prix Foto: Bongarts

Als einzige Stadt in der Bundesrepublik hat Stuttgart noch zwei Tennis-Profiturniere und ist zudem regelmäßig Austragungsort für den Fedcup und den Daviscup. Aus guten Gründen.

Stuttgart - Ion Tiriac hatte immer auch einen Kopf fürs Geschäft. Der Manager, der einst Boris Becker die Taschen füllte, wäre sonst nie einer der reichsten Rumänen geworden. 1989 organisierte der Mann mit den markanten Koteletten das Daviscup-Finale in Stuttgart zwischen Deutschland und Schweden (3:2). In einer Zeit, in der Tennisfans beinahe ihren kleinen Finger für eine Karte geopfert hätten. Oder zumindest bereit waren, tagelang vor den Vorverkaufskassen zu campieren.

Tiriac, ganz Geschäftsmann, erkannte das Potenzial in der sportbegeisterten Stadt: Er wollte die 10 000 Zuschauer fassende Schleyerhalle deshalb kurzfristig erweitern. Der Karpatenkönig plante, in der Halle Mauern einzureißen, um mehr Platz zu schaffen.

Die Rechnung hatte der Impresario ohne die Behörden gemacht. Sie untersagten ihm die Baumaßnahme. „In Stuttgart“, soll Tiriac damals geschnaubt haben, „wird das Tennis nach dem Boom um Boris und Steffi Graf sterben.“ Und kaum war Becker vom Tennisradar verschwunden, machte sich der Rumäne aus dem Staub.

Tennissterben in Deutschland - Stuttgart blieb verschont

2002 zog er als Organisator des ATP-Masters, der sogenannten Eurocard Open, die im Schnitt 50 000 Zuschauer an neun Tagen an das Neckar-Ufer lockten, weiter, um in Madrid mit dem Turnier neue Märkte zu erschließen. Jedoch: Mit seiner Annahme, dass der Weiße Sport in der Stadt keine Zukunft habe, lag Tiriac daneben.

Zwar setzte in Deutschland – wie in Leipzig, Berlin oder Frankfurt – tatsächlich das große Turniersterben ein, doch Stuttgart blieb verschont. Mehr noch: Der Mercedes-Cup und der Porsche Tennis Grand Prix stehen vor einer passablen Zukunft. Denn Tennis und Stuttgart, das passt einfach. Aber warum eigentlich?

„Es liegt an der Tradition, die es sonst so in Deutschland nicht oft gibt“, vermutet Markus Günthardt, bis 2001 Turnierdirektor bei den Herren und seit 2005 Macher des WTA-Turniers. Die Veranstaltungen gebe es „eine gefühlte Ewigkeit, die Leute können sich darauf verlassen, dass sie stattfinden“. Tradition verpflichtet eben. Der Porsche Grand Prix feiert dieser Tage die 38. Auflage, das Herrenturnier auf dem Weissenhof gibt es 2015 zum 100. Mal.

Perfektes Umfeld für ein Turnier

Daneben, meint Günthardt, biete die Stadt das perfekte Umfeld für ein Turnier: „ein begeisterungsfähiges Publikum und eine wirtschaftlich gesunde Region“. Edwin Weindorfer, Turnierdirektor des Mercedes-Cups, wird etwas genauer: „Durch die beiden ansässigen Automarken gibt es die perfekten Titelsponsoren.“ Finanziell böten Mercedes und Porsche Planungssicherheit über Jahre. Ein großes Plus für die Organisatoren.

So hat der Autobauer mit dem Stern vor zwei Jahren den Vertrag mit Weindorfers Eventfirma Emotion bis 2019 verlängert und damit erst die Umstellung in diesem Jahr von Sand auf Rasen auf dem Weissenhof ermöglicht. „Dieser Wechsel des Belags hat die Zukunft unseres Turniers gesichert“, sagt Weindorfer mit Blick auf die zuletzt durchwachsenen Ausgaben seines Events.

Denn als Rasenturnier (6. bis 14. Juni) rutscht der Mercedes-Cup in die Wimbledon-Vorbereitungsphase. Dadurch wird er interessanter für die Topspieler, die in jüngster Vergangenheit einen Bogen ums Turnier gemacht hatten. Für die aktuelle Auflage hat Weindorfer Rafael Nadal verpflichtet – und dafür tief in die Tasche gegriffen.

Halbe Million Euro für Rafael Nadal

500 000 Euro kostet der Auftritt des Superstars zwar, aber der Österreicher rechnet mit einer goldenen Zukunft auf dem Killesberg, wo es mit Hilfe von Grassamen und Greenkeepern des All England Club in Wimbledon mittlerweile auf sechs Plätzen grünt. „So tolle Courts gibt’s nur noch in Queens“, frohlockt Weindorfer.

Für seinen Vorgänger Bernd Nusch sind es indes neben der guten wirtschaftlichen Situation nicht nur die Topanlagen, die für den Erfolg der hiesigen Turniere stehen. „Die Veranstaltungen leben auch von den Erinnerungen“, sagt er.

Nusch erzählt gerne, wie ihm die Tennisfans die Zäune eingerissen haben, „nur um 1981 Björn Borg zu sehen“. Der beliebte Schwede bezwang damals im Finale Ivan Lendl – „und die Leute jubelten von den angrenzenden Bäumen, auf denen sie saßen, um etwas von dem Spiel zu sehen“.

Unvergessen: der Auftritt von Anke Huber 1991 in Filderstadt

Das sind die Anekdoten, die das Tennis in Stuttgart zu erzählen hat. Und die zeigen, welche Bedeutung der Sport rund um die gelbe Filzkugel in der Stadt besitzt. Unvergessen ist für Michael Uhden der Auftritt von Anke Huber 1991 in Filderstadt.

„Als die damals 16-jährige Anke gegen Martina Navratilova das Endspiel gewann, platzte die Halle in Plattenhardt aus allen Nähten“, erzählt der damalige Turnierchef mit leuchtenden Augen – und das ZDF übertrug damals live. Allerdings: Anke Huber verbindet nicht nur Positives mit ihrem ersten von zwei Erfolgen in Filderstadt: „Das Blöde war, dass ich den gewonnenen Porsche gar nicht fahren durfte. Ich war noch nicht 18.“

Inzwischen ist sie Sportliche Leiterin des WTA-Turniers und für die Spielerinnen zuständig. Die fühlen sich in Stuttgart wohl, kommen gerne hierher. In den vergangenen acht Jahren wurde das Sandplatz-Event von den Profis auf der WTA-Tour sechsmal zum besten Turnier gewählt. Hier wollen fast alle aufschlagen.

„Stuttgart ist unser Wohnzimmer“

Wie Russlands Tenniskönigin Maria Scharapowa, die an diesem Donnerstag im Achtelfinale auf die Kielerin ­Angélique Kerber trifft. „Wir haben ein Starterfeld wie die zweite Woche bei einem Grand Slam“, betont Markus Günthardt. Und auch das deutsche Fedcup-Team gastiert gerne in der Stadt. Eigentlich immer. „Stuttgart ist unser Wohnzimmer. Wir können uns gar nicht vorstellen, woanders zu sein“, gibt Teamchefin Barbara Rittner zu.

„Ohne die Initiative von Einzelpersonen“, sagt Markus Günthardt aber, „würde es den Tennisstandort Stuttgart in der Form gar nicht geben“. Er denkt etwa an den früheren Drogisten Dieter Fischer, der 1978 das WTA-Turnier in Filderstadt gründete und 2002 an Porsche, den jetzigen Veranstalter, verkaufte.

2006 zog man dann in die Porsche-Arena um. „Ohne Fischers Mut würden wir heute nicht da stehen, wo wir sind“, findet auch Anke Huber. Denn entgegen Ion Tiriacs Theorien ist Stuttgart weiterhin die Tennis-Hauptstadt der Republik.

Hintergrund: Blackout von Lisicki, Erfolg für Kerber, Pleite für Görges

Hintergrund: Blackout von Lisicki, Erfolg für Kerber, Pleite für Görges

Was für ein Katastrophen-Auftritt! Kaum angekommen, ist Sabine Lisicki schon wieder raus aus dem 38. Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart. Nach ihrer historischen Pleite musste die 25 Jahre alte Berlinerin sofort an die frische Luft. Auf dem Parkdeck neben der Porsche-Arena versuchte die völlig aufgelöste deutsche Nummer drei, ihre 0:6, 0:6-Auftaktpleite gegen Sarina Dijas (Kasachstan) zu verarbeiten.

Erst 90 Minuten nach Matchende sagte Lisicki, 19. der Welt, dann mit verweinten Augen: „Das war ein kompletter Blackout. Es hat nichts funktioniert, ich kann es nicht erklären.“ Lisickis Freund Oliver Pocher, der hilflos in der Box saß, flüchtete sich nach dem Match in Galgenhumor. „Sich einmal fühlen wie Brasilien letztes Jahr!“, twitterte der TV-Comedian in Anspielung auf die 1:7-Pleite der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland.

Ebenfalls in Runde eins ist Julias Görges ausgeschieden. Nach 2:40 Stunden unterlag die Stuttgart-Siegerin von 2011 der Schweizerin Belinda Bencic 6:3, 3:6, 5:7. Besonders bitter: Beim Stand von 5:4 und 40:0 hatte die Bad Oldesloerin bei Aufschlag Bencic drei Matchbälle, konnte diese aber nicht verwerten.

Besser trat die Fedcup-Teamkollegin von Görges, Angélique Kerber, auf. Die Weltranglisten-14. erreichte durch ein 6:2, 7:5 gegen „Lucky Loser“ Alexa Glatch (USA) das Achtelfinale, in dem sie an diesem Donnerstag (nicht vor 18.30 Uhr) auf Titelverteidigerin Maria Scharapowa (Russland) trifft. „Gegen Maria will ich jeden Punkt angreifen“, kündigte die Kielerin an.

Heute spielen

Centre-Court, Einzel, Achtelfinale, nicht vor 12 Uhr: Kvitova (Tschechien) - Brengle (USA),
– nicht vor 14 Uhr (SWR live): Witthöft (Hamburg) - Garcia (Frankreich),
– danach: Safarova (Tschechien) - Wozniacki (Dänemark),
– nicht vor 18.30 Uhr (Eurosport live): Scharapowa (Russland) - Kerber (Kiel),
– danach: Suarez Navarro (Spanien) - Bencic (Schweiz).

Court 1, Einzel, Achtelfinale, nicht vor 14 Uhr: Errani (Italien) - Diyas (Kasachstan),
– danach: Melnikowa (Russland) - Makarowa (Russland),
– danach, Doppel, Viertelfinale: Chan (Taiwan)/Liang (China) - Garcia (Frankreich)/Srebotnik (Slowenien),
– anschließend: Mattek-Sands (USA)/Safarova (Tschechien) - Husarova (Slowakei)/Kania (Polen).

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: