Tennis im altehrwürdigen Wimbledon – einer der ganz großen Klassiker des Sports. Foto: AFP

Das Tennisturnier in Wimbledon ist der Höhepunkt der Saison. Warum das so ist, liegt an der Tradition, dem Rasen – und natürlich auch an den Erdbeeren mit Sahne.

Stuttgart - Noch bis Sonntag kommender Woche messen sich im Südwesten Londons die besten Tennisspieler der Welt bei den All England Championships – besser bekannt als Wimbledon. Der Rasen gilt als heilig, nicht erst, seit Boris Becker den Centre-Court zu seinem Wohnzimmer erklärt hat. Wissenswertes und Kurioses zu einer der bedeutendsten Sportveranstaltungen der Welt.

Historisch

Der Rasen-Grand-Slam ist nicht nur das bedeutendste, sondern auch das älteste Tennisturnier der Welt. Wobei das eine natürlich das andere bedingt. 1877 wurden die Meisterschaften erstmals ausgetragen. Weil die Mitglieder des All England Croquet Club die Reparatur einer kaputten Rasenwalze nicht stemmen konnten, kamen sie auf die Idee, ein Tennisturnier auszutragen. Zunächst waren nur Männer zugelassen, ab 1884 auch Frauen. Heute spielen 757 Teilnehmer (inklusive Qualifikanten) um die Trophäen.

Rekordverdächtig

In Wimbledon haben sich viele Rekorde angehäuft. Der imposanteste: das Rekordmatch von John Isner und Nicolas Mahut im Jahr 2010. Elf Stunden und fünf Minuten duellierten sich der US-Amerikaner und der Franzose in Runde eins, verteilt über drei Tage – ein Rekord für die Ewigkeit. 6:4, 3:6, 6:7, 7:6 und 70:68 lautete das Ergebnis am Ende aus Sicht von Isner. Allein der letzte Satz dauerte acht Stunden und elf Minuten – normalerweise geht ein Satz selten länger als eine Stunde. Beim Stand von 47:47 versagte die Anzeigetafel ihren Dienst. In diesem Fall war die epische Länge dem Reglement von Wimbledon geschuldet, wo der fünfte Satz nicht per Tiebreak verkürzt wird. Niemand konnte ahnen, dass diese Regel einmal solch absurde Konsequenzen haben würde. In Runde zwei ging Isner – kaum verwunderlich – dann der Saft aus. 0:6, 3:6, 2:6 unterlag der Ami dem Kolumbianer Santiago Giraldo, Isner stand nur 74 Minuten auf dem Platz. Heute erinnert eine Gedenktafel neben Platz 18 an das Jahrhundertmatch.

Platzreife

Die Plätze sind zu 100 Prozent mit mehrjährigem Weidelgras bepflanzt.

Sie werden gehegt und gepflegt, vor Regen geschützt und sogar nachts bewacht. Während des Turniers wird das Gras gestutzt: auf exakt acht Millimeter. Der heilige Rasen von Wimbledon ist also keine Übertreibung.

Die Greenkeeper – die auch beim auf Rasen umgestellten Weissenhof-Turnier in Stuttgart beratend tätig waren – sind kleine Stars. Und mit mehr als nur Rasenmähen beschäftigt. Neun Tonnen Grassamen streuen sie jährlich auf die Plätze; allein während der zwei Wochen des Turniers werden über 11 000 Liter zur Bewässerung verbraucht. Und das in England!

Farbenlehre

Tennis – der weiße Sport. Nur in Wimbledon wird die Tradition noch gelebt. 90 Prozent der Kleidung müssen weiß sein, bei den restlichen zehn Prozent bevorzugt die Turnierleitung unauffällige Pastellfarben. Das musste auch Roger Federer einsehen: 2013 trug er Schuhe mit orangen Sohlen – das kam bei der Kleider-Polizei nicht gut an. Genauso wenig wie das „Vergehen“ von Eugenie Bouchard: Die Kanadierin trat 2015 mit einem schwarzen BH unterm weißen Oberteil an – und wurde verwarnt, als die schwarze Unterwäsche im Match aufblitzte. Die meisten Spieler/-innen halten die Regelung für Quatsch. „Es ist sehr seltsam, wenn mir jemand unter den Rock schauen will, um zu sehen, ob ich auch weiße Unterhosen trage“, sagt die Tschechin Barbora Strýcová. Die Regel wurde übrigens eingeführt, um peinliche Schweißflecken zu verstecken.

Altmodisch-vornehm

Allen Traditionen zum Trotz: Auch der altehrwürdige All England Lawn Tennis Club kann sich dem Fortschritt nicht verschließen. Der Bau des Daches über den Centre-Court 2009 war ein Politikum. Letztlich setzten sich die von den Wetterkapriolen genervten Befürworter durch. In zwei Jahren folgt die Überdachung von Court No. 1, dem zweitgrößten Tennisstadion der Anlage, die sich trotz moderner Technik ihren altmodisch-vornehmen Charakter bewahrt hat. Davon zeugen die akkurat frisierten Rosenhecken oder die königliche Loge auf dem Centre-Court mit ihren 74 dunkelgrünen Lloyd-Loom-Korbstühlen. Die Queen selbst stattete Wimbledon nur in den Jahren 1957, 1962, 1977 und 2010 einen Besuch ab. Der einst obligatorische Knicks der Spieler vor der Royal Box wurde 2003 abgeschafft. So britisch-vornehm sich der Club gibt, so volkstümlich geht es während des Turniers zu: Zehntausende Fans aus aller Welt feiern auf der Anlage und davor (beim Queueing, dem Schlangestehen) ein riesiges Volksfest.

Erdbeeren mit Sahne

28 000 Kilogramm Erdbeeren und 7000 Liter Sahne werden durchschnittlich während der beiden Turnierwochen verzehrt. Und Wimbledon wäre nicht Wimbledon, wenn es nicht auch dafür Regeln gäbe: Jede Erdbeere darf höchstens 12 bis 13 Gramm wiegen. Der Preis pro Schälchen: 2,85 Euro.

Die Wimbledon-Queen

Wimbledon ist eines der populärsten Sportereignisse weltweit. 2012 verfolgten weltweit 397 Millionen Menschen das Turnier im Fernsehen. Allein in den USA waren es fast 30 Millionen. Rekordsiegerin mit neun Einzelsiegen ist die Amerikanerin Martina Navratilova. Bei den Herren teilen sich Pete Sampras und Roger Federer die meisten Titel. Die Siegprämie 2017 ist die höchste aller Zeiten. Die Sieger der Einzelwettbewerbe werden jeweils 2,6 Millionen Euro mit nach Hause nehmen.

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